Fachsymposium Audiovisuelle Medien barrierefrei im Bayerischen Rundfunk 2016. Foto: Ralph Zahnder

Untertitel, Standards und Augmented Reality

Mit der wachsenden Anzahl an Endgeräten und Betriebssystemen ergibt sich eine schier erschlagend große Zahl an Variablen, wie Untertitel platziert, programmiert oder gestaltet sein müssen. Und auch Liveübertragungen stellen eine große Herausforderung für barrierefreie Medienangebote dar. Wie Standards, Augmented Reality und Simultanübersetzer das Angebot verbessern können, zeigte ein Fachsymposium in München.

128 Nutzerszenarien zählt Andreas Tai vom Institut für Rundfunktechnik (IRT), wenn er die Varianten berücksichtigt, die sich durch unterschiedliche Abspielgeräte, Bildschirmgrößen, Betriebssysteme und die Frage ergeben, ob das Angebot über einen Browser oder eine App genutzt wird. Das heißt, so viele Fälle müssen beim Erstellen von Untertiteln berücksichtigt werden. Auf dem Fachsymposium „Audiovisuelle Medien barrierefrei“ Ende Juni in München gab der IRT-Projektleiter für den Bereich Produktionstechnologie einen Einblick in die Arbeit und aufkommende Schwierigkeiten im Kontext der Digitalisierung.

Andreas Tai vom IRT. Foto: Ralph Zahnder

Andreas Tai hielt auf dem Fachsymposium einen Vortrag über Untertitel für PC, Smartphone und SmartTV. Foto: IRT/Ralph Zahnder

An welcher Stelle beispielsweise ist ein günstiger Platz, um Untertitel in einem Bildschirm einzublenden? Am unteren Bildschirmrand könnten möglicherweise Bauchbinden eines nachrichtlichen Beitrags verdeckt werden. Mittig platziert könnte das Gesicht eines Sprechers unkenntlich werden. Und in welcher Farbe, Schnelligkeit oder Größe sollte der Untertitel eingeblendet werden?  Keine einfach zu beantwortenden Fragen, wenn man die über 100 Nutzerszenarien im Kopf behält.

Andere Plattform, andere Richtlinie

Ob ein Inhalt bei Netflix, Facebook oder in der ARD-Mediathek angesehen werde, so Tai, stelle eine jeweils andere Abspielumgebung dar. „Es sind andere technische Umgebungen, in denen auch andere Richtlinien gelten, wie Untertitel auszusehen haben“, sagt der Projektleiter. Amazon Prime liefere für den Nutzer sogar gar keine Untertitel mit. Und das, obwohl sie technisch vorlägen. Ein unzufriedenstellendes Ergebnis für seh- und hörbehinderte Menschen, das auch damit zusammenhängt, dass es noch keine ausreichenden Standards gibt. Aus seiner täglichen Arbeit weiß Tai: „Ohne Standards wird es nicht funktionieren.“

Auch im klassisch-linearen Fernsehangebot stoßen Menschen mit eingeschränkter Seh- oder Hörfähigkeit auf Barrieren. Zwar haben öffentlich-rechtliche Sender ihr Angebot in den vergangenen Jahren ausgebaut – private hinken jedoch deutlich hinterher, wird auf der Veranstaltung von Verbandsvertretern kritisiert. Wer sich um die Zielgruppe und ein barrierefreies Angebot noch so gut wie gar nicht kümmert, so Bernd Schneider von der Deutschen Gesellschaft für Hörgeschädigte, sei die Werbebranche.

„Wir sind auch eine Käufergruppe, aber wir werden nicht angesprochen“, sagt Schneider. Werbung werde weder untertitelt noch gebe es eine Audiodeskription, fügt Prof. Dr. Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherrei für Blinde auf dem internationalen Fachsymposium hinzu. Und so würden seh- oder hörbehinderte Menschen nicht als Zielgruppe berücksichtigt.

Augmented Reality für Livesendung

Als größte Herausforderung für barrierefrei Angebote sieht Andreas Tai vom IRT Livesendungen. Bei diesen müsste simultan übersetzt und das Angebot über verschiedene Streams ausgespielt werden. Wie der FC Bayern etwa seinen gehörlosen Fans zukünftig Fußballspiele möglichst gut präsentieren möchte, stellte Benjamin Steen aus der Abteilung digitale Projekte vor. Ab der nächsten Spielzeit will der Verein, so kündigt er an, auf die Technik der erweiterten Realität setzen – also auf Augmented Reality, kurz AR. Gehörlosen Zuschauern werde beim Stadionbesuch eine AR-Brille ausgehändigt, in die während des Spiels Untertitel der Kommentatoren eingeblendet würden.

Bernd Schneider. Foto: Ralph Zahnder

Bernd Schneider, Referatsleiter barrierefreier Medien der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten gibt einen Impulsvortrag. Foto: IRT/Ralph Zahnder

Der deutliche Vorteil zu Untertiteln, die über das Handydisplay ausgeliefert werden: Der Zuschauer muss nicht mehr zwischen dem Blick auf das Spielfeld und dem aufs Handy entscheiden. Zudem will der Fußballverein bald eine Audiodeskription über Knochenleitung anbieten. Die Kopfhörer-ähnliche Vorrichtung deckt das Ohr des Nutzers jedoch nicht ab, sondern überträgt die Schall-Schwingungen direkt über den Schädelknochen, der hinter dem Ohr sitzt. So kann der Fan auch die Stadionatmosphäre aufnehmen und fühlt sich nicht durch Kopfhörer abgeschottet.

Wie eine Liveveranstaltung untertitelt werden kann, hat das diesjährige Fachsymposium, das vom IRT und der ARD.ZDF medienakademie veranstaltet wurde, eindrücklich selbst gezeigt. Alle gesprochenen Beiträge der Vortragenden und Diskussionsteilnehmer wurden live transkribiert und auf einer Leinwand über dem Podium angezeigt. Die Transkribierer waren aus Mainz und Wien live zugeschaltet. Eine Unterstützung, von der letztendlich mehr Menschen profitieren, als nur diejenigen, die tatsächlich darauf angewiesen sind. Denn auch für Ältere oder Nicht-Muttersprachler bringen Untertitel eine deutliche Verbesserung, um den oftmals schnellen Liveberichten zu folgen. Und ein solch ausgerichtetes Programm berücksichtigt die Vielfalt unserer Gesellschaft.