Mittendrin statt nur frontal – 360-Grad-Videos

Ein Museumsbesucher betrachtet die Kunstwerke, streift durch die Räume … und merkt plötzlich, dass er sich eigentlich gerade lieber in Kanada umschauen oder eine Runde tauchen gehen will. Kann er auch – und zwar vom Sofa aus: 360-Grad-Videos erlauben ihren Nutzern, spektakuläre Panorama-Unterwasserwelten zu erforschen, Naturereignisse zu erleben oder den Auftritt der Lieblings-Band mitzuverfolgen. Und sie stehen in ihren Möglichkeiten inhaltlich gerade erst am Anfang.

Der Hype um die Panorama-Videos hängt unter anderem mit der rasanten technischen Entwicklung zusammen. Sie können mittlerweile nicht mehr nur in Fulldome-Kinos, sondern über sämtliche Kanäle abgespielt werden: Sowohl über Browser wie Firefox oder Google Chrome, als auch über YouTube und Facebook lassen sich 360-Grad-Videos konsumieren. Wenn auf diesen Wegen auch nicht ganzheitliches Erleben im Fokus stehen kann, geben die Szenen doch einen tieferen Einblick als ein zweidimensionales Bild oder Video.

360° Video – Segway – Bergkirchweih 2014

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Die vielfältigen Ausspielmöglichkeiten, die durch neue Endgeräte wie Virtual-Reality-Brillen befördert werden, führen dazu, dass 360-Grad-Videos boomen. Zahlreiche Anbieter fangen an, das Format zu nutzen: darunter Museen oder die Reise- und Tourismusbranche, zum Beispiel das Erlangener Stadtportal Erlangen360, das 360-Grad-Panoramaansichten und -Videos rund um Leben, Events und Sehenswürdigkeiten in der Stadt zeigt. Jan Köhn, der das Portal betreibt, befasst sich seit 2013 mit 360-Grad-Videos und wendet die Technik vor allem an, um Impressionen aus Städten weltweit zu zeigen.

Mit den Orsons auf der Bühne

Nicht zuletzt die Medienanstalten machen sich das Format zunutze.

So hat der Fernsehsender Arte eine eigene App für 360-Grad-Inhalte produziert. Mit „Arte360“ können Nutzer Landschaftsaufnahmen oder Konzerte abrufen. Ein ganzes Filmteam begleitete zum Beispiel den Schweden Richard Tegnér bei seinem Segelturn durch die Nordwestpassage und drehte Videos mit 360-Grad-Technik. ProSieben bietet zum Finale der Musiksendung „The Voice of Germany“ dieses auch online in der 360-Grad-Variante an. Und auch der Bayerische Rundfunk versuchte bereits erste Schritte mit der neuen Technik: Das Konzert der Hip-Hop-Crew „Die Orsons“ auf dem PULS-Festival des gleichnamigen BR-Jugendsenders bildete ein perfektes Setting für den ersten hauseigenen 360 Grad Dreh, verrät Matthias Leitner, Projektleiter bei BR NEXT und verantwortlich für die Einführung der 360 Grad-Schlüsseltechnologie beim BR.

Die Orsons – Jetzt (360 Grad Video live @ PULS Festival 2015)

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Ein planbares Event, das in einem geschützten Rahmen stattfand und eine große Zielgruppe erreichte: Gerade im Hinblick auf die technische Umsetzung, die nicht ohne Tücken ist, eine gute Möglichkeit, sich mit der neuen Erzählform vertraut zu machen. Das Arbeiten mit 360-Grad-Videos sieht Leitner als chancenreiche, wenn auch sicher nicht einfache Herausforderung. „360 Grad ist allein von der Technik her nicht gerade trivial. Die Ausspielwege von Smartphone über Browser hin zu Virtual-Reality-Brillen bringen völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen mit sich, die auch unterschiedliche Inhalte verlangen.“ Besonders interessant ist für Leitner derzeit der mobile Ausspielweg: „Wir wollen die Nutzer von Smartphones an das neue Format heranführen. Und vor allem wollen wir nicht nur ein einziges, erstes Aha-Erlebnis kreieren, sondern auch dramaturgischen Mehrwert.“ Diesen Mehrwert findet er auf der emotionalen, inhaltlichen Ebene. Denn der aktuelle Hype rund um die neue Technik, prophezeit Leitner, lege sich irgendwann wieder. Und wenn dann keine neuen Erzählformen inhaltliche Tiefe erzeugen, lasse die Begeisterung ganz schnell wieder nach.

Der Inhalt gibt den Ton an

Für den Projektleiter müssen deshalb die technische Umsetzung und der Inhalt eng in Bezug stehen. „Dadurch, dass ich im mobilen Bereich mit dem Finger steuere, erfahre ich die Inhalte haptisch und bin deshalb stärker involviert – je mehr ich die Geschichte mit allen Sinnen erfahren kann, desto notwendiger ist sinnvolles Storytelling.“

Das kann Peter Popp bestätigen. Mit seinem Unternehmen Softmachine ist er Pionier in der Fulldome-Film-Produktion und produziert bereits seit zehn Jahren 360-Grad-Videos für kuppelförmige Leinwände. Und der Markt für die Domes wächst jährlich um 30 Prozent. Eine Entwicklung, die Popp vor allem mit der Konzentration auf neue und innovative Inhalte fördern möchte. „Uns interessiert, wie man Geschichten auf der Kuppelleinwand umsetzt.“ 360-Grad bietet für ihn eine zusätzliche Verständnis- und Erzählebene, die den Zuschauer emotional sehr viel mehr zu packen vermag, als eine Übertragung auf dem Flachbildschirm.

Den Zuschauer zum aktiven Teilnehmer werden lassen

Die Softmachine-Produktion Das Zauberriff ist der erste 360-Grad-Film mit wirklicher Handlung. „Wir mussten erst einmal herausfinden, wie man in diesem neuen Medium filmisch arbeitet, wie Schnitt, Kamerafahrten, Beleuchtung und die Inszenierung funktionieren, damit der Zuschauer auf der 360-Grad-Leinwand der Geschichte auch folgen kann.“ Wichtig ist zum Beispiel, Kamerafahrten zu „entschleunigen“, um den Zuschauer durch das intensive Filmerlebnis nicht zu überfordern“.

„Im Dome ist das Bild durch die architektonische Form der Leinwand dreidimensional und der Zuschauer ist mitten im Geschehen. Damit wird der Zuschauer zum aktiven Teilnehmer.“ In den neuen technischen Tools wie den VR-Brillen sieht Popp eine wertvolle Ergänzung zur Kuppel: „Die Brillen werden im Games-Bereich eine sehr große Rolle spielen – inwieweit im Filmbereich wird sich erst zeigen müssen.“ Aber, verrät Popp, die von Softmachine produzierten Filme funktionieren auch über VR-Brillen.

Kaluoka'hina – Das Zauberriff

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Sowohl für Popp als auch für Leitner gehen die Möglichkeiten von 360 Grad weit über Landschaftsimpressionen, Konzertaufnahmen oder sportliche Actionszenen hinaus. Denn, so Leitner „dieses Aha-Erlebnis“, das den Zuschauern durch die neue Technik geboten wird, vergeht irgendwann. „Die Leute wollen nicht nur eine Situation, sondern eine Geschichte erleben. Und wir wollen diese Geschichten erzählen lernen.“