Der Buntstift wird 180 Jahre alt – eine Erfindung aus Franken geht um die Welt

Preußischblau, Venezianischrot, Kadmiumorange, Fleischfarbe mittel oder Lichtgelb: Wer heute zum Buntstift greift, kann in Farben geradezu schwelgen. Für jede Nuance des Lebens findet sich der richtige Ton. Mehr als 20 verschiedene Grüntöne gibt es allein – vom zarten Maigrün für den Frühling, Grasgrün für den Sommer bis hin zum Tannengrün für die dunkleren Monate des Jahres. Aus Künstlerateliers und Grafikbüros ist der Buntstift nicht mehr wegzudenken und noch viel weniger aus den Kinderzimmern – und zwar rund um den Globus.

180 Jahre ist es her, dass der Nürnberger Johann Sebastian Staedtler stolz von seiner Erfindung berichtete: im „Korrespondenten von und für Deutschland“. Es sei ihm gelungen, ließ er wissen, „Rötelstifte hervorzubringen, welche in Hinsicht ihrer Güte alle früheren Sorten weit übertreffen. Sie lassen sich gleich den Bleistiften aufs Feinste spitzen und vortrefflich schreiben.“ Rötel, auch „roter Ocker“ genannt, ist eine der Mineralfarben – eine Mischung aus Ton, Kreide und Roteisenerz.

Johann Sebastian Staedtler erfand vor 180 Jahren den Buntstift, das gleichnamige Unternehmen existiert bis heute.

Johann Sebastian Staedtler erfand vor 180 Jahren den Buntstift, das gleichnamige Unternehmen existiert bis heute.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde zwar bereits mit farbigen Stiften gemalt und gezeichnet. Doch was Staedtler da 1834 erfunden hatte, war von ganz neuer Qualität. Für die Ölkreidestifte vermischte er Farbpigmente mit Bindemitteln zu einer Mine, um die er eine schützende Holzhülle legte. Mit diesen Stiften ließ sich viel besser arbeiten, sie malten intensiver und ihr Abstrich hielt länger als der pulvrige und auf Papier nur schlecht haftende Pastellstift. Und die Hände blieben sauber.

Staedtler stammte aus einer Familie, die bereits eine lange Tradition als „Bleiweißstiftmachern“ vorweisen konnte. Der Schreiner Friedrich Staedtler gilt als einer der Bleistiftpioniere, sogar als der älteste urkundlich belegte Produzent. Obwohl es in der Region nicht viel Graphit gab – dem Stoff, der die Grundlage des fälschlicherweise Bleistift genannten Schreibgerätes darstellt – wurde Nürnberg zum Zentrum der Bleistiftindustrie. Neben Staedtler tauchten auch Namen wie Faber und Schwanhäußer auf.

Eine neue Firma für ein neues Produkt

Johann Sebastian Staedtler konnte also auf einiges an Erfahrungen zurückblicken, als er den Buntstift 1834 erfand. Der damalige Direktor der Kunstgewerbeschule, Albrecht Reindel, empfahl die Stifte in einem Gutachten – ohne Einschränkungen. Eine Ehre. Dies ermutigte den Erfinder, die Fabrik seines Vaters zu verlassen und mit 35 Jahren eine eigene Firma zu gründen: J.S. Staedtler. Noch im gleichen Jahr, 1835 also, präsentiert er seine Produkte auf der Weltausstellung in New York.
Doch der Nürnberger zeigte sich nicht nur einfallsreich, sondern auch als guter Geschäftsmann. Nur wenige Jahre später verschickt er seine Stifte nach Frankreich, England und Italien, nach Russland und Amerika. Die mittlerweile 54 Mitarbeiter stellten mehr als zwei Millionen Stifte pro Jahr her. Rund 20 Jahre nach der Erfindung des Buntstifts hatte Johann Sebastian Staedtler bereits 48 verschiedene Farbtöne im Sortiment.

Buntstifte und Künstlerbedarf, das Sortiment wuchs stetig. Die Weiterentwicklung hält bis heute an.

Buntstifte und Künstlerbedarf, das Sortiment wuchs stetig. Die Weiterentwicklung hält bis heute an.

Damit blieb er jedoch nicht allein. Auch die gedruckten Warenkataloge der Firma A.W. Faber boten ab 1860 Buntstifte in 48 Farbvariationen an. Das Unternehmen in Stein bei Nürnberg, 1761 gegründet, hatte neben den Bleistiften Künstlerbedarf im Sortiment. Spezielle Farbstifte für Kinder gab es in 24 Farben – in nur 11,5 Zentimeter Länge, speziell für kleine Hände. In der Historie findet sich allerdings nur wenig darüber, ab wann Faber Buntstifte herstellte. Ein „Ausgabenbuch“ von 1831 vermerkt lediglich den Einkauf von „Farbwaren“, für die 20 Gulden und 45 Kreuzer bezahlt wurden.
Bei der Firma Schwanhäußer indes widmete man sich einer anderen Art von bunten Stiften. Gustav Adam Schwanhäußers Vater war Metzgermeister, Weinhändler und Wirt. Mit dessen finanzieller Hilfe stieg der 25-Jährige 1865 ins Stifte-Geschäft ein. Er kaufte die Fabrik Großberger & Kurz.

