Adidas AG

“Sport kennt keine Hierarchien” – Interview mit Jan Runau

Jan Runau, Leiter der Unternehmenskommunikation der Adidas AG, über gelungene PR-Arbeit, Sportbegeisterung als Antrieb und warum man öfter mit seinen  Kollegen joggen gehen sollte. Ein Interview im Laufen.

Jan Runau. Tuschezeichnung: Elisabeth Moch

Jan Runau. Tuschezeichnung: Elisabeth Moch

Unten die Laufschuhe, oben der wolkenverhangene fränkische Himmel: Wo könnte man sich besser mit dem Kommunikationschef von Adidas unterhalten als beim Joggen? Jan Runau begrüßt in seinen Büro in Polohemd und Jeans, er ist sofort beim Du. Schließlich gilt der Termin nicht nur für ein Interview, sondern auch zum Laufen. “Unter Sportlern gibt es kein Sie”, sagt Runau auf dem Weg zur Umkleide. Fünf Minuten später steht er vor der Adidas-Zentrale, der World of Sports in Herzogenaurach und dehnt sich. Laufhose, Windstopperjacke, Handschuhe gegen den Wind: “Wir haben ein Loch im schlechten Wetter erwischt”, sagt er.

Kurze Fragen zum Aufwärmen.

UltraBoost oder Adilette?

Jan Runau: Lieber den Laufschuh: also UltraBoost.

Triathlon oder Tennis?

Runau: Tennis.

Cappuccino oder Gatorade?

Runau: Hm.

Jan Runaus Blick geht hinaus über die Felder hinter dem Sportzentrum mit der hohen Fensterfront. Die Laufbänder und Maschinen für die Mitarbeiter im Inneren sind auch zur Mittagszeit gut besetzt. Runau kneift die Augen zusammen, überlegt.

Runau: Am Morgen: Cappuccino. Danach eindeutig Gatorade.

 

Warum hast du so lange überlegt?

Runau: Ich musste kurz nachrechnen: Wovon trinke ich mehr? Über den Tag verteilt sind es definitiv mehr Mineraldrinks. Cappuccino trink ich eigentlich nur morgens.

 

Und dann gestärkt mit dem Mineraldrink auf die Aschebahn oder lieber Langstrecke oder Sprint?

Runau: Langstrecke.

 

Sieben Kilometer, ein wirklicher Langstreckenlauf wird es heute also nicht, aber er soll ja in die Mittagspause passen. Jan Runau dirigiert den Weg: über fränkische Dörfer, durch kleine Waldstücke, vorbei an Feldern und Wiesen.  Gegenwind am Anfang, sagt Runau und läuft los. Auf dem Rückweg gibt es dafür Rückenwind.

 

Wie wichtig ist es, selbst Sport zu machen, wenn man bei Adidas arbeitet?

Runau: Es hilft auf jeden Fall. Und wer eine Leidenschaft für Sport hat, ist bei Adidas sowieso richtig.

 

Anders gefragt: Ist es denn auch wichtig, dass man sportlich ist?

Runau: Für mich gehört der Sport definitiv dazu. Inwieweit es wichtig ist, kommt natürlich auf die Funktion an. Wenn man in der Kommunikation arbeitet wie ich, ist man immer auch Markenbotschafter. Und deshalb muss man hinter dem stehen, was das Unternehmen verkörpert. Bei Adidas ist das nunmal der Sport.

 

Muss man in der PR immer voll hinter dem stehen, was man vertritt?

Runau: Ich habe vor einiger Zeit mein Engagement bei Adidas unterbrochen und ein Jahr bei Hugo Boss gearbeitet. Als ich Adidas damals verließ, dachte ich: PR ist PR – egal wo. Fachlich hat das gestimmt. Ich habe bei Hugo Boss aber eben doch festgestellt, dass es ein Unterschied ist, ob du Sportler bist und 150 Prozent hinter dem stehst, was du machst. Oder ob du gut, aber nur zu 90 Prozent an Mode interessiert bist. Die fachliche Qualifikation mag zwar immer noch stimmen, aber die Leidenschaft macht den Unterschied.

 

Die Leidenschaft für den Sport wird bei Adidas auf jeden Fall gelebt: Das firmeneigene Sportzentrum war voll. Und auch der Wald wimmelt vor Adidas-Mitarbeitern, die nach oder vor der Mittagspause eine Runde drehen. Neben dem Laufen aber auch noch ein Interview zu führen, ist auch hier ungewöhnlich. Und irgendwie auch unfair: Der Reporter stellt kurze Fragen. Jan Runau muss nachdenken, antworten und natürlich weiterlaufen. Für ihn ist die Sache viel anstrengender. Darauf angesprochen erwidert er mit einem Lächeln: “Deshalb laufen wir ja auch nicht so schnell.” Souverän gekontert.

 

Läufst du normalerweise alleine?

Runau: Wir haben zu Hause einen Hund. Der kommt oft mit. Ansonsten jogge ich gerne mit anderen. Das find ich auch das Schöne bei Adidas: Man trifft viele Leute beim Sport. Und es interessiert keinen, ob du mit dem Vorstandsvorsitzenden laufen gehst oder mit der Praktikantin Tennis spielst. Sport ist Sport: Er verbindet und kennt keine Hierarchien.

