Verstärkt Augmented Reality die Realitätsflucht? AR zwischen Ethik und Moral

Reizüberflutung ist das Thema der Podiumsdiskussion beim Augmented Reality Day 2015, der am 24. Februar 2015 an der HFF München stattfand. Christian Schiffer vom Bayerischen Rundfunk moderierte die Runde mit Christian Koska, IT-Projektleiter bei Bertelsmann, Gudrun Klinker von der Technischen Universität München, Medienethiker Matthias Rath und Technikethiker Karsten Weber. Das Gespräch drehte sich um die Frage, welche ethischen Veränderungen und Probleme mit Augmented Reality einhergehen.

Welche Realität sieht der Einzelne, und was geschieht, wenn die Menschen selbst Realität gestalten? Das unterschiedliche Sehen kann sich bereits bei jedem Benutzerprofil auf Facebook beobachten lassen. “Was denken Sie, wie viele Informationen haben Google oder Facebook über Sie gesammelt?” Diese Frage stellt Schiffer zu Beginn an Gudrun Klinker. Eine ganze Menge, vermutet sie, aber das sei für sie nicht das Hauptproblem: „Ich als Wissenschaftlerin für Augmented Reality habe eher Angst davor, dass mir zu viele Informationen auf die Brille gekleistert werden und ich dann nichts mehr sehe. Stellen Sie sich vor, Sie fahren Auto und dann werden Ihnen die nächsten zehn Fastfoodketten angezeigt. Das kann verheerende Folgen haben.“

Das Publikum beim Augmented Reality Day 2015 (Foto: Stefan Fries)

Das Publikum beim Augmented Reality Day 2015 (Foto: Stefan Fries)

Christian Schiffer wirft die These auf, dass Google Glass nicht nur aus technischen sondern auch aus kulturellen und sozialen Gründen gescheitert sei. Wenn das Gegenüber eine solche Brille aufhat, wisse man nie, wie man wahrgenommen werde. Das macht eine unbefangene Kommunikation schwierig. Diese Gefahr sieht auch Karsten Weber: „Kann ich noch unvoreingenommen auf Menschen zugehen, wenn ich schon vorher etwas über sie weiß? Das macht unser Leben doch ungemein ärmer.“ Dem widerspricht Rath vehement. Dass die Produzentenseite rein ökonomische Interessen verfolge, sei klar. Doch erst, wenn die Nutzer sich davon beeinflussen ließen und nicht mehr frei entscheiden könnten, habe die Gesellschaft ein Problem. Solange die Nutzer ihre Autonomie bewahren, wird der Markt kein Pflaster finden.

Deshalb scheint ihm auch das von Koska aufgeworfene Horrorszenario des fremdgesteuerten Menschen, der nur noch virtuelle Realität kennt, sehr unrealistisch. „Das ist dann auch kein technisches Problem mehr, sondern als bewusste Täuschung ein politisches.“

Schafkopfen im Bayerischen Wald – kleine Fluchten aus der Realität

Und wie ist das mit dem ewigen Vorwurf der selbst gestalteten Realitätsflucht? Die, so Weber, sei kein neues Phänomen. Schon als das Medium Buch auf den Markt kam, wurde es als Medium zur Realitätsflucht verteufelt: Leute, die lesen, entziehen sich schließlich dem wahren Leben und dem Austausch mit anderen. Und so ging es weiter: Mit jedem neuen Medium kam ein neuer Aufschrei. Dabei, so Rath, „ist doch auch das Schafkopfturnier im Bayerischen Wal eine Flucht. Das hat nichts mit Realität zu tun.“ Die Problematik sieht der Medienethiker in zwei Extremen, die gegeneinander stehen: Technische Begeisterung versus Bewahrungspädagogik. Seine Lösung? „Wir müssen ruhig Blut bewahren und den intensiven Austausch zwischen Ethik und Technik suchen.“

Kann Augmented Reality uns dann sogar in unserem Verständnis für Unbekanntes unterstützen? Medien haben schließlich schon immer geholfen, sich den anderen anzunähern, merkt Schiffer an. Wer sagt also, dass wir nicht irgendwann nachvollziehen, wie sich eine Fledermaus fühlt? „In eine Fledermaus werde ich mich nicht einfühlen können, weil ich gar nicht weiß, was ich da fühlen müsste. Ist es die Komponente des speziellen Fliegens? Oder die Art der Flügel?“, meint Klinker. Doch gerade im Medizinischen Bereich könne Augmented Reality eingesetzt werden, um den Heilungsprozess zu fördern oder medizinische Probleme und unterschiedliche Wahrnehmung bewusst zu machen. So könne sie sich durchaus vorstellen, Farbenblindheit besser nachvollziehen zu können, wenn ihr technisch vorgegaukelt wird, Farbwerte nicht zu erkennen. Genauso werde die Technik aber auch eingsetzt, um körperlichen Defiziten vorzubeugen. So zum Beispiel beim ersten anerkannten Cyborg Neil Harbisson, der mit einer implantierten Kamera seine Farbenblindheit ausgleicht.

Das Schlusswort der Diskussion kommt von Matthias Rath: „Techniken sind keine moralischen Instanzen. Im Endeffekt bleibt es also unsere Entscheidung, wie wir sie einsetzen. Wir können nicht erwarten, dass Augmented Reality uns zu besseren Menschen macht.“