Filmtonart - Tag der Filmmusik. Foto: BR/Yves Krier

Ton und Dramaturgie in 360-Grad-Filmen – filmtonart 2016

Klangvolle Musik und ein gut abgestimmter Sound sind für einen hochwertigen Film unverzichtbar. Nicht selten verleiht erst die Filmmusik einer Szene die herzergreifende Dramatik oder lässt sogar Tränen kullern. Aber wie funktioniert Fimmusik für 360-Grad-Videos? Diese für 360-Grad-Filme zu konzipieren stellt Komponisten, Soundspezialisten und Regisseure vor neue Herausforderungen. Die diesjährige filmtonart hat in einer Podiumsdiskussion verdeutlicht, welchen dramaturgischen Stellenwert der 360-Grad-Sound zukünftig einnehmen wird.

Sebastian Züger (Autor) beim Panel: Virtual Reality - Revolution der Sinne. Foto: BR/Lisa Hinder.

Sebastian Züger (Autor) beim Panel: Virtual Reality – Revolution der Sinne. Foto: BR/Lisa Hinder.

„360-Grad-Videos sind derzeit noch stark visuell geprägt“, leitet der Moderator Matthias Leitner die Gesprächsrunde ein. Auf Websites, in sozialen Netzwerken oder über entsprechende Apps sind bereits viele, meist kurze Filme zu finden, in denen die Nutzer ihre Perspektive verändern und sich rundum umsehen können – eben 360 Grad. Entsprechende Kameras sind auf dem Markt mittlerweile zu erschwinglichen Preisen verfügbar.

Zwischen der oftmals schon recht guten Bildqualität und der mitgelieferten Tonqualität klaffen jedoch nicht selten Welten. Und das lenkt die Aufmerksamkeit auf die Komplexität des menschlichen Gehörs. Um dieses bestmöglich nachzuempfinden, muss sich ein Geräusch im Film verändern, sobald der Nutzer seine Perspektive verändert. Es muss leiser oder lauter werden, wenn sich das Ohr nähert oder entfernt. Es muss lokalisierbar sein.

Diese flexible Anpassung beeinflusst fundamental den Sound und seine Technik. 360-Grad-Tonaufnahmen brauchen objektbasierte Tonmischungen, um Geräusche für das Gehör lokalisierbar zu machen. Herkömmliche Filme sind hingegen kanalbasiert gemischt, erklärt der Akustikentwickler Andreas Dausend den Unterschied. Letztere sendet stets das gleiche Signal an das Gehör und kann sich nicht an eine veränderte Kopfposition anpassen.

Großes Kino braucht großen Sound

Doch spätestens wenn 360-Grad-Inhalte sich über das Stadium der kurzen Clips hin zu großen Kinoproduktionen weiterentwickeln, geht das nur mit entsprechendem Sound. Darüber sind sich die Experten während der Diskussion auf dem Tag der Filmmusik im Bayerischen Rundfunk Ende Juni 2016 einig. Erst das Zusammenspiel zwischen Bild und Ton, das qualitativ auf der gleichen Ebene angesiedelt ist, kann ein möglichst intensives und realitätsnahes Erlebnis für die Nutzer bieten.

„Ich freue mich schon sehr auf den ersten großen Blockbuster“, sagt Sebastian Züger vom Ersten Deutschen Fachverband für Virtual Reality.

Matthias Leitner, der bei BR Next als Projektleiter für 360-Grad-Videoproduktionen verantwortlich ist, meint daher: „Der Ton wird eine Schlüsselrolle einnehmen.“ Nicht nur, weil er möglichst real nachempfunden, das Eintauchen in die virtuelle Welt intensiviert, sondern auch, weil ihm in 360-Grad-Videos eine noch bedeutendere Rolle hinsichtlich der Dramaturgie zukommt. Aktuell sehen sich Filmemacher vor einer großen Herausforderung, wenn es darum geht, in einem schier unbegrenzten Bildraum eine Geschichte zu erzählen.

Wenn der Nutzer stets selbst entscheiden kann, in welche Richtung er seinen Blick wendet, ob nach oben in einen Film-Himmel, auf den Boden, hinter oder neben sich, dann müssen alle dramaturgischen Register gezogen werden, um zu signalisieren, für welche Richtung er sich entscheiden soll, um der Filmgeschichte zu folgen.

Das kann unter anderem mit der Akustik unterstützt werden. Man muss sich nur einmal vorstellen, was geschehen würde, wenn der Nutzer in einer 360-Grad-Welt mit dem Rücken zur Haupthandlung steht, dann jedoch ein Geräusch, Musik oder eine Stimme hinter sich wahrnimmt. Er würde sich unweigerlich und seinem natürlich Reflex entsprechend umdrehen, erhielte Orientierung in der Filmwelt und könnte dem Erzählstrang weiter folgen.

Von links: Andreas Dausend (Sound-Ingenieur) und Matthias Leitner (Moderator) beim Panel: Virtual Reality - Revolution der Sinne. Foto: BR/Lisa Hinder.

Von links: Sebastian Fillenberg (Komponist) und Matthias Leitner (Moderator) beim Panel: Virtual Reality – Revolution der Sinne. Foto: BR/Lisa Hinder.

Dass sich der Sound der Kopfposition des Nutzers anpasst, funktioniert mit Headtracking. Das heißt, Sensoren erfassen, wie sich der Kopf bewegt. Eine wichtige Grundlage für den Sound in 360-Grad-Filmen. Und die muss genauestens abgestimmt sein. „Mit einem Delay kann man Kopfschmerzen bekommen. Wenn da was nicht passt, kann das auch verstören“, sagt der Akustikentwickler Andreas Dausend bei der filmtonart, der für den Lautsprecher-Hersteller Teufel arbeitet und weist damit auf die Schwierigkeiten hin, wenn Ton und Bild synchron laufen.

Komponieren für 360-Grad-Filme

Aber was bedeutet diese technische Veränderung für Filmkomponisten? Müssen sie ihre Arbeitsweise komplett verändern und von Grund auf neu erfinden? Nein, meint Sebastian Fillenberg, danach gefragt. „Zu großen Teilen kann man Arbeitsweisen in den Sound für 360-Grad übertragen“. Der preisgekrönte Münchner Komponist hat bereits erste Anfragen bekommen, um für 360-Grad-Filme Musik zu schreiben. „Ich glaube, dass das eine riesige Chance ist“, sagt Fillenberg erwartungsvoll.

Und wie reagieren Regisseure? Peter Popp produziert bereits seit über zehn Jahren Filme für überdimensionale Leinwände – für sogenannte Fulldome Kinos, deren Leinwand einer Planetariumskuppel gleicht. Auch er musste mit seinem Team erst erkunden, wie Kamerafahrten, Beleuchtung und Inszenierungen möglich sind. Dabei ist er zu der Erkenntnis gekommen: „Durch die Art, wie man eine Geschichte erzählt, sorgt man dafür, dass der Zuschauer folgen kann. Es ist eine neue Dimension des audiovisuellen Filmerlebnis.“