Mehr Austausch, mehr Partizipation – der Zündfunk Netzkongress 2019

Wahre Liebe muss es wohl sein, wenn bei einem Paar keiner der beiden mehr weiß, wer wen zuerst angesprochen hat. Ist der Zündfunk Netzkongress auf die Berliner TINCON zugegangen? Oder hat Johnny Häusler, Mitbegründer der re:publica und inzwischen auch Schöpfer der TINCON, die Initiative ergriffen? Erstmals beteiligte sich die Teenage Internet Conference mit Unterstützung des MedienNetzwerk Bayern am Event der Zündfunk-Redaktion – und half dabei, neue Wege zu gehen.

Wie jedes Jahr lud der Zündfunk Netzkongress ins Volkstheater ein. Foto: Dorin Popa

Der Zündfunk, vor einigen Jahrzehnten selbst einmal Bayerns bedeutsamstes und vielleicht sogar erstes Jugendprogramm, war mit seinen Machern im Bayerischen Rundfunk gealtert und längst auf die Kulturschiene weitergewandert. Aber natürlich entgingen den Radioprofis Phänomene wie Fridays for Future oder Rezo nicht. „Wir sehen uns als Bewegungsmelder“, so Zündfunk-Redaktionsleiter Jan Heiermann. Daher reagierten die Veranstalter und richteten bei den Vorbereitungen des diesjährigen Netzkongresses Programm wie Struktur neu aus: mehr Partizipation, etwa dank dem durch die Reihen fliegenden Würfelmikrofon im großen Saal und einer Lounge, in der sich nach den Vorträgen Speaker und Besucher ohne trennende Bühne zu Q+A treffen konnten. Mehr Aktivität durch viele Workshop-Angebote im Programm. Und eine Öffnung in Bezug auf die Zielgruppe. Um auch ein jüngeres Publikum zu erreichen, kam die TINCON ins Spiel.

Ein junges Publikum miteinbeziehen

In der Lounge konnten sich Besucher und Speaker zum Q+A treffen. Foto: Dorin Popa

Im Unterschied zu Häuslers sonstigen Aktivitäten ist die TINCON kein Unternehmen, sondern als gemeinnütziger Verein organisiert. Hier veranstalten nicht nur erwachsene Profis Konferenzen für digitale Jugendkultur, in denen über den Nachwuchs gesprochen wird und die Jugendlichen passiv im Plenum sitzen. Vielmehr sollten sie rundum partizipieren können, bei der Themenauswahl, Programmgestaltung und Organisation. Auf Augenhöhe. „Eltern sind digital überfordert“, so Häusler, weshalb Jugendliche einander helfen, fördern, sich untereinander austauschen sollen. „Denn die Medienwelt eines 18- oder gar 15-Jährigen ist völlig anders als etwa meine.“

Auf Seiten der Macher funktioniert das recht eingespielt. Ein U21-Team kuratiert und organisiert Vorträge, Diskussionen und Workshops. Ein Jugendbeirat unterstützt sie inhaltlich. Und es gibt genügend junge Netzaktivisten, die auf Einladung der TINCON gern kommen, Vorträge halten und die anderen Jugendlichen in Workshops schulen. Hinsichtlich des Zielpublikums der Konferenzen experimentiert man dagegen noch. In Berlin ist es natürlich ein Heimspiel, wo die TINCON an der etablierten re:publica angedockt ist und so Hunderte von interessierten Teenagern einfach beides mitnehmen.

Der Zündfunk Netzkongress 2019 als Sketchnote. Foto: Dorin Popa

Digitale Fähigkeiten vermitteln, um Integration zu fördern

Doch während die re:publica netzbegeisterte Erwachsene aus aller Welt anzieht, kommen die jüngeren Besucher eher nur aus Berlin. „Jugendliche können nicht so einfach reisen“, stellte Häusler fest. Also muss die TINCON zu ihnen kommen. In Hamburg kooperiert die Konferenz mit der Schulbehörde, die während der Unterrichtszeit klassenweise der Zielgruppe die Teilnahme ermöglicht. Darunter nicht nur Aktivisten, sondern auch weniger netzaffine Jugendliche, die vielleicht gerade mal TikTok-, Snapchat-, Instagram- oder YouTube-Konsumenten sind. Ähnlich in Düsseldorf.

Luksan Wunder. Foto: Dorin Popa

Luksan Wunder. Foto: Dorin Popa

Für den Süden der Republik, wo das Nebeneinander aus städtischen und staatlichen Schulen wie auch der späte Beginn des Schuljahres eine direkte Kooperation mit den Schulbehörden erschwert hätte, dockte TINCON wie in Berlin an eine bestehende Netzkonferenz an. Daher fing der Zündfunk Netzkongress heuer nicht wie früher erst Freitag Abend an, sondern schülerfreundlich bereits mittags, nach Unterrichtsschluss. Und auch wenn die Location, das bei jungen Münchnern sehr beliebte Volkstheater, nicht voll war, wurde der neue Trend doch angenommen. 60 Prozent der Anwesenden gaben bei einer Blitzumfrage an, zum ersten Mal am Netzkongress teilzunehmen.

Mit drei Talks bestritt TINCON das nachmittägliche Programm. Der Comedy- und Musik-Profi Luksan Wunder sang und sprach über Memes und Satireformate, die Macher des öffentlich-rechtlichen YouTube-Formats „Die Frage“ plauderten aus dem Nähkästchen und plötzlich stand auch eine 15-Jährige, Florentine Schief von der ReDi School, auf der Bühne und erklärte zusammen mit ihrer Kollegin Sophie Jonke, wie sie digitale Fähigkeiten vermitteln, um anderen bei der Integration zu helfen. Und da kam dann auch eine bayerische Besonderheit zur Geltung.

„Wir müssen uns davon lösen, dass es für alles einen vollumfänglichen Plan gibt“

Sophie Jonke berichtet über das Engagement der ReDi School. Foto: Dorin Popa

Erst einen Tag zuvor hatte Judith Gerlach, Staatsministerin für Digitales, auf einer anderen Münchner Tagung, der Disruption 2019, eindringlich gefordert, dass nicht nur Verbraucher und Macher die digitalen Möglichkeiten ausschöpfen sollten. Gerade auch die öffentliche Verwaltung müsse mehr Agilität, Mut und auch die Bereitschaft zeigen, mal zu scheitern. „Wir müssen uns davon lösen, dass es für alles einen vollumfänglichen Plan gäbe, den man mit viel Fleiß vorab erarbeiten könne.“

Schief und Jonke konnten da auf dem Netzkongress bereits als Nutznießer einer neuen Agilität Vollzug melden. Denn ReDi, School of Digital Integration, bildet Flüchtlinge, Frauen oder etwa bedürftige Einheimische als Programmierer aus, um sie besser zu integrieren und dabei zugleich der IT-Branche mit qualifizierten Kräften zu versorgen. Andernorts arbeitet die ReDi School nur mit Unternehmen zusammen, da sich Behörden als zu bürokratisch und unbeweglich entpuppt hätten, so Jonke. Mit einer Ausnahme: In München bieten die Profis in digitaler Nachhilfe ihr Förderprogramm auf Initiative des Referats für Wirtschaft und Arbeit an: „Wir sind nach München gekommen, weil die Stadt auf uns zugekommen ist: ‚Wir finden es geil, was Ihr in Berlin macht. Könnt Ihr das auch bei uns machen?’”