Maren Urner
Mobile Media Day 2019

“Wir brauchen Konstruktiven Journalismus” – Maren Urner im Gespräch

Berichte über Krisen und Konflikte verkaufen sich am besten. Doch was macht ein Überangebot an Schreckensmeldungen mit unserer Psyche? Auf dem Mobile Media Day in Würzburg spricht die Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie Maren Urner darüber, wie wir dem Kampf um Aufmerksamkeit begegnen können.

Frau Urner, am 18. November halten Sie einen Vortrag auf dem Mobile Media Day. Der Titel: „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“. Wer behauptet denn tagtäglich, dass die Welt untergeht?

Maren Urner

Maren Urner

Maren Urner: Zu dieser Frage passt ein Comic, den ich erst heute getweetet habe: Zu sehen ist ein Zeitungsverkäufer. Er schreit: „Weltuntergang, Weltuntergang. Dieses Jahr geht die Welt unter!“ Als eine Passantin eine Zeitung kaufen möchte, fügt er an: „Wenn Sie ein Zweijahres-Abo abschließen, bekommen Sie eine Armbanduhr mit drei Jahren Garantie.“

Der Comic steht sinnbildlich für unsere Medienlandschaft, die unsere Welt im Mittel schlechter darstellt als sie wirklich ist. Nachrichten gelten besonders dann als berichtenswert, wenn sie von Kriegen, Morden, Hungersnöten und Naturkatastrophen handeln. Das sorgt für Aufmerksamkeit und verkauft sich in der Regel auch besser als neutrale und positive Meldungen.

Aber ist es nicht Kernaufgabe des Journalismus, über Missstände zu informieren?

Urner: Auf jeden Fall. Der Journalismus hat als vierte Macht im Staat eine Wächterfunktion und soll aufklären. Dazu gehört auch, über die Missstände zu berichten und aufzudecken.

Das heißt, es steht außer Frage, ob die Medien über Krisen und Konflikte berichten. Die Frage ist vielmehr: Wie berichten sie darüber und in welchem Verhältnis steht der Anteil solcher Nachrichten zur Realität?

Denn fokussiert sich ein Bericht oder Beitrag ausschließlich auf Krisen und Konflikte, sorgt das beim Rezipienten nicht nur nachweislich für ein verzerrtes, zu negatives Weltbild, sondern hat auch negative psychische Auswirkungen. Der Fokus auf Katastrophen, Krisen und Probleme kann uns chronisch stressen und in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit versetzen.

Was ist unter ‚erlernter Hilflosigkeit’ zu verstehen?

Urner: Viele Journalistinnen und Journalisten gehen immer noch davon aus, dass Menschen aktiv werden angesichts des ganzen Leids, über das sie berichten. Studien aus der Psychologie belegen aber das Gegenteil. Wenn wir ständig gezeigt bekommen, dass wir sowieso nichts ausrichten können, hören wir irgendwann auf, das Gegenteil anzunehmen, geschweige denn selbst aktiv zu werden.

Der chronische Stress durch negative Berichte ohne konstruktive Ansätze oder Perspektiven sorgt bei vielen Menschen dafür, dass sie sich von den Medien und gesellschaftlichen Herausforderungen abwenden. Einfach weil die Nachrichten sie deprimieren und verängstigen. Langfristig geraten sie so in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit. Sie fühlen sich ohnmächtig.

Negative Berichterstattung ohne die Hoffnung auf eine bessere Zukunft führt dazu, dass die Menschen davon abgehalten werden, über Lösungen nachzudenken oder aktiv an Lösungsansätzen mitzuwirken.

In Ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Wie wir uns vor der digitalen Vermüllung unserer Gehirne wehren“ kritisieren Sie nicht nur die journalistische Vorliebe fürs Negative. Auch von Informationsflut schreiben Sie. Bedeuten viele Informationskanäle nicht, besser informiert zu sein?

Maren Urner

Maren Urner

Urner: Im Gegenteil. Bei der Menge an Informationen, die jeden Tag auf uns einprasseln, könnten wir zwar meinen, wir hätten das Gefühl, gut informiert zu sein. Dem ist aber nicht so. Die ununterbrochene Informationsflut gibt uns das Gefühl, nie fertig zu sein, nie alles zu überblicken. Das Erfolgserlebnis, etwas abgeschlossen zu haben, bleibt aus. Wenn ich denke, ich weiß Bescheid, kommt schon die nächste Push-Nachricht auf mein Smartphone – viele Menschen leben in der ständigen Angst, etwas zu verpassen.

Ich bin kein Digitalisierungsgegner, aber wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir die digitalen Informationskanäle künftig bewusst und sinnvoll – also nachhaltig – nutzen. Die Dauerverfügbarkeit und die Menge an Informationen überfordern uns, sowohl kognitiv als auch emotional.

Auch wenn sich der Mythos wacker hält, kann unser Gehirn nicht „multitasken“. Alles, was wir können, ist ein schnelles Taskswitching zu betreiben. Das wiederum geht auf Kosten unserer Aufmerksamkeit, Intelligenz und Zufriedenheit.

Wie muss eine Berichterstattung aussehen, die all dem entgegensteuert?

Urner: Das geht durch sogenannten Konstruktiven Journalismus. Konstruktiver Journalismus stellt neben den klassischen W-Fragen immer auch eine weitere: Wie kann es weitergehen? Journalistinnen und Journalisten, die diese Frage mitdenken, gehen konstruktiv mit einer Problemlage um und geben so automatisch ein vollständigeres und damit realistischeres Bild der Welt.

Gab es nicht schon immer auch Journalismus, der Wege aufzeigt?

Urner: Natürlich gab es schon immer Berichterstatter, die Konstruktiven Journalismus betrieben haben – wir haben den nicht erfunden. Allerdings gibt es im Mittel noch immer zu wenig davon und das Verständnis dafür ist längst noch nicht überall in der Medienlandschaft angekommen.

Manchmal wird Konstruktiver Journalismus mit Lösungsjournalismus gleichgesetzt. Das ist aber nur ein Teilbereich des konstruktiven Ansatzes. Die Frage des „Was jetzt?“ mündet nicht immer in konkreten Lösungen. Auch die Finanzierungsfrage gehört dazu. Bei dem Online-Magazin Perspective Daily, das ich mitgegründet habe, sind wir zum Beispiel bewusst werbefrei, um keinen Interessenskonflikt zu generieren. Stattdessen zahlt die Leserschaft für unsere Arbeit. Außerdem besteht die Möglichkeit zur Partizipation. Die Zeiten, in denen Journalisten Sender und Leser Empfänger waren, sind vorbei. Es geht um Austausch, nicht um Hierarchien.

 

Mehr von Maren Urner gibt es beim Mobile Media Day am 18. November in Würzburg. Infos und kostenfreie Anmeldung