Mischpult bei Scalamedia. Foto: Scalamedia

Nachspiel auf Deutsch – Synchronisation ist mehr als Übersetzung

Seine Synchronisationsfirma Scalamedia hat Filme wie Tarantinos The Hateful Eight oder Serien wie House of Cards ins Deutsche übertragen. Anatol Holzach erklärt, warum Synchronisation mehr ist als reine Adaptionsarbeit.

Willkommen im Hochsicherheitstrakt. Anatol Holzach führt durch die Heiligtümer seiner Synchronisationsfirma Scalamedia. Filmmischung, Studios, Serverräume – jede Tür lässt sich nur mit einem Chip öffnen, den der 49-Jährige an seinem Schlüsselbund hat. Jeder dieser Chips ist namentlich registriert, erklärt er: „Unten im Controlling gibt es ein Programm, da können sie jederzeit nachschauen, wer wann welche Tür geöffnet hat.“

Für größere Produktionen, gerade aus den USA, ist das mittlerweile Standard und auch Voraussetzung, um an Aufträge zu kommen. Sicherheitsvorkehrungen, damit Geheimnisse, Plots und Spoiler nicht nach draußen gelangen. Im Aufnahmestudio zum Beispiel spielt ein Schauspieler einen englischen Kollegen nach, der im Original einen sehr breiten gälischen Akzent spricht. Um was für eine Produktion es sich dabei handelt, darf Holzach aber nicht sagen: „Das ist Top Secret.“

Deutsche Stimmen für internationale Filme. Scalamedia gibt Filmen die deutsche Fassung. Foto: Scalamedia

Deutsche Stimmen für internationale Filme. Scalamedia gibt Filmen die deutsche Fassung. Foto: Scalamedia

Der 49-Jährige ist vor mittlerweile 22 Jahren in die Synchronisationsarbeit eingestiegen, damals als absolutes Greenhorn. Eigentlich kam er aus der Werbebranche. Irgendwann kam ein Action-Kameramann, mit dem er zusammengearbeitet hatte, auf ihn zu und sagte ihm, es gebe ein kleines Studio zu kaufen. Holzach griff zu. Eine absolute Bauchentscheidung, erinnert er sich heute.

Anfangs hatte er dann auch gewaltige Probleme, seine ersten Aufträge zu bekommen. „Keine Referenz – kein Film“, erklärt er: „Das ist so ähnlich wie keine Wohnung – keine Arbeit – keine Wohnung“. Aber irgendwann hat er doch genug Überzeugungsarbeit geleistet und so mit seinem kleinen Studio die ersten Filme synchronisiert. Horrorfilme seien das gewesen, die Richtung Splatter gingen. „Eigentlich so gar nicht meines“, erinnert er sich. Aber ein Anfang.

Schritt für Schritt zu den ersten Aufträgen

Mit ein bisschen Glück und den richtigen Begegnungen zur richtigen Zeit bekam er Aufträge über die Kirch-Gruppe, darüber dann für deutsche Fernsehsender, und einen russischen Arthouse-Film, den er als Referenz angeben konnte, und so ging es Schritt für Schritt voran.

Aus dem damaligen Studio Preuss heraus gründete Holzach 1998 die Scalamedia als GmbH, 2013 zog die gesamte Firma von Unterhaching nach München, in den Lindwurmhof. Zusammen mit einem zweiten Studio in Berlin-Mitte hat die Firma zwei gut gelegene und gut erreichbare Standorte; gerade für die Schauspieler eine wichtige Sache, sagt der 49-Jährige.

Auch wenn er mit dem Umzug vor drei Jahren ordentlich in neue Technik investiert hat – Holzach gehört zur alten Schule. Ein bisschen, so kann man im Gespräch mit ihm erahnen, trauert er den Zeiten nach, in denen weniger Zeitdruck herrschte im Filmgeschäft, und in denen die Aufnahmepraxis noch andere Möglichkeiten zuließ.