Zehn Jahre später präsentierte er den Kopierstift in Schwarz, Rot und Blau. Bislang gab es ihn nur in Violett. Die Stifte fanden zu der Zeit großen Anklang, weil sie in den Büros viel Arbeit sparten. Mit ihnen mussten Rechnungen und Briefe nicht mehrfach geschrieben werden. Dazu schrieb man mit dem „Copierstift“, auf das Blatt legte man ein weiteres, angefeuchtetes Blatt und erhielt – voilà – eine Kopie. Der Abdruck galt als dokumentenecht, der Stift wurde daher vor allem auch gern für Unterschriften verwendet.

Der "Copierstift" von Schwanhäußer, mit ihm konnte ein Abdruck hergestellt werden, der sogar als dokumentenecht galt.

Der “Copierstift” von Staedtler, mit ihm konnte ein Abdruck hergestellt werden, der sogar als dokumentenecht galt.

An der Art der Herstellung hat sich wenig geändert. In eine Holzplatte werden Nuten gefräst, dann wird auf die Platte Leim aufgetragen, in die Nuten kommen die Minen, gebrannte, wenn sie aus Graphit sind, getrocknete, wenn es sich um bunte Minen handelt. Auf die Platte kommt eine weitere Platte, ebenfalls mit Nuten, die beide miteinander verleimt werden. Anschließend werden die Platten zersägt. Meist sind die Stifte sechseckig, weil sie leichter herzustellen sind als runde Stifte. Mit den groben und oft plumpen Schreibgeräten der Anfangsjahre haben sie nur noch wenig gemein.
Verwendet wird nach wie vor meist Zedernholz. Manchmal bleibt der Stift naturbelassen. Doch meist wird es aus Hygienegründen lackiert. Und gerade bei Buntstiften zeigt man gerne schon außen, was die Stifte zu Papier bringen werden – mit der entsprechenden farblichen Lackierung. Dabei wird bei den Nürnberger Herstellern längst auf umweltfreundliche Lösungen gesetzt.

Tausende Stifte pro Stunde spucken moderne Maschinen aus

Doch auch in den Stiften selbst hat sich viel getan. Zwar bestehen sie noch immer aus Fetten, Wachsen, Talkum, Kaolin und Farbpigmenten. Doch wurde deren Zusammensetzung im Laufe der Jahre immer weiter verbessert und verfeinert. Staedtler etwa hat seine Stifte inzwischen mit „ABS“ versehen – Anti-Break-System. Dank eines Schutzmantels sollen die Minen nicht mehr so leicht brechen, wenn man beim Ausmalen von Blumen oder Drachen mal etwas zu fest aufdrückt.

Staedtler entwickelte einen speziellen Schutzmantel, wodurch die Mine nicht mehr so leicht brechen soll.

Staedtler entwickelte einen speziellen Schutzmantel, wodurch die Mine nicht mehr so leicht brechen soll.

Und verändert hat sich auch das Tempo, mit denen die Stifte hergestellt werden. Die Maschinen von heute spucken rund 20 Stifte pro Sekunde aus, 1200 in einer Minute, 72.000 pro Stunde. Milliarden Stifte werden produziert, die Holzstifte meist im Ausland.
Denn zu den Blei- und Buntstiften kamen Filzstifte und Füller, Kugelschreiber und Fineliner. Jeder der in der Region Nürnberg verbliebenen Stiftproduzenten verfolgt inzwischen ein ganz eigenes Konzept. Faber-Castell, in achter Generation in der Hand von Graf Anton Wolfgang von Faber-Castell, hat den Stift geadelt und setzt auf Luxus. Rund 700 Menschen beschäftigt das Unternehmen weltweit. In Stein arbeiten allein 900 Menschen.
Die Firma Staedtler ist schon vor Jahren in eine Stiftung übergegangen. Rund um den Globus zählt die Firma 2000 Mitarbeiter, davon noch immer 1300 in Deutschland. Kreativität rund ums Malen und Basteln stehen bei Staedtler vor allem im Fokus.

Die Schwanhäußer Industrie Holding hat sich den Themen Trend und Lifestyle verschrieben und zielt damit auf junge Leute. Bekannt wurde das Unternehmen vor allem mit seinem Stabilo Boss. Der Textmarker wurde zum Markenzeichen des Konzerns, zu dem inzwischen auch der Rucksackhersteller Deuter gehört. Weltweit arbeiten rund 4400 Menschen für den Konzern, davon 1300 am Hauptsitz Heroldsberg nahe Nürnberg.
Schwanhäußer und Faber-Castell haben ihr Wissen um holzgefasste Stifte inzwischen noch auf eine andere Branche ausgeweitet: die Kosmetik. Für namhafte Hersteller wie Avon, Chanel, Lancome oder Estee Lauder stellen sie Stifte für Lippen und Augen her. Und auch dabei lässt sich in Farben schwelgen – ob Kirschrot, Beere, Mitternachtsblau, Trüffel oder Schwarze Pflaume…