„Die Zukunft des Journalismus ist auf der Bühne“

In einem abgedunkelten Raum sitzt eine junge Frau im Schummerlicht hinter einem Schreibtisch. „Nehmen wir mal an, Sie haben eine Idee“, beginnt sie ihren Monolog. „Etwas, das die Welt noch nicht gesehen hat, aber unbedingt braucht. Ich habe etwas erfunden, das ist der Wahnsinn…den Saugi Roller 2000“ Sie greift zum Telefon, am Ende der Leitung meldet sich das Patentamt und die Stimme eines ziemlich grantigen Beamten blafft aus dem Hörer: „Da müssen Sie sich an Schalter eins wenden, Korridor links, letzte Tür rechts. Hauen Sie ab!“

Tine Auerbach auf der kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters beim Zündfunk Netzkongress. Foto: Julia Weiss

Tine Auerbach auf der kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters beim Zündfunk Netzkongress. Foto: Matthias Kestel

Das Publikum lacht. Jetzt könnte man auf die Idee kommen, hier wird ein Theaterstück beschrieben – das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, denn Darstellerin Tine Auerbach ist keine Schauspielerin, sondern Journalistin.

In einer Zeit, in der das Internet die Medienwelt verändert, alles immer digitaler, neuartiger und virtueller wird, wählen die Mitglieder des Journalistenkollektivs „Affe im Kopf“ auch traditionelle Darstellungsformen für ihre Themen. Sie präsentieren sie als Bühnenstücke.

In „The Great Wide Open“ brachten sie ihren Zuschauern beim Zündfunk Netzkongresses das Thema Open Source näher. „Grundlage für das Stück ist immer das vollständig recherchierte Thema“, sagt „Affe im Kopf“-Mitbegründer Matthias Leitner. „Damit wollen wir zum Nachdenken anregen, gleichzeitig sollen die Leute eine gute Zeit haben.“ Eine halbe Stunde lang dauert die Vorstellung im Münchner Volkstheater. Die kleine Geschichte vom Staubsauger wird nicht wie in einem Theaterstück von Schauspielern vorgeführt, sondern findet alleine im Text statt – wie bei einer Lesung.

Das Münchner Kollektiv "Affe im Kopf" will innovativen, gut recherchierten Journalismus machen. Foto: Matthias Kestel

Das Münchner Kollektiv „Affe im Kopf“ will innovativen, gut recherchierten Journalismus machen. Foto: Matthias Kestel

Auf der Bühne runzelt Tine Auerbach die Stirn. „Dann eben kein Patent“, seufzt sie resigniert. „Der hier zum Beispiel hat gar nicht erst versucht, seine Geschäftsidee anzumelden.“ Auf einer großen Leinwand neben ihr erscheint ein Foto von Fabricio do Canto, einem Mate-Bier Hersteller, der sein Rezept und Produktionsverfahren im Internet offen legt.

In einer Audio-Slideshow wird das Publikum mitgenommen nach Berlin ins Mate-Café. Ton und Bild laufen getrennt voneinander ab. Während die Bilder zeigen, wie es bei Fabricio aussieht, erklärt der Hersteller sein „Mierbier“.

Die literarische Erzählung wird auf diese Weise von authentischen Momenten abgelöst, in denen Betroffene von ihren Erfahrungen mit Open Source berichten. Schließlich setzt sich Joachim Henkel zu Tine Auerbach an den Tisch. Er ist Professor für Technologie und Innovationsmanagement an der TU und erklärt im Live-Interview, wie Open Source als Wirtschaftsmodell funktionieren kann. Journalismus auf der Bühne ist ein Gegenangebot zur anonymen Digitalwelt – es kommt zur wirklichen Begegnung mit dem Publikum. Die Leute sind nicht mehr nur Teil einer Quote. „Es macht unglaublich Spaß auf der Bühne zu stehen und direktes Feedback zu bekommen“, sagt Tine Auerbach. „Du merkst sofort, ob was ankommt oder nicht.“

Zu „Affe im Kopf“ gehören zehn Journalisten, die sich vor drei Jahren in einem Kollektiv zusammen geschlossen haben. „Jeder von uns kommt aus einem anderen Bereich – Print, Radio, Fernsehen, Fotografie“, sagt Matthias Leitner. „Auf diese Weise ergänzen wir uns.“

Gemeinsam realisieren sie nicht nur Bühnenstücke, sondern ganz unterschiedliche Produktionen. Im Moment arbeiten sie an einer interaktiven Webdokumentation über das Augsburger Flüchtlingsprojekt „Grandhotel Cosmopolis“, aber auch an klassischen Formaten wie Filmen, Texten und Radiobeiträgen. „Wir wollen nicht Teil dieses Aktionismus sein, dass man unbedingt crossmedial arbeiten muss“, sagt Matthias Kestel. „Bei manchen Themen macht das keinen Sinn. Die Geschichte muss sich ihre Form suchen.“

Professor Joachim Henkel erklärt Tine Auerbach im Interview wie Open Source als Wirtschaftsmodell funktionieren kann.Foto: Matthias Kestel

Professor Joachim Henkel erklärt Tine Auerbach im Interview wie Open Source als Wirtschaftsmodell funktionieren kann. Foto: Matthias Kestel

Wirklich tief in die Materie einsteigen, ist gerade für freie Journalisten oft nicht mehr einfach. „An einem Tag musst du überspitzt ausgedrückt Spezialist für Weinhandel sein und am anderen Tag für Mehmet Scholl oder die Vorratsdatenspeicherung“, sagt Matthias Leitner. „Wir wollen Themen nicht fallen lassen, sondern dran bleiben, um nicht nur den momentanen Zustand sondern auch Entwicklungen abzubilden. Wenn jemand von uns gerade andere Aufträge und keine Zeit hat, dann übernimmt ein anderer und recherchiert weiter.“

In Zukunft will das Kollektiv weiter in Richtung Theater gehen, längere Stücke auf die Bühne bringen und Schauspieler miteinbeziehen. Im Pathos Transport Theater begleitete letztes Jahr ein ganzer Seemannschor ein Gespräch von Matthias Leitner mit einem Utopisten und bei der Münchner Woche für seelische Gesundheit im Gasteig moderierte Lea Hampel eine Live-Performance zum Thema Depression. Bei „Affe im Kopf“ darf Journalismus alles sein – klassisch, digital, crossmedial und auf der Bühne sogar Kunst.

Alle Beiträge des Zündfunk Netzkongress 2014 können hier im  eBook nachgelesen werden.