Anatol Holzach. Foto: Scalamedia

Auch beim Synchronisieren von Filmen herrscht oft ein hoher Zeitdruck, erzählt Firmengründer Anatol Holzach. Foto: Scalamedia

Heute werden alle Schauspieler in der Vertonung einzeln aufgenommen, ähnlich wie in der Musik. Das sei zwar in der Mischung einfacher, erklärt Holzach, aber das organische Wechselspiel in Dialogen sei dadurch ein Stück weit verloren gegangen. Doch mit guter Regie und viel Arbeit lassen sich auch so noch lebhafte Szenen nachspielen. Zu den letzten Projekten seiner Firma zählten dann auch die deutschen Fassungen von Quentin Tarantinos Western-Kammerspiel The Hateful Eight und Kevin Spaceys Polit-Saga House of Cards.

Gerade The Hateful Eight sei ein echtes Ausnahmeprojekt gewesen, erzählt Holzach. Hier hätten sie noch richtig Zeit gehabt, 2.000 Takes aufgenommen, an jedem Take mit viel Herzblut gearbeitet, was auch vom Verleih honoriert wurde. Oft dagegen werde man heute nur noch als Dienstleister gesehen, der im Nachklang nochmal Geld koste.

Viele Filme werden unter deutlich mehr Zeitdruck synchronisiert. 400 Takes sind keine Seltenheit. Aber, so Holzach: „Wir rechnen ja nicht nach Kilo ab, also nach Laufzeit.“ Je nach Film ist der Aufwand unterschiedlich. Schließlich geht es darum, ein Werk komplett nachzuspielen.

Übersetzten allein reicht nicht immer

Dabei gilt es nicht nur, eins zu eins zu übersetzen. Eine gewaltige Herausforderung, gerade wenn es um Humor geht. Sprache ist ja immer in einem Kulturkreis verankert. Viele Witze aus englischsprachigen Sitcoms zum Beispiel funktionieren im Deutschen nicht. Diese für das hiesige Publikum zu übertragen, neue Wege zu finden, die auch vom Original abweichen, erfordere einiges an Können, so Holzach.

Oft geht das schief, oder ganze Gags fehlen in der deutschen Fassung. Aber das eine oder andere sei sehr gelungen, sagt Holzach, zum Beispiel bei den Monty Pythons: „Chleudert den Purchen zu Poden“ ist auch Jahrzehnte, nachdem Das Leben des Brian im Kino war, noch im Zitatenschatz fest verankert – und zwar nicht nur bei Filmfreaks.

Hier entsteht der deutsche Sound in München. Foto: Scalamedia

Hier entsteht der deutsche Sound in München. Foto: Scalamedia

Bei Dialogfilmen dagegen heißt es, die ganze Kunst der Übersetzung und Schauspielerei so zu lenken, dem Original so gerecht wie möglich zu werden: „Ein guter Dialogfilm in seiner deutschen Fassung ist dann gut, wenn ich die deutsche Fassung gar nicht merke.“

Am Ende muss ein Film mit seiner Aussage und seiner Emotion nachgespielt – und nicht nachgesprochen – werden. Was oft nicht gewürdigt werde, sagt Holzach. Die Synchronisation spiele sich im Schatten ab, die Schauspieler seien keine großen Stars, obwohl sie oft Großes leisten, und die Gagen seien bisweilen weniger attraktiv.

Aber in letzter Zeit gebe es doch ein paar Entwicklungen, seiner Branche zu etwas mehr Anerkennung zu verhelfen, so Holzach. Vor Kurzem hat zum Beispiel der Schauspieler Marcus Off in einem mittlerweile achtjährigen Rechtsstreit vor dem Kammergericht Berlin durchgesetzt, mehr Geld für seine Arbeit zu bekommen. Off lieh in den ersten drei Filmen der Fluch der Karibik Reihe Captain Jack Sparrow seine Stimme. Und auch die Dub Cards, also die Nachspanntafeln, in denen die Synchronsprecher namentlich genannt werden, seien ein Schritt in eine gute Richtung, sagt der 49-Jährige. Wenn auch ein kleiner.