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MEDIA meets SMART CITY

Smarte Lösungen für schlaue Städte

Wie werden wir in Zukunft leben? Wie verändert Digitalisierung unsere urbane Welt? Wie müssen sich unsere Städte entwickeln? Wir haben mit Dr. Martin Grether von T-Systems über die Zukunft vernetzter Städte gesprochen.

Herr Dr. Grether, was genau macht ein Smart City Beauftragter bei T-Systems?

Dr. Martin Grether, Telekom

Dr. Martin Grether, Telekom

Dr. Martin Grether: Die Telekom bietet Städten und Kommunen verschiedene Produkte im Bereich Smarte City an. Eine meiner Aufgaben ist es, unter den verschiedenen, am Markt erhältlichen smarten Produkten die auszusuchen, die für Städte in Deutschland und Europa einen Mehrwert bieten können und diese im zweiten Schritt für die Vermarktung über die Telekom vorzubereiten.

Was macht denn eine Stadt smart?

Grether: Eine Stadt wird smart, indem sie Vorteile aus der computergestützten Automatisierung von Prozessen (Vorgängen) sowie der Datenerfassung und Auswertung sinnvoll verknüpft – sowohl in der Verwaltung als auch für die Bürger. Die Auswertung von Pendlerströmen im Zusammenhang mit der Wetterlage und der Luftbelastung wäre hierfür ein Beispiel. Ein Ergebnis kann dann sein, dass an Tagen mit ungünstiger Wetterlage und zu erwartendem hohen Verkehr Busse und Bahnen kostenlos benutzt werden dürfen. Und wer trotzdem mit dem eigenen Auto in die Stadt fahren will, leistet eine Umweltabgabe.

Sind unsere Städte heute schon smart? Der aktuelle Smart City Index der Bitkom lässt die großen Metropolen ja eher mittelmäßig abschneiden.

Grether: Die Städte in Deutschland sind weniger smart als sie sein könnten, aber auf einem guten Weg. Oft gibt es bereits, verstärkt durch verschiedene Förderprogramme, smarte Versuchszonen und Projekte, die auch uns als Bewohner an das Thema Smart City heranführen. Denn es gehört nicht nur die Verwaltung der Stadt dazu, eine City smarter zu machen – auch die Bevölkerung muss es wollen. Sie muss bereit sein, den langfristigen Vorteil im Ausbau der smarten Technologie zu sehen und nicht nur den „Nachteil“ der Datenerhebung.

Welches ist – Ihrer Meinung nach – heute die smarteste Stadt?

Grether: Das ist schwierig zu beantworten, da es wirklich viele Möglichkeiten gibt, „smart“ zu sein. Ganze Stadtteile werden teilweise direkt im Aufbau technisch „smart“ gemacht (etwa Dubai und China) und andere, kleinere Länder sind dabei, die gesamte öffentliche Verwaltung und die Interaktion mit den Bürgern auf „smart“ umzustellen. Estland nennt das „Government as a Service“ und bietet außerdem eine digitale „Staatsbürgerschaft“ für Ausländer an. In Deutschland haben wir entsprechend verschiedene smarte Ausprägungen, die für mich ein persönliches Ranking schwierig machen. Aktuell ist in den Städten noch so viel im Fluss, dass es schwierig ist, eine Reihenfolge aufzustellen. Wir sind zum Beispiel mit vielen Bürgermeistern im Gespräch, um in Co-Creation Workshops bei der Auswahl der Möglichkeiten und deren Priorisierung zu unterstützen und sehen dort viele verschiedene Ansätze.

Dr. Martin Grether, Telekom

Dr. Martin Grether, Telekom

Was sind die wichtigsten „Bausteine“ für eine smarte Stadt?

Grether: Wichtig ist eine sichere Datenplattform. Damit meine ich eine mit stets aktuellem, hohem Sicherheitsstandard, wie sie nicht unbedingt jede Gemeinde liefern kann. Und eine passende Infrastruktur für den Datenaustausch zwischen Sensoren, Datenplattformen und diversen Steuergeräten im öffentlichen Raum. Als dritten Punkt: eine Verwaltung, die digital werden will.

Vor welchen Herausforderungen stehen wir unmittelbar?

Grether: An der richtigen Stelle anfangen. Und das ist schwer. Es gibt viele Einzelleistungen die toll sind, aber noch nicht fertig für die Zeiträume, in denen Städte denken müssen. Und die Computer-Technik altert extrem schnell. Was heute noch modern war, ist in drei Jahren veraltet. Unsere Laternen haben eine Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren. Unsere Ampeln nur etwas kürzer. Da müssen die smarten Lösungen mit den Anforderungen einer Stadt zusammenpassen.

Und langfristig?

Grether: Wie wir unsere Daten richtig und sicher verwalten und nutzen. Ich würde gerne mein „Gesicht“ jederzeit als Fahrkarte nutzen, zum Beispiel zum Einkaufen oder am Flughafen – nie wieder den Pass, Führerschein, Kontonummer oder einen anderen Zugang vergessen! Es erleichtert viele Prozesse ungemein, doch was passiert, wenn die Identität oder das Gesicht „gestohlen“ wird – ein neues „Passwort“ ist dann nicht so einfach herzustellen.

Was sind die wichtigsten Dinge, die jetzt zu tun sind?

Grether: Anfangen. Nicht darauf warten, „bis man muss“. Sich je nach Stadt auf ein paar wenige Dinge konzentrieren, die auch zur aktuellen Lage der Stadt und dem Willen der Bürger passen. Zum Beispiel intelligente Mobilität: Verkehrsdaten mit Gesundheit verknüpfen. Die Städte werden immer voller, die Luftverschmutzung immer unangenehmer. Dazu passt sinnvolles, aktuelles Steuern des Individualverkehrs. Das reicht von der wirklich flexiblen Ampelschaltung bis zur weitreichenden Einfahrtbegrenzung bei fehlendem oder nicht reserviertem Parkplatz.

Was ist für Sie das spannendste „Smart City“-Projekt derzeit?

Grether: Der CityTree, ein natürlicher Feinstaubfilter mit Mobilfunk/5G Zelle, den wir uns in einigen Städten sofort leisten sollten – aber da dies mein aktuelles Projekt ist, ist die Auswahl sicher verständlich.

Vielleicht können Sie auch ein Negativ-Beispiel nennen?

Grether: Die massenhafte Verbreitung von smarten eKickscootern (eTretrollern). Und auch noch mit der Begründung, sie seien „gut für das Klima“, da es weniger Pendler oder Autoverkehr geben würde. Dabei zeigt sich, dass eher das Fahrrad, der Fußweg oder der ÖPNV ersetzt werden – und nicht das Auto. So, wie diese eTretroller aktuell benutzt werden, ist dies sicher eine schreckliche Ökobilanz.

Wie stellen Sie sich persönlich die Stadt der Zukunft vor?

Grether: Eine große Reduktion von langweiligen Dingen, die durch automatisierte Prozesse und Datenverwertung ersetzt werden. Eine Shared-Economy, die sehr viele Bereiche des Lebens durchdringt. Beispielsweise selbstfahrende, öffentliche Autos. Die Verwaltung soll mich gut genug kennen, um alle notwendigen Prozesse ohne Aufwand zu erledigen, wie etwa Steuern, Krankenversicherung oder Rente. Aber ich möchte keine Bevormundung à la „Menschen, die diesen Ort besucht haben, haben auch …“.

Am 4. Dezember 2019 spricht Dr. Grether bei der Fachkonfernez MEDIA meets SMART CITY in München.

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