 

Wann kommst du dazu, neben der Arbeit im Unternehmen auch noch Sport zu treiben?

Runau: Ich spiele regelmäßig Tennis und bin ein Mal pro Woche in einer Laufgruppe. Das macht Spaß und bringt einem als Kommunikator zusätzlich noch etwas. Ich bin auch für interne Kommunikation zuständig und kann beim Laufen rausfinden, was wirklich diskutiert wird. Also ob unsere Kommunikation angekommen ist.

 

Und über was spricht man dann in der Adidas-Laufgruppe: nur über den Job?

Runau: Nein. Auch über Privates. Einen Kollegen zum Beispiel kannte ich nur vom Tennis. Einen Tag ist er mir aber auch in der Laufgruppe aufgefallen und ich fragte ihn: ‘Ich wusste gar nicht, dass du auch läufst?’ Plötzlich liegt die ganze Gruppe am Boden vor Lachen. Ich wusste nicht, was los war? Dann erzählte er, dass er für Neuseeland an den Olympischen Spielen teilgenommen hat: über 800 Meter. Sowas erfährst du nicht in einem Meeting. Beim Sport lernt man viele  Leute kennen. Und das gehört ebenfalls zu meiner Aufgabe bei Adidas: mich gut auszukennen.

 

Halbzeit beim Lauf. Kleine Schweißperlen haben sich auf Jan Runaus Stirn gebildet. Die Antworten kommen aber immer noch so flüssig wie am Anfang der Runde. Klar, ein paar Kilometer bringen einen ehemaligen Ironman-Triathleten nicht an seine Grenzen. Zeit, das Tempo nochmal etwas anzuziehen – also in den Fragen.

 

Am Frühstückstisch: Presseclippings oder Bundesligaergebnisse?

Runau: Bundesliga.

 

FC Nürnberg oder FC Bayern?

Runau: FC Bayern.

 

Das kann man in Herzogenaurach – also in Franken – ganz offen sagen? Auch Dortmund – immerhin von Puma gesponsert – wäre kein Problem?

Runau: Naja. Dann schon lieber Nürnberg.

 

Tablet oder gedruckte Zeitung?

Runau: Ich lese noch Zeitung ja.

 

Jan Runau war sogar selbst bei der Zeitung. Noch vor dem Studium, Sportökonomie in Bayreuth, bildete ihn der Donaukurier in Ingolstadt zum Redakteur aus. Runau hat also schon vor seiner Zeit bei Adidas viel über Sport berichtet.

 

Du hast 1991 als Pressesprecher bei Adidas angefangen: Was hat sich denn in den Jahren in der Kommunikationsbranche verändert?

Runau: Fast alles. Der extremste Unterschied ist, dass man heute als Unternehmen viel mehr selbst kommuniziert: Dass du eben nicht mehr nur mit Medien kommunizierst, sondern dass Unternehmen direkt mit der Zielgruppe in Kontakt treten.

 

Wie hat sich die Kommunikation bei Adidas geändert seit den 90er Jahren?

Runau: Ich würde sagen, dass wir viel offener, transparenter geworden sind und diese Offenheit auch leben. Es gibt eigentlich fast keine Anfrage, auf die wir nur antworten: Das kommentieren wir nicht. Wir versuchen immer, das Gespräch zu suchen, Stellung zu beziehen.

 

Also auch, wenn man manchmal lieber nichts sagen würde?

Runau: Ja. In solchen Situationen versuchen wir,  zumindest erreichbar zu sein. Ich glaube, das machen wir anders als viele andere Kommunikationsabteilungen. Ob die Antworten dann immer erschöpfend sind und den Journalisten zufrieden stellen, ist nochmal eine andere Frage. Aber grundsätzlich soll jeder erstmal eine Antwort von uns bekommen.

 

Was sagt man dann, wenn man eigentlich aber am liebsten nichts sagen würde?

Runau: Dann: ein klares ‘kein Kommentar’.  Beim Thema FIFA zum Beispiel oder bei anderen Fragen, die immer wieder an uns herangetragen werden. Aber dann kann man ja trotzdem ein Statement entwickeln, das unsere Haltung wiedergibt.

 

Ich habe gelesen, dass du seit 1994 kein großes Turnier verpasst. Wird das nicht irgendwann mal langweilig?

Runau: Das wäre jetzt überheblich, wenn ich das sagen würde. Natürlich ist es beim fünften Mal nicht mehr ganz so spannend wie beim ersten. Aber jeder Event hat seinen eigenen Charakter. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, wenn ich beim WM-Finale mit im Stadion sein kann. Und wenn Deutschland gewinnt, dann ist das einfach klasse. Wenn mich das kaltlassen würde, dann wäre ich falsch in dem Job.

 

Dehnen und Duschen: Am Ende waren es dann doch etwas mehr als die angekündigten sieben Kilometer, gibt Jan Runau grinsend zu. Aber: Ein bisschen zusätzliche Leidenschaft hat auch beim Laufen noch niemandem geschadet.