Icaros
Icaros

Schwereloses Muskeltraining

Mit Active Virtual Reality den Körper trainieren und gleichzeitig Highscores sammeln: Eine Gamification-Idee, mit der das bayerische Tech-Start-up Icaros heute Menschen in aller Welt begeistert. Begonnen hat die Reise vor gerade mal sechs Jahren.

Motorsport, egal ob real oder als eSport, halten viele für körperlich eher weniger anstrengend. Ein Irrglaube, den jeder ablegt, der sich in das Gestühl eines echten Go-Karts klemmt und Runde um Runde abwickelt. Ähnlich verhält es sich mit dem Active Virtual Reality-System des Münchener Tech-Startups Icaros. Das Unternehmen nennt sein Produkt so wie sich selbst, nur großgeschrieben: ICAROS. Und das kann einiges. Es behebt Rückenprobleme und steigert die Fitness, fast ohne dass man es merkt – indem es Training mit Gaming verknüpft. Zum Beispiel bei einem Rennspiel. Wenn der Pilot beim VR-Wettrennen „Icarace“ in schwerelosen Turbogleitern durch Canyons flitzt und nach zehn Minuten das Trainingsgerät verlässt, ist er nassgeschwitzt. Wie kommt das?

ICAROS

Das ICAROS-System bildet das Herz der Geschäftsidee. Der Proband „liegt“ auf dem Gerät und soll es synchron zu den Bildern in Balance halten, die er via VR-Headset von der Software eingespielt bekommt.

Preisgekröntes Design aus Bayern

Das Herzstück des Systems bildet eine Metallkonstruktion, rund zwei Meter lang und etwa einen Meter breit. Sie erinnert an einen Rennrodel, allerdings ein frei schwebendes Exemplar, das mittig auf einem Ständer aufliegt und zu allen Seiten hin kippen kann. Das wirkt filigran und zugleich solide, futuristisch allemal, wenn das Teil – scheinbar der Gravitation trotzend – im Raum zu schweben scheint. Die Schöpfer und Icaros-Gründer, Michael Schmidt und Johannes Scholl – beides gelernte Industriedesigner –, konnten bereits einen UX Design Award weitere namhafte Designpreise abräumen.

Michael Schmidt und Johannes Scholl (v.l.n.r.) haben Icaros 2015 aus der Taufe gehoben

Michael Schmidt und Johannes Scholl (v.l.n.r.) haben Icaros 2015 aus der Taufe gehoben.

Zurück zu „Icarace“: Der Pilot schmiegt sich in Liegestütz-ähnlicher Position an das ICAROS-Gestühl. Bauch unten, Rücken oben, Füße, Knie und Unterarme auf Polstern ruhend. Die Aufgabe: durch minimale Veränderung der Körperspannung den Körperschwerpunkt verlagern und dadurch den ICAROS-Schlitten in Balance halten. Ein Sensor erfasst jede kleinste Neigung des Systems um die Roll- und Nickachse und übermittelt sie via Bluetooth oder USB-Port an PC oder Smartphone. Die Software dort erfasst die Sensordaten und nutzt sie je nach Maßgabe für Diagramme, zur Darstellung von Animationen oder – im Fall von „Icarace“ – als Basis für spannende SciFi-Wettrennen. Durch kontrolliertes Balancehalten lotst der Spieler seinen Antigravitations-Gleiter unter Zeitdruck durch einen Schluchtenkorridor. Konzentration, Balance und Reflexe auf dem Prüfstand, Schweißperlen auf der Stirn.

Gaming macht gesund

Die Icaros-Gründer Michael Schmidt und Johannes Scholl sind beide sportlich und für Technologie zu begeistern. Seit 2013 brüteten sie gemeinsam über einem Hightech-Fitness-Gerät als Geschäftsidee. Im Jahr 2014 kam nach Kontakt mit dem VR-System Oculus Rift die Virtual Reality-Komponente hinzu. „Im Jahr 2015 hatten wir einen ersten Prototypen unseres Systems auf der Berliner re:publica dabei. Die Leute haben sich schon am ersten Tag geduldig angestellt. Dieselben Leute, am zweiten Tag, wieder. Da wusste ich: Das klappt“, kramt Michael Schmidt in Erinnerungen. Die offizielle Unternehmensgründung erfolgte im August 2015.

Dabei ist ICAROS keineswegs in erster Linie als Gaming-Device angelegt. „Unsere ersten Kunden waren Ärzte und Physiotherapeuten. Sie nutzen ICAROS zur Therapie von Patienten mit Rückenleiden. Tatsächlich verstehen wir uns in erster Linie als Gesundheits-Company“, erzählt Michael Schmidt.

ICAROS nimmt den Druck von den Bandscheiben, unterstützt den Aufbau der tieferen Rumpfmuskulatur und fördert die symmetrische Stabilisierung des Körpers. Wohlgefühl statt Rückenschmerzen. „Zum Muskelaufbau reichen zweimal 45 Minuten pro Woche, danach eine Stunde pro Woche“, so Michael Schmidt. In der Reha-Praxis und im Fitnessstudio kann man ICAROS mitunter ohne VR-System oder Monitor antreffen. Aber erst beim Einsatz bildgebender Verfahren spielt die Fitness-Software ihre Stärken aus: Die in Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten entwickelten Übungen folgen einer strengen Choreographie und maximieren den Erfolg. Und: „Anders als bei vielen Trainingsgeräten kann man nichts falsch machen“, weiß Michael Schmidt.

Icaros

Icarace: eine von zehn Gaming- und Fitness-Apps für ICAROS. Je nach Software werden die VR-Systeme Oculus Rift, HTC Vive und Samsung Gear VR unterstützt. Der Windows-Treiber unterstützt auch einige kommerzielle Games, zum Beispiel „Ace Combat 7“ und „Star Citizen“

Nächster Halt: eSports

Aus dem Zwei-Mann-Team von 2015 ist binnen vier Jahren ein kleiner Global Player geworden. Heute beschäftigt Icaros 24 Mitarbeiter in Martinsried östlich von München, betreibt einen Showroom mit Blick auf die Theresienwiese und beliefert die ganze Welt mit drei ICAROS-Ausführungen für private, kommerzielle und therapeutische Einsatzzwecke mit jeweils adaptierter Software. Dazu kommt eine sogenannte R-Version, die BMW Motorrad gerne für Showcases nutzt. Sie simuliert eine MotoGP-ähnliche, kniende Sitzposition. Bei Preisen ab 2.300 Euro (für die Heimversion) liefert Icaros heute in 52 Länder bis nach Japan. Man kann ICAROS in Münchner Showroom ausprobieren, außerdem in Arcades und Fitnessstudios rund um den Globus.

Die Zukunft für sein Unternehmen sieht Michael Schmidt rosig. Er denkt, der Entertainmentfaktor wird an Bedeutung gewinnen. „Es gibt da draußen so viele Menschen mit dem Wunsch nach extremen Erlebnissen. Sie wollen Motorradfahren oder mit dem Wingsuit durch die Alpen gleiten. Aber es geht einfach nicht, dass das jeder macht. Allein schon weil das unsere Umwelt zerstören würde. Trotzdem möchten diese Menschen ihre Wünsche und Bedürfnisse befriedigen. Sie suchen nach Surrogaten. Das kann eSports sein. Oder ICAROS.“

 

ICAROS kann vom 23. bis 25. Oktober 2019 auf den MEDIENTAGEN MÜNCHEN in der Immersive Media Area ausprobiert werden.