Die Vielfalt der lokalen Sender in Bayern visualisierte die Eröffnungsveranstaltung der Lokalrundfunktage 2016. Foto: BayMS

Visual Radio und Sound Beacons – Lokalrundfunktage

Kurze Web-Clips sind beliebt, snackable und bekommen viele Klicks. In sozialen Netzwerken erleben sie einen Hype. Audioformate hingegen tun sich schwer. Standardtools sind kaum vorhanden. Wie also kann sich das Radio digital weiterentwickeln und im Netz positionieren? Auf den Lokalrundfunktagen in Nürnberg waren einige Ansätze zu hören.

Auf keinen Fall sollten Radiomacher versuchen YouTube oder Fernsehen nachzuahmen, meint Dr. Aeneas Rooch, Solution Manager bei der Softwarefirma Scisys. Das sei nicht die Kernkompetenz des Radios. „Radio muss Radio bleiben. Man sollte sich darauf konzentrieren, was Radio ausmacht und was es gut kann“, sagt der Experte mit langjähriger Radioerfahrung beim WDR und BR. Dazu zählen starke Persönlichkeiten ebenso wie Emotionen erzeugen, erzählerisch die Phantasie der Hörer anregen, Bilder im Kopf entstehen lassen, sich auf regionale Identifikation konzentrieren und die Geschwindigkeit des Mediums nutzen. „Radio war schon immer schnell“, sagt Rooch.

Visual Radio

Dr. Aeneas Rooch weiß wovon er spricht. Über zehn Jahre hat er beim Radio gearbeitet. Foto: Franziska Baur

Dr. Aeneas Rooch weiß wovon er spricht. Über zehn Jahre hat er beim Radio gearbeitet. Foto: Franziska Baur

Einfach eine Kamera in das Radiostudio zu stellen, um die Moderatoren live während der Sendung zu streamen, sei allerdings wenig attraktiv. Für Lokalredaktionen, die ihre Audioinhalte auch mit kleinem Budget besser im Netz präsentieren wollen, rät Rooch: „Auffallen geht mit Bildern. Es muss zum Standard werden, dass ein Radiojournalist von einem Termin nicht nur O-Töne, sondern auch Fotos mitbringt.“ Schon mit ein paar Bildern kann eine begleitende Audioslideshow zum Radiobeitrag entstehen. Auch während eines Songs könnten auf Radios mit Displays Fotos des Interpreten angezeigt werden – aus der jeweiligen Zeitepoche etwa, oder aus dem Erscheinungsjahr des Songs.

Wie ein Radiobeitrag mit einfachen Grafiken audiovisuell aufgewertet werden kann, war bei der Verleihung des BLM-Hörfunk- und Lokalfernsehpreises zu sehen, der die Lokalrundfunktage alljährlich eröffnet. Die ausgezeichneten Radiobeiträge waren jeweils mit minimalistischen Grafik-Elementen versehen, die den gesprochenen Inhalt unterstützten.

Veränderung in die Wege leiten

Aber ist das Radio in Gefahr? Aktuelle Zahlen der Funkanalyse 2016 zeigen, dass der lokale Hörfunk so stark ist wie nie. Das sendet ein positives Signal in die Branche. Medienexperte Jens-Uwe Meyer formuliert es in seinem Vortrag ganz einfach: „Radio ist nicht tot, auch wenn es schon oft behauptet wurde.“ Dennoch müsse man sich heute über die zukünftigen Entwicklungen Gedanken machen, auf Veränderungen zu reagieren und diese aktiv mitzugestalten.

Nur weil sich eine Veränderung nicht gleich am nächsten Tag auf die Zahlen auswirke, bedeute das nicht, dass ihre Folgen ausblieben. Das hätten schon viele Firmen-Pleiten in der Vergangenheit bewiesen. Umso mehr müsse frühzeitig auf Veränderungen reagiert werden. „Die Entscheidungen, die sie heute treffen“, appelliert Meyer an die Lokalrundfunk-Vertreter, „wirken sich in fünf Jahren aus“. Diese zeitliche Verzögerung dürfe man nicht aus den Augen verlieren.

Sound Beacons für Radiowerbung

Ulrich Bunsmann und Thoralf Nehls von Radioscreen zeigten mit ihrer Entwicklung der Sound Beacons, wie das Radio mit neuen Technologien besonders für lokale Werbekunden attraktiver werden könnte. Mit der Software, die auf Location-based Marketing setzt, sollen Hörer über eine Radio-App gezielt Werbung erhalten. Die Technologie funktioniert über kleine Lautsprecher, die ein akustisches Signal aussenden, das für das menschliche Gehör zwar nicht wahrnehmbar aber für die Radio-App erkennbar ist.

Bewegt sich ein Radiohörer bei einem Stadtbummel in der Nähe eines solchen Sound Beacons, können ihm Sonderangebote oder Gutscheine direkt in seine Radio-App gesendet werden. Das, so die Vertreter von Radioscreen, soll den Radiohörern ein komfortableres und bequemeres Shopping-Erlebnis, den Radiomachern mehr Werbekunden und dem Einzelhandel gezielte Werbung ermöglichen. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut hat die Hamburger Agentur die Sound Beacons entwickelt und will sie voraussichtlich ab August 2016 auf den Markt bringen.

Die Ansätze auf den Lokalrundfunktagen zeigen, wie viel Potenzial für lokale Radiosender im Digitalen liegt und dass ein attraktiveres Angebot im Netz nicht immer automatisch viel kosten muss. Aber auch das wird wieder einmal deutlich: Positiv für sich nutzen wird man die Digitalisierung vor allem dann, wenn sich auch die Denk- und Arbeitsweisen in den Redaktionen mehr digitalisieren.