Begruessung_Martin C Koerner_begruesst Teilnehmer und erklