Interview

VR: Von Baudenkmälern zu Höhlenwelten

Florian Laucke und Philipp Schall haben als Produzenten sehr unterschiedliche VR-Projekte realisiert. Für die Schwarzbild Medienproduktion GmbH schuf Florian Laucke „Bauhaus in Bayern“, eine 360-Grad-Dokumentation, die von Walter Gropius‘ Bauten der Rosenthal-Fabrik in Selb und der Glaskathedrale in Amberg handelt. Philipp Schall setzte für TELLUX nextBlautopf VR“ um, ein interaktives VR-Adventure für die HTC Vive, in dem man zum Höhlenforscher wird. Eines haben beide Produktionen gemeinsam: Sie wurden vom FilmFernsehFonds Bayern (FFF Bayern) gefördert. Ein Gespräch über Geld und neue Wege, die VR ermöglicht.

Wie groß ist der Förderungsanteil an euren Produktionen?

Florian Laucke (Foto: Schwarzbild Medienproduktion GmbH)

Florian Laucke (Foto: Schwarzbild Medienproduktion GmbH)

Florian Laucke: Die FFF-Förderung darf maximal 60 Prozent der Gesamtsumme betragen. Bei „Bauhaus in Bayern“ war es etwas weniger, denn die Produktion wurde aufwändiger als ursprünglich gedacht. Unsere Recherchen führten uns ins Ausland, zum letzten Zeitzeugen von Walter Gropius, in die Archive der Harvard University und des MIT. Als wir dem FFF unseren neuen Produktionsplan vorlegten, wurde uns vom Prüfungsausschuss eine Erhöhung des Förderbedarfs genehmigt. Das war eine wichtige Finanzierungshilfe. „Bauhaus in Bayern“ ist ein Team- und Herzensprojekt, bei dem jeder Einzelne mehr investierte als seine reine Arbeitszeit. Für uns als Produzenten ist es aber selbstverständlich, dass wir unsere Mitarbeiter fair bezahlen und niemand unser Risiko tragen muss. Die Finanzierungslücke schlossen wir durch weitere Förderpartner und Eigenmittel der Firma.

Philipp Schall: Wir haben die Slate-Förderung vom FFF Bayern genutzt, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Damit konnten wir die Herstellung verschiedener Prototypen finanzieren. So konnten wir 360-Grad-Video beispielsweise wegen der langen Zustiegszeiten und der schlechten Beleuchtungssituation schnell ausschließen. Das hat uns auf die Fotogrammetrie gebracht. Weil wir in der eigentlichen Produktion eine ganz andere Budgetdimension bekommen haben und der FFF mit 50.000 Euro gedeckelt ist, ist der Förderanteil an der Gesamtproduktion schließlich relativ klein. Die Unterstützung der Vorproduktion war aber genauso wichtig wie die anderen Finanzierungsbestandteile, denn die Prototypisierung hat das Projekt überhaupt erst ermöglicht. Wenn man vom linearen Filmemachen kommend ins Immersive und Interaktive geht, muss man vieles vorher überprüfen und neu lernen.

Ihr habt „Blautopf VR“ für den SWR produziert. Wie hat sich das entwickelt?

Philipp Schall (Foto: TELLUX Next GmbH)

Philipp Schall (Foto: TELLUX Next GmbH)

Schall: Das grobe Thema „Faszination Höhlenwelt“ stand schon lange. Interessant war, dass die gesamte Höhlenforscherszene von Südwestdeutschland über Bayern bis Österreich wohl von Schwaben dominiert ist. Die VR-Abteilung des SWR geht offen auf Vorstellungen von Produzenten zu. Dementsprechend war dieser als Koproduzent der ideale Partner und hat uns schon von Anfang an unterstützt und den heißbegehrten Letter of Interest geschrieben, den man sonst nicht so einfach bekommt.

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind zuerst damit beauftragt, Fernsehen und Radio zu produzieren. Wie sind die Reaktionen, wenn man dort ein VR-Projekt vorstellt?

Schall: Prinzipiell besteht in den Fachredaktionen und übergreifenden Schnittstellen stets Interesse. Die Sender müssen ihren Auftrag natürlich erfüllen, sie müssen ihn aber auch überdenken und immer wieder neu auslegen. Wir haben die Finanzierung und Ausführung trotzdem noch sehr rundfunkmäßig gedacht. Neben dem eigentlichen VR-Produkt haben wir zusätzlich die Inhalte bis zum Webscroller mit Videoinhalten runterskaliert, um ein möglichst breites Publikum auch ohne VR zu erreichen.

Muss man sich zur Produktion von VR überhaupt ans Fernsehen wenden?

Laucke: Wir sind vor knapp zehn Jahren als klassische TV-Produktionsfirma gestartet und produzieren nun seit fünf Jahren VR und 360-Grad-Filme für Firmen und Messen. Fernsehsender sind meist noch zögerlich, was den Einsatz von neuen Medien angeht. Für den Universal Channel haben wir zur Bewerbung des Formats „Chicago Fire“ eine interaktive 360 Grad WebVR-Experience produziert, die sehr erfolgreich lief. Dabei konnten Zuschauer in die Rolle eines Feuerwehrmannes schlüpfen, der mit seinen Kollegen in ein brennendes Haus gehen sollte, um Menschen zu retten. Bei dieser Produktion hat die Zusammenarbeit mit dem Sender sehr gut funktioniert. Bei „Bauhaus in Bayern“ hatten wir im Vorfeld Gespräche mit Sendern. Es wurde uns aber schnell klar, dass die Entscheidungswege bei den Fernsehredaktionen sehr lang sind. Wir haben uns dann entschlossen, ohne einen Sender an Bord zu produzieren. Die redaktionelle Hoheit lag allein bei uns.

„Bauhaus in Bayern“ wurde auch von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert. Wie kommt man zu so einem untypischen Partner?

Bauhaus in Bayern (Foto: Schwarzbild Medienproduktion GmbH)

Bauhaus in Bayern (Foto: Schwarzbild Medienproduktion GmbH)

Laucke: Den Kontakt hat unsere Autorin Andrea Zimmermann hergestellt. Die Stiftung Denkmalschutz fördert normalerweise keine Filmprojekte oder Medieninhalte. Die Spendengelder gehen in den Erhalt der Denkmäler. Nach einigen Gesprächen fanden wir in der Leiterin der Abteilung Denkmalförderung Annette Liebeskind eine große Unterstützerin für VR. Erstmals in der Geschichte der Stiftung wurde eine Förderung für ein Filmprojekt vergeben. Wenn man so will, konnten wir hier Türen für weitere VR-Produktionen öffnen.

Sitzt man nicht zwischen den Stühlen, wenn man ein VR-Format produziert, das kein klassischer Film mehr ist, aber auch kein Game?

Bauhaus in Bayern (Schwarzbild Medienproduktion GmbH)

Bauhaus in Bayern (Schwarzbild Medienproduktion GmbH)

Laucke: Man verkauft nicht nur sein Projekt, man muss auch die Technologie mit verkaufen. Bei Kino und Fernsehen wissen die Leute schon, womit sie es zu tun haben, bei VR oft noch nicht. Da fängt man teilweise wirklich bei Null an. Gleichzeitig ergeben sich neue Lizenzpartner, etwa Museen, Institutionen und Bildungseinrichtungen. Wir haben gemerkt, dass man die Leute meistens gut abholt, wenn man ihnen die Brille mit einer funktionierenden Demo aufsetzt. Wenn man gute Qualität produziert hat, muss man nicht mehr überreden. Gleichzeitig hat man die Pflicht, hohe Qualität zu liefern, damit Menschen, die VR zum ersten Mal sehen, sich nicht gleich wieder abwenden.

Schall: Beim SWR hatten alle schon mal eine Brille auf, deswegen war ich ganz froh, nicht lange die Grundlagen erklären zu müssen. Unser Projekt war trotzdem technisch neu, weil es nicht auf Computeranimation, sondern auf Fotogrammetrie setzt, und durch Interaktivität viel näher am Game ist als ein 360-Grad-Film.

Wie funktioniert der Vertrieb von VR?

Laucke: Als wir uns auf die Suche nach einem Vertriebspartner für VR machten, merkten wir schnell, dass dieser Bereich weder national noch international entwickelt ist. Deshalb entschlossen wir uns ganz bewusst, den Vertrieb selbst zu übernehmen. Das ist zwar aufwändig, ermöglicht uns aber auch, mit den Abnehmern direkt im Kontakt zu stehen. Für uns war es wichtig, dass „Bauhaus in Bayern“ sowohl regional, national als auch international sichtbar ist. Wir verfolgen die Strategie, dass die Experience zuerst auf Festivals und in Museen zu sehen ist. Im nächsten Schritt soll sie als Lizenz auf Plattformen einem größeren Publikum gegen eine Download-Gebühr zugänglich gemacht werden. Damit wollen wir die Produktion refinanzieren.

Schall: Im deutschsprachigen Raum wird „Blautopf VR“ über den SWR verbreitet. Wir sind auf der Suche nach einem internationalen Publisher. Wir würden auch gerne im Museum von Blaubeuren ausstellen, dem Ort über dem Blautopf. Da ist die Schwierigkeit, überhaupt die Grundlage zu schaffen. Die Geräte müssen erst mal angeschafft werden, dann braucht es Betreuung, die die Brillen reinigt und die Museumsbesucher einweist.

Wie sollte die Unterstützung für VR-Macher ausgebaut werden?

Schall: Um VR so zu machen, dass sie zumindest schon mal europäischen Standards entspricht, wäre es gut, wenn die Förderung mehr Budget ermöglichen würde. Man müsste ein Modell für VR finden, das vergleichbar mit der TV-Förderung skalierbar ist. Eine gut ausgestattete Entwicklungsförderung für Konzepte und Prototypen wäre sehr hilfreich. Das kostet viel weniger, als ein komplettes Produkt zu fördern, kann aber allen viel Mühe und Ärger ersparen.

Laucke: Ein wichtiger Bereich, der die VR-Produktionen nach vorne bringen würde, wären entsprechende Ausbildungsangebote für Studierende und Interessierte aus der Branche. Das Medium ist noch sehr jung und man kann nicht einfach ein „How To“ lesen und loslegen. Um international konkurrenzfähig zu sein, müssen wir auf die Nachwuchsförderung setzen.

Schall: Wichtig sind auch Foren und Business-Markets, bei denen man seine Produkte vorstellen kann. Besonders wertvoll ist das, wenn dort nicht immer die gleichen Leute auftauchen, die ohnehin schon tief im VR-Geschäft stecken, sondern zum Beispiel auch Menschen aus der TV-Branche, aus Kunst und Kultur, damit für sie die Hürde sinkt, sich mit unseren Inhalten zu beschäftigen.

Die TELLUX Next GmbH ist vom 23. bis 25. Oktober Aussteller in der Immersive Media Area der Medientage München.