Deutsche Akademie für Fernsehen

Jour fixe: Dokumentarfilme und das liebe Geld

Weiß ein Drehbuchautor, was ein Kameramann tut und umgekehrt? In der Theorie sollten Fernsehmacher zumindest das für die Zusammenarbeit Nötigste über das Handwerk ihrer Kollegen wissen. In der Praxis gibt es immer wieder neue Entwicklungen und daher Gesprächsbedarf. Den Austausch zwischen den unterschiedlichen Gewerken sowie zwischen Freiberuflern und Redakteuren zu fördern, ist Satzungszweck des 2010 gegründeten Vereins Deutsche Akademie für Fernsehen. Die Münchner Sektion veranstaltet darum immer am letzten Dienstag der ungeraden Monate mit Unterstützung des MedienNetzwerk Bayern einen Jour Fixe. Am 28. Mai waren die dokumentarischen Formate Thema: “Dokumentarfilm – Reportage. Wichtige Blicke in die Welt, doch immer in der Nische?”

Bertram Verhaagen. Foto: Benedikt Frank

Dokumentarfilme und Reportagen gibt es im deutschen Fernsehen zwar viele, doch auf den besten Sendeplätzen läuft meistens Fiktion. Darüber, wie Dokumentarfilme heute ihr Publikum finden, diskutierten in kleiner Runde die Macher selbst mit Moderator Uwe Brückner. Vielfach prämiert ist der Münchner Dokumentarfilmer Bertram Verhaagen. Mit seiner Firma DENKmal-Film ist er seit über 40 Jahren im Geschäft. Zu seinen Themen gehören Gentechnik und biologische Landwirtschaft ebenso wie Rassismus. “Wir konnten früher so viel drehen und schneiden, bis wir zufrieden waren”, berichtet Verhaagen. Heute sei das allenfalls dann möglich, wenn die Produktion diesen Aufwand auch aus eigener Tasche finanziert. Womit die Runde auch schnell beim Dauerthema ankommt: Dem lieben Geld. Verhaagen probiert es mit Selbstvermarktung aufzutreiben. Neun seiner Filme über nachhaltige Landwirtschaft hat er in einem DVD-Buch zusammengefasst. Das aufwändig gestaltete Produkt ist ein Sammlerobjekt für das Bücherregal, für ihn funktioniert das immer noch besser als der digitale Vertrieb.

Dokumentarfilme drehen aus Überzeugung

Kristian Gründling. Foto: Benedikt Frank

Verhaagen sagt, er drehe seine Filme aus persönlicher Überzeugung. Das dürfte auch die Motivation der überwiegend jugendlichen Regisseure sein, die weitgehend frei von wirtschaftlichen Zwängen und Redaktionsdruck drehen und ihre Werke beim Camgaroo-Award einreichen. Gabriele Lechner leitet die Preisverleihung für Nachwuchs- und Independentfilme. Sie erzählt von einer großen Professionalisierung der jungen Amateurfilmer: “Es ist heute viel schwieriger auszusortieren als noch vor zehn Jahren.” Durch den leichteren Zugang zu Technik und Anleitungen sei die Qualität gestiegen, manche 20-jährige hätten heute schon acht Kurzfilme produziert, ohne je eine Filmhochschule besucht zu haben. Die Filmemacher ihres Awards mögen interessante Einblicke in Lebensbereiche bieten, die im Fernsehen vielleicht nicht oder nur am Rande vorkommen. Sie müssen von dieser Arbeit allerdings nicht ihre Miete bezahlen.

Uwe Brückner, Bertram Verhaag, Gabriele Lechner und Kristian Gründling. Foto: Benedikt Frank

In etwa das Gegenteil solcher Nonprofit-Filmerei vertritt Kristian Gründling. Er und seine Firma Grünfilm kommen aus der Werbewelt, er produziert also in der Regel gut bezahlte Imagefilme. Auch “Die stille Revolution” ist ein von einem kleinen Unternehmen beauftragt, einer Hotelkette. Der Film entwickelte aber ein gewisses Eigenleben als Dokumentarfilm. Es geht darin um den Wandel der Arbeitswelt, ein Thema, das offensichtlich viele interessiert. Und so tourt Gründling damit durch die Städte, tritt als Berater vor Unternehmen auf, füllt aber auch Kinosäle mit interessierten Bürgern.

Zwischen Stammtisch und Expertenrunde

Der Charme des Jour Fixe der Deutschen Akademie für Fernsehen ist die Atmosphäre zwischen Stammtisch und Expertenrunde. In lockerer Runde erzählen Experten aus der Fernsehbranche von ihren Erfahrungen, schweifen mitunter ab, plaudern. Es geht familiärer zu als bei Branchentreffen vor großem Publikum. Zwischen Kurzvorträgen über die eigene Projekte kann man etwas über unterschiedliche Arbeitsweisen lernen, zwischen Bier und Brezen kann man erfahren, was für die Gäste funktioniert und was nicht. So verschieden sie sein mögen, in einer Sache sind die Diskutanten sich diesmal einig: Dokumentarfilme müssen besser beworben werden, damit das Publikum von ihnen erfährt.