Plot19

Vom Plot zum Erzählraum – neue Mechanismen im Storytelling

Aus „News“ werden „Storys“, aus dem „Markenkern“ wird die „Brand Story“. Storytelling ist in aller Munde – mit dieser Feststellung begrüßten Petra Sammer und Gerhard Maier die knapp 200 Besucher von Plot19 am 6. September in der Hochschule für Fernsehen und Film München. Zwei Themen dominierten die Konferenz: Interaktion und Involvement der Nutzer sowie die Glaubwürdigkeit von Storytellern in Zeiten von Relotius, Deep Fake & Co.

In seiner Eröffnungs-Keynote „Today, can everything be a story?“ zeigte Rod Cartwright, Senior Communications Strategist & Thought Leader, dass es für eine gute Geschichte mehr braucht als eine spannende Heldenreise. Storyteller müssen in erster Linie glaubhaft sein. Auch die Intention hinter der Geschichte spiele eine wichtige Rolle. „It is not what you communicate, it is what you cause“ zitierte Cartwright Andy Bounds.

Die finnische Filmemacherin Ronja Salmi findet vor allem durch die Interaktion mit ihren Instagram-Followern die Geschichten für ihre TV-Serie „Was ist los, Ronja Salmi?“. Durch den intensiven Austausch bekommt sie Hinweise für spannende Stories und Protagonisten. Dabei sieht sie sich in großer Verantwortung. Gerade bei heiklen Themen. „Trust is the most important thing I have as a journalist.“

Weg vom Produkt, hin zur Story

Was das Marketing von seriellem Erzählen lernen kann und ob Erzählräume lineare Handlungen ablösen, waren die Themen des Plot19 Panels „Don’t tell stories. Build Worlds“. Markenstratege Marco Ruckenbrod etwa wünschte sich, dass Marken die Nähe zum Produkt verlassen, den Fokus auf die Story legen und sich trauen, strategische Konfliktsituationen aufzubauen. Daraus, so der Experte, ließen sich viele weitere Geschichten ableiten. Einer der Gründe, warum Serien so gut im Marketing funktionieren, sei die Zeit und die Aufmerksamkeit, welche die Zuschauer der Geschichte und somit der Marke einräumen.

Das Projekt “Blautopf” konnten die Besucher der Plot19 direkt ausprobieren. Foto: Plot

Ein konkretes Beispiel für einen gelungenen Erzählraum ist das Projekt „Blautopf“, das Tellux Next Geschäftsführer Philipp Schall vorstellte. Statt einer klassischen Dokumentation über das Höhlensystem unter der Schwäbischen Alb setzte Tellux Next für den Südwestrundfunk ein VR-Projekt um, das die Nutzer in der virtuellen Höhle interagieren lässt.

Raum für Unerwartetes

Oliver Baumgart, Gründer von 43einhalb, einem Sneakershop mit integrierter Storytelling-Agentur, appellierte daran, Storys genug Raum für Entwicklungen zu geben. Die interessantesten Geschichten seien besonders die, in denen etwas Unvorhersehbares passiert. Dies war eines der Learnings aus dem 43einhalb-Projekt „The Trip“. Für die Roadtrip-Serie zum Jubiläum eines Sneakers begleitete Baumgart die Gewinner eines Gewinnspiels auf ihrer Reise nach Flimby, der Produktionsstätte des Sportartikelherstellers New Balance. Er verzichtete auf eine detaillierte Planung, damit sich die Geschichte der Protagonisten selbst entfalten konnte.

Petra Sammer im Gespräch mit Oliver Baumgart. Foto: Plot

Eine ganz neue Art des interaktiven Storytellings stellte Matthias Leitner vor: Sein Projekt „Ich, Eisner“ für den Bayerischen Rundfunk erzählte mithilfe der Messenger-Dienste WhatsApp, Telegram und Insta die Geschichte von Kurt Eisner. Ein Thema, das in den sozialen Medien durchaus Trolle auf den Plan rufen kann. Doch das Messenger Dienst-Experiment habe das Gegenteil bewirkt, gibt Leitner Einblicke: Durch die Eins-zu-Eins Kommunikation wurde den Trollen das Forum entzogen. Vielmehr erlebte das Projekt-Team einen regelrechten Candy-Storm.

Das Panel “Zwischen Manipulation und Information” widmete sich der großen Verantwortung von Storytellern. Foto: Kathrin Hippe

Zwischen Manipulation und Information

Verdichten, Ausschnitte verändern, Blicke lenken: Dass Storytelling nicht nur mitreißen kann, sondern auch zahlreiche Arten von Manipulation ermöglicht, diskutierten Dr. Raimar Heber (dpa Infografik), Pauline Roenneberg (Regisseurin/Autorin) und Prof. Dr. Annika Schaich (Hochschule Hannover). Für Geschichtenerzähler sei es wichtig, sich ihrer Macht bewusst zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Außerdem dürfe man bei der Vermittlung von Informationen nicht zu viele Fakten auf einmal erzählen. Oder, wie Heber bildhaft verdeutlichte: „Man kann nur eine Tomate fangen, nicht einen ganzen Eimer voll“.