Interview

„Was Du im Web sagst, sollte ehrlich sein“ – Alexander Prinz über Authentizität im Netz

Alexander Prinz alias “Der Dunkle Parabelritter” sagt was er denkt, vor allem auf seinen beiden YouTube-Kanälen. Dort hat er sich mit seinen Musikkritiken nicht nur Freunde gemacht. Wir haben mit dem 25-Jährigen über Authentizität im Netz, die Tücken digitaler Identitäten und medienpädagogische Herausforderungen gesprochen. 

Alexander, vor welchen Herausforderungen steht die Generation, die mit dem Internet groß geworden ist?

Alexander Prinz: Diese Generation befindet sich in einem Zwiespalt zwischen digitaler und analoger Welt. Da wir uns in beiden Welten bewegen, haben wir auch in beiden Welten eine Identität, die sich gegenseitig beeinflusst.

Das ist neu, denn bisher hat die Identitätsbildung nur in der physischen Welt stattgefunden. Aus diesem Zwiespalt ergeben sich pädagogische, soziale und medienwissenschaftliche Fragestellungen.

Alexander Prinz alias "Der Dunkle Parabelritter"

Alexander Prinz alias “Der Dunkle Parabelritter”

Wie genau hat sich die Identitätsbildung durch die Digitalisierung verändert?

Alexander: Das Internet ist die gelebte Globalisierung. Jeden Tag sind wir mit einer Vielzahl an Positionen, Meinungen, Bewegungen und Vorbildern aus der ganzen Welt konfrontiert. Das Überangebot an Möglichkeiten sorgt für Unsicherheit auf Seiten der Jugendlichen. Sie verschärft den Drang danach, sich einzuordnen und zu definieren.

Es geht um die Frage, wo man hingehört, an was man glauben soll, an was man sich orientiert. Die digitale Welt und die damit einhergehende Bandbreite an Informationen hat die Identitätsbildung nicht leichter gemacht, auch wenn sie gleichzeitig viele neue Optionen dafür bietet, seinen Weg zu finden.

Welchen Einfluss hat die digitale Selbstdarstellung auf das Leben der Jugendlichen?

Alexander: Das Phänomen Digitalisierung bedeutet viel für den sozialen Status im physischen Raum, zum Beispiel im Klassenzimmer. Die Jugendlichen verfolgen das Leben ihrer Peer-Group nicht nur analog, sondern auch digital. Die Darstellung im Netz muss deshalb nachhaltig sein: Alles, was im Netz getan oder gesagt wird, bleibt. Das Netz ist ein ewig bestehender Informationsquell.

Wer sich politisch äußert, im Bereich Hacking aktiv ist oder Cybermobbing betreibt, muss kurz- oder langfristig damit rechnen, dass diese Dinge auf ihn oder sie zurückfallen. Das Netz vergisst nichts. Es ist für die meisten Menschen normal, viel im Internet preiszugeben. Das ist es aber nicht.

Du selbst bist in der digitalen Welt zuhause, unter anderem auf deinen YouTube-Kanälen. Welchen Einfluss hat dein Leben im Web auf deine Persönlichkeit?

Alexander: Mein Wirken als Medienschaffender hat viel dazu beigetragen, dass ich die Person bin, die ich bin. Die Erfahrungen im digitalen Raum haben mich im physischen Raum geformt: Ich trete selbstbewusster auf, fühle mich sprachgewandter und gehe souveräner mit Herausforderungen um. Das heißt: Die Erlebnisse in der digitalen Welt wirken sich auf die physische Welt aus – zum positiven aber manchmal auch zum negativen.

Hattest du schon mal Probleme im Internet? Gab es kritische Stimmen oder gar Anfeindungen?

Alexander: Mein Weg in der digitalen Welt war sicher nicht der einfachste. Ich bin in der Musikszene unterwegs, vor allem im Heavy Metal. Einige Metal-Fans waren nicht so erfreut darüber, dass ich bei meinen Musik- und Albumkritiken das gesagt habe, was ich denke. Da habe ich mich mit einigen Leuten angelegt. Ich hätte aber nie etwas anderes gewollt.

Ich hätte nie eine Kritik zurückgehalten aus Angst, die Follower eines reichweitenstarken Künstlers zu vergraulen. Was bringt Reichweite, wenn du am Ende des Tages den Followern nach dem Mund redest und nicht das sagen darfst, was du denkst. Ich habe mir da zwar einige Türen verschlossen, aber ich würde es immer wieder so machen.

Ist das dein digitales Credo: Sag, was du denkst?

Alexander: Was du sagst, muss ehrlich und authentisch sein. Das heißt aber nicht, dass es unüberlegt sein soll. Es gibt im Grunde zwei Konzepte, sich als Medienschaffender im Netz zu bewegen: Entweder man faked alles und macht einen auf Friede, Freude, Eierkuchen. Oder man sagt, was man denkt und ist authentisch. Auch so gewinnt man Follower.

Was rätst du Eltern und Lehrkräftenmit Blick auf die digital natives?

Alexander: Wichtig ist zu verstehen, dass die Generation, die mit dem Internet groß geworden ist, in einer komplett anderen Welt lebt. Sie haben andere Werte, Ziele und Vorstellungen vom Leben als die ältere Generation. Die ältere Generation sollte sich nicht erhaben fühlen über Dinge, die sie nicht versteht.

Was können Eltern und Lehrkräfte dann überhaupt noch tun, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Alexander: Eltern und Pädagog*innen müssen sich dazu motivieren, sich für das Kind und dessen mediale Lebensrealität zu interessieren. Das ist nichts punktuelles, sondern ein Prozess, den man nicht verpassen darf.

Dennoch ist es meines Erachtens nach viel wichtiger, dass Kinder und Jugendliche die grundlegenden Werte beigebracht bekommen. Das ist vor allem die Aufgabe der Eltern. Haben die Jugendliche Werte mit auf den Weg bekommen, werden sie sich automatisch vernünftiger im Internet bewegen. Medienkritisches Verhalten kann also auch von Eltern gefördert werden, die keine Medienexpert*innen sind.

Und was ist die medienpädagogische Aufgabe der Schule?

Alexander: Die Schule hat wiederum die Aufgabe, Wissen, Methoden und Fertigkeiten in Bezug auf den Umgang mit Medien zu vermitteln. Da wäre es vorteilhaft, wenn sich die Lehrer*innen schon in der Ausbildung intensiver mit Medienkompetenz beschäftigen würden. Da herrscht meines Erachtens viel Nachholbedarf.