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„Ich habe meine Mutter nie kennengelernt“ – Sabine Bohlmann im Interview

Lisa Simpson, Sailor Moon und Pikachu – das sind nur einige Rollen, die Sabine Bohlmann synchronisiert. Vermutlich gibt es niemanden, der die Stimme der Schauspielerin und Autorin nicht kennt. Auf medien.bayern erzählt die gebürtige Münchnerin, warum Pokemon Go eine großartige Erfindung ist, wie ein bayerisches Cowgirl klingt und wie es klappt, viele Projekte unter einen Hut zu bringen.

 

Frau Bohlmann, was bedeutet es für Sie, so vielen bekannten Kindheitshelden Ihre Stimme zu leihen?

Für mich ist das etwas sehr Besonders. Wenn zum Beispiel irgendjemand etwas aus einer Serie zitiert, die ich selbst als Kind angeschaut habe  – dann erinnere ich mich und bin sofort wieder in meine Kindheit versetzt. Dass ich als Sprecherin ein Stück dazu beitragen kann, dass es den Kindern von heute später mit ihren Lieblingsserien auch so geht, finde ich natürlich sehr schön!

Sabine Bohlmann mit den Simpsons. Lisa ist ihre größte Rolle. Foto: privat

Sabine Bohlmann mit den Simpsons. Lisa ist ihre größte Rolle. Foto: privat

Werden Sie im Alltag an Ihrer Stimme erkannt?

Mir ist es noch nie passiert, dass ich irgendwohin gegangen bin – zum Metzger zum Beispiel –, gesagt habe: „200 Gramm Wurst bitte!“ und er hat geantwortet: „Ach, Sie sind doch die Sprecherin von …“ Da müsste ich wahrscheinlich die Stimme wirklich so verstellen, wie die Figur spricht. Und selbst dann würden sich viele vielleicht eher denken: „Oh Gott, die spinnt ja total, wie klingt die denn!“ (lacht)

 

Wie läuft das ab, wenn Sie eine Rolle übernehmen?

Meistens werden alle, die ähnliche Stimmen haben wie die Originalfigur, zu einem Probesprechen eingeladen. Da sehen wir auch die Rollen zum ersten Mal. Wenn wir genommen werden, geht alles recht schnell.

Es ist nicht so, dass wir erst einmal ein Drehbuch oder detaillierte Informationen bekommen. Wir kriegen unsere Termine, gehen ins Studio und dann geht es einfach los. Wir versuchen in der Regel uns nach dem Original zu richten. Wenn man sich daran hält, ist man auf der sicheren Seite.

Die meisten Figuren wachsen mir ans Herz

Gab es schon einmal eine Rolle, mit der Sie nichts anfangen konnten?

Die meisten Figuren wachsen mir ans Herz, aber es gibt natürlich Sachen, die ich lieber mache als andere. Manches macht man, weil man ja auch ein bisschen Geld verdienen muss. Das ist wie in jedem Beruf.

 

Sie haben eine Staffel lang Pikachu aus Pokemon synchronisiert. Wie ist das, jemanden zu sprechen, der nur durch seinen eigenen Namen kommuniziert?

Am Anfang ist es lustig, eine Rolle wie Pikachu zu sprechen. Teilweise war es aber so, dass ich drei Tage hintereinander von morgens bis abends im Studio stand und immer nur diese drei Silben hatte  – Pi-ka-chu, in sämtlichen Varianten. Wenn ich dann abends nach Hause kam und mein Mann fragte: „Na Schatz, wie war dein Tag“, dann konnte ich nur noch sagen „Pikachuuuuuu!“ So richtig erfüllend war das nicht, muss ich zugeben.

Ich habe auch noch andere Figuren in der Serie gesprochen. Manchmal Kinder, aber auch Pokemon. Knuddeluff zum Beispiel. Es gibt ja sehr viele. Und sie prägen einen. Wenn mein Sohn mir heute zum Beispiel auf seinem Smartphone zeigt, welches Pokemon er gefangen hat, habe ich sofort die jeweilige Stimme im Kopf.

 

Als Pokemon in den 2000er-Jahren ins Fernsehen kam, gab es einen riesigen Hype. Nun gibt es Pokemon Go und der Hype ist zurückgekommen. Was glauben Sie woher kommt das?

Während des Interviews geht Sabine Bohlmann auf Pokemon Jagd. Die Ausbeute: Ein Habitak. Foto: Sabine Bohlmann

Während des Interviews geht Sabine Bohlmann auf Pokemon-Jagd. Die Ausbeute: Ein Habitak. Foto: Sabine Bohlmann

Ich gestehe: Ich habe die App selbst. Und ich finde sie genial. Auf einmal kommen die ganzen Jugendlichen wieder auf die Straße, die normalerweise immer zuhause vor dem Rechner sitzen. Am besten finde ich das Eier ausbrüten. Eier kann man nur ausbrüten, indem man Kilometer geht. Je nach Eiergröße gibt es verschiedene Kilometerangaben. Und die müssen wirklich gelaufen werden, man kann weder Auto noch Fahrrad fahren.

Ab und zu, wenn ich im Park bin, schalte ich die App ein und finde es superlustig, dass da im Gras oder auf einem Pflasterstein ein Pokemon sitzt. Die sammle ich dann. Aber ich gehe nicht in Arenas oder so, das ginge dann doch zu weit.

 

Welche Ihrer Rollen hat Sie am meisten geprägt?

Lisa Simpson. Das ist die Rolle, die mich am längsten begleitet, meine erste riesige Rolle damals, auch meine berühmteste Rolle, die kennt fast jeder. Mit dieser Rolle bin ich gewachsen und verwachsen. Ich mag Lisa total und ich mag auch die Originalsprecherin.

Mittlerweile weiß ich teilweise schon bevor ich mir etwas ansehe, wie sie es umsetzen wird, weil ich sie schon 26 Jahre lang kenne. Allerdings nicht persönlich. Wir deutschen Sprecher kennen uns teilweise nicht einmal untereinander. Ich habe meine Mutter nie kennengelernt, total tragisch! Da Anke Engelke in Köln sitzt und wir anderen in München, werden wir jeweils dort aufgenommen.

Ich sehe meine Berufung als Künstlerin. Das muss sich nicht nur auf eine Sparte beschränken.

Sie sind Synchronsprecherin und Schauspielerin . Wo sehen Sie Ihre Berufung?

Ich sehe meine Berufung als Künstlerin. Das muss sich nicht nur auf eine Sparte beschränken. Wenn man sich für so eine Laufbahn entscheidet, liegt einem das Künstlerische, Kreative einfach.

Sabine Bohlmnn schreibt Kinderbücher Foto: Christian Hartmann

Sabine Bohlmann schreibt Kinderbücher. Foto: Christian Hartmann

Ursprünglich wollte ich Schauspielerin werden und habe eine Schauspielausbildung gemacht. Bevor ich mit der Schauspielausbildung angefangen hatte, habe mich bei einem Synchronstudio beworben. Irgendwann haben sie mich für einen Solosatz geholt. Das war ein Western, ich sollte ein kleines Mädchen in der Prärie sprechen. Ihr Vater ritt davon und ich sagte: „Wird Daddy recht bald wieder zurückkommen?“

Als ich das gesagt hatte, war da Schweigen und als ich zu der Scheibe schaute, hinter der die immer sitzen, saß da niemand mehr – sie lagen  vor Lachen unter dem Tisch. Der Grund war mein rollendes R. Bis zu diesem Moment hatte ich gedacht, ich spreche reinstes Hochdeutsch. Das ging so natürlich nicht – das bayerische Mädchen in der Prärie.

Mir wurde geraten, Phonetik-Unterricht zu nehmen und mir den Dialekt abzutrainieren – oder Volksschauspielerin zu werden. Das wollte ich nicht, deshalb bin ich die Sache sofort angegangen und war sehr fleißig.

Können Sie noch Bayerisch?

Theoretisch habe ich mir alles so bewahrt, dass ich auch bayerische Sachen spielen oder sprechen könnte. Ich finde die bayerische Sprache total schön, das ist schade, wenn man sie gar nicht mehr spricht. Einmal habe ich einen Simpsons-Comic auf bayerisch übersetzt.

Sie schreiben aber auch andere Bücher.

2003 habe ich mein erstes Buch rausgebracht. Das war ein Erziehungsratgeber, den ich zusammen mit meinen Kindern gemacht habe – aus der Not heraus, weil ich so eine schlechte Schimpferin war. Da habe ich eine Methode erfunden, wie ich trotzdem erreichen kann, was ich will, und das Konzept auf der Frankfurter Buchmesse einem Verlag vorgestellt. Mit Erfolg. Seit 2004 schreibe ich eigentlich ein Buch nach dem anderen.

 

Wie schaffen Sie es, so viele Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen?

"Wie ich Fräulein Luise entführte" ist Sabine Bohlmanns aktuelles Buch. Foto: privat

„Wie ich Fräulein Luise entführte“ ist Sabine Bohlmanns aktuelles Buch. Foto: privat

Ich bin ein Arbeitstier. Aber auch ein Organisationstalent. Ich mache mir Listen und weiß dann zum Beispiel: Morgens muss ich um eine bestimmte Uhrzeit dasitzen und schreiben, sonst wird das nichts. Und natürlich muss ich auch mal Sachen absagen – so gern ich sie machen würde. Ich kann nur eine bestimmte Anzahl an Büchern im Jahr schreiben plus Synchron und Synchronregie.

Es ist schon so, dass man als Künstler viele Wochenenden durcharbeitet und sehr wenig Freizeit hat. Andererseits ist für mich mein Beruf auch mein Hobby, deshalb ist es nicht so schlimm.

 

Website von Sabine Bohlmann