ProSiebenSat.1 erobert das Musikfernsehen zurück

In den 90ern waren Formate wie MTV und VIVA in. Aber mit der Zeit verlor das Musikfernsehen seine Attraktivität. Und gerade durch das Internet wurde es sogar scheinbar obsolet. ProSiebenSat.1 wagt sich nun wieder, mit derlei Formaten zu liebäugeln. Mit ihrer Online-Musikplattform AMPYA will das Medienunternehmen seine Führungsposition auf dem deutschen Markt ausbauen.

Um die eigene Stärke und Kompetenz auszubauen, hat das Medienunternehmen mit Sitz in Unterföhring, bereits im Frühling 2015 Putpat.tv, den bis dahin führenden Anbieter von Musikfernsehen auf Smart-TV, Smartphone und Tablet, übernommen. “Mit Putpat.tv komplettieren wir unser musikalisches Portfolio um ein technisch versiertes und erfolgreiches Produkt. Damit verfügt AMPYA mit seinen Reichweiten, Verbreitungswegen, technischen Voraussetzungen und seinem Führungsteam über ideale Voraussetzungen, um den Wachstumskurs konsequent fortzusetzen”, erklärte Christof Wahl, Managing Director Digital Entertainment bei ProSiebenSat.1.

Der Onlinedienst für Musikvideos, wurde 2008 gegründet. Zum Zeitpunkt der Übernahme durch ProSiebenSat.1 konnte er, laut eigenen Angeben, 3,5 Millionen registrierte User vorweisen. Das Erfolgsrezept: Die Vorteile des Internets mit denen des klassischen Fernsehens zusammenbringen. Konkret bedeutet das, der User kann jederzeit, geräteunabhängig und individuell zusammengestelltes Musikfernsehen nutzen. „Putpat.tv steht für eine gelungene Neuinterpretation des Musikfernsehens in Zeiten von Smart-TV und mobiler Nutzung von Bewegtbild“, beschreibt Tobias Trosse den Dienst. Trosse, heute Geschäftsführer von AMPYA, war zuletzt Managing Director von Putpat.tv und zuvor bereits für den Musikfernsehsender VIVA tätig.

AMPYA Mediathek im Web-TV

AMPYA Mediathek im Web-TV: Bild: AMPYA

Beginn und Entwicklung des Musikfernsehens

Ein Blick zurück: Im Sommer 1987 ging der Musiksender MTV Europe erstmals auf Sendung und sollte bald die gesamte Musikindustrie revolutionieren. Das Musikvideo avancierte zum eigenen Genre und veränderte dabei nicht nur die Wahrnehmung von Musik. Es prägte auch die Jugendkultur entscheidend und veränderte die Sehgewohnheiten der Zuschauer. Die rasante Ästhetik der Musikvideos mit ihren oft schrillen Inszenierungen, ihren schnellen, rhythmisierten Schnitten wurde durch die Vielgestaltigkeit und Menge der gesendeten Clips verstärkt. Diese mitunter grelle Beschleunigung wirkt bis heute in audiovisuellen Formaten fort – nicht zuletzt in den Internetvideos. Mit dem Siegeszug des Internets verlor das Musikfernsehen allmählich seine Bedeutung.

Heute kann man mit Gewissheit sagen, dass Musik-Streaming-Dienste die Zukunft der Musikdistribution sind. Bei Anbietern wie Spotify, Deezer, Apple Music oder Google Play Music haben User Zugriff auf über 30 Millionen Titel. Und die Userzahlen steigen. Dass auch das Musikfernsehen diesem Trend folgt, ist nur konsequent. Zwar liese sich eigentlich vermuten, dass das Videoportal YouTube heute die Nachfrage nach Musikvideos umfassend bedient. Allerdings ist es zeitaufwändig, stimmige Playlists zu erstellen. Außerdem konnte sich YouTube bislang noch nicht mit der GEMA über ein Entlohnungssystem im Sinne des Urheberrechts einigen. Deswegen sind zahlreiche Musikclips nicht über deutsche Server erreichbar.

Personalisierungsfunktion bei AMPYA

Mit ein paar Klicks ist das Programm personalisiert. Bild: AMPYA

Größte legale Musikclip-Sammlung

Die Plattform AMPYA (sprich Empire), hingegen hat sich mit der GEMA geeinigt und wirbt mit der größten legalen Sammlung von Musikclips in Deutschland. 120.000 Musikvideos soll sie umfassen. Der User kann einzelne Videos oder Playlists anwählen oder personalisierte Musik-Streams zusammenstellen. Die Auswahl und Gewichtung einiger favorisierter Bands oder Genres genügt, um einem Algorithmus das Arrangement passender Musik zu überlassen. Diese Funktion übernimmt AMPYA seit der Übernahme von Putpat.tv. Darüberhinaus bietet die Online-Plattform auch redaktionell erstelltes Musikfernsehen mit eigenen Sendungen an. Highlights sind im Livestream übertragene Konzerte. „Wir verstehen uns als digitale Distributionsplattform und Partner der Musikindustrie“, so Matthias Bohlig von ProSiebenSat.1.

AMPYA-Geschäftsführer Tobias Trosse, erklärt, dass der Dienst besonders für die User interessant sei, die ein vernetztes Fernsehgerät nutzen. „Wir erreichen auf diese Weise eine überdurchschnittliche Verweildauer des Nutzers von durchschnittlich mehr als einer Stunde, weil er sich entspannt zurücklehnen kann und trotzdem nicht auf ein individualisiertes Programm verzichten muss.“ Diese lange Nutzung via Smart-TV ist besonders für die Platzierung von Werbung von Vorteil.

Wie sich AMPYA in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sehr sich internationale Konkurrenten wie Vevo.com auf dem deutschen Markt platzieren. Außerdem bleibt abzuwarten, ob sich YouTube.com mit der GEMA einigt.

 

Von Andreas Kohlmaier