„Die Zuschauer können Teil des Teams sein“ – Storytelling in VR

Im Games- und Filmbereich, aber auch für viele andere Branchen bietet Virtual Reality Möglichkeiten, die momentan erst ansatzweise ausgetestet werden. Denn die Technologie und die erzählten Welten boomen zwar, stecken aber noch in den Kinderschuhen. Als einer der ersten Fernsehsender hat ProSiebenSat.1 Media für die Sendung Galileo das Experiment gewagt, eine ganze Woche lang VR-Beiträge zu senden. Auf dem Special VR_NOW auf den Münchner Medientagen 2016 wird Redakteurin Eva Eich gemeinsam mit Johann Bayerl über den Ausflug in die mögliche Zukunft des Fernsehens berichten. Im Interview erzählt sie bereits jetzt über Erfolge und Erfahrungen während der Drehs.

 

Frau Eich, Fernsehzuschauer haben in der Regel eher eine passive Rolle. Wie schafft man es, sie auf das Abenteuer VR mitzunehmen, wo sie selbst aktiv werden müssen?

Eva Eich. Foto: Galileo

Eva Eich. Foto: Galileo

Tatsächlich sind Fernsehzuschauer daran gewöhnt, sich hinzusetzen und etwas geliefert zu bekommen. Selbst etwas tun zu müssen, ist da etwas Neues. Wenn man ein solches zusätzliches Angebot produziert, dann muss das wirklich spannend sein und dem Zuschauer Spaß und Mehrwert bieten, sonst macht er da nicht mit.

In der VR-Woche von Galileo wollten wir deshalb nicht nur Bonus Content machen, den die Zuschauer zusätzlich zur eigentlichen Sendung abrufen können, sondern ihnen die Möglichkeit geben, Teil der Beiträge zu sein, gefühlt neben dem Kameramann zu stehen und alles mitzubekommen, was auch der Redakteur sieht.

Optisch starke Themen, die in fremde Welten entführen

 

Wie lief das ab?

Die Schwierigkeit war, dass wir parallel dieselbe Geschichte erzählen wollten: Als Fernsehbeitrag und mit Brille in VR. Deshalb haben wir mit zwei Teams zeitgleich gedreht. Genau das hat es für die VR-Zuschauer so spannend gemacht, weil sie das andere Team beobachten konnten und zum Beispiel nachsehen: Was macht der Kameramann gerade?

 

Welche thematischen Schwerpunkte wurden gesetzt?

Wir haben uns überlegt, welche Themen optisch absprechend sind. Zum Beispiel haben wir eine Reise nach China gezeigt – es ist spannend, zu sehen, was in fremden Kulturen passiert. Mit den Möglichkeiten von VR steht man zum Beispiel mitten in der Küche eines Protagonisten und kann begutachten, welche Gewürze im Regal hinter dem Kamerateam sind.

Allerdings haben wir auch versucht, servicelastige Inhalte umzusetzen. In einem Beitrag untersuchten wir etwa, wie Räucherlachs hergestellt wird. Dabei mussten wir merken, dass es sehr viel schwieriger ist, ein Thema zu bearbeiten, das keine optischen Reize hergibt. Ein Learning für uns: Optisch starke Themen, die in fremde Welten entführen, eigenen sich am besten für VR.

Screenshot: Galileo VR

Screenshot: Galileo VR

Unser innovativster Inhalt war eine Geschichte, die wir völlig subjektiv erzählten – durch die Augen des Protagonisten. die Zuschauer mussten herausfinden: Wer bin ich denn überhaupt? Diesen Beitrag haben wir mit einem Gesichts-Rig gedreht – einer Maske, die die Kamera tatsächlich auf Augenhöhe sein lässt.

 

Worauf musste man beim Dreh in VR besonders achten?

Die schnellen Schnitte, die wir kennen, und die komprimierten Geschichten – die funktionieren für VR nicht. Die Szenen müssen stehenbleiben, weil die Zuschauer die Möglichkeit haben müssen, sich umzusehen. Gleichzeitig kann zu schnelle Bewegung zu Übelkeit führen. Das immer zu berücksichtigen und so zu kombinieren, dass man beiden Erzählweisen gerecht wird, war schwer.

VR-Dreh in Tokio. Foto: Galileo

VR-Dreh in Tokio. Foto: Galileo

„Die Technologie und die Arbeit damit stecken in den Kinderschuhen“

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, welche Erkenntnisse erlangt?

Im Fernsehen haben die Beiträge super funktioniert – die Zugriffszahlen auf das VR-Angebot waren aber geringer als bei anderen Online-Aktionen von Galileo. Das hat uns gezeigt, dass VR noch nicht so angekommen ist in der Gesellschaft. Es haben einfach noch nicht so viele Leute so ne Brille zuhause liegen. Um das ein wenig auszugleichen haben wir im Vorfeld 1.000 Brillen verlost. Da war die Nachfrage riesig und das hat uns gezeigt, dass das Interesse groß ist.

Momentan gibt es noch relativ große Hürden, da sowohl die Technologie als auch die Arbeit damit noch in den Kinderschuhen stecken. Kameraleute, Cutter und alle anderen – für die meisten waren das Wege, die sie zum ersten Mal beschritten haben. Und auch finanziell war die lineare Produktion sehr viel günstiger als die VR-Variante. Für uns war das aber nicht schlimm, da wir kein kommerzielles Ziel hatten sondern das Thema ausprobieren wollten, gerade wenn es noch so neu ist. Das ist es ja, wofür die Marke Galileo steht.

 

Was bedeutet VR für das Fernsehen?

VR zeigt viel mehr. Der Zuschauer sieht alles, was auf dem Dreh passiert, nichts bleibt mehr unentdeckt. Das ist eine riesige Chance, um den Zuschauer wirklich auf unsere Reisen mitzunehmen. Wir hatten zum Beispiel auch einen Stream ins Studio und konnten so umfassend Blicke hinter die Kulissen gewähren. Die Zuschauer können selbst entscheiden, was sie sehen und so gewissermaßen Teil des Teams sein.

 

Auf den Medientagen München:

Mittwoch, 26. Oktober, Halle B0, 11.30 Uhr: VR Storytelling

Mit: Salvan Joachim & Matthias Leitner, BR, Johann Bayerl, ProSiebenSat.1, Eva Eich, ProSiebenSat.1, Bettina Fächer, SWR.Online, Philipp Schall, Tellux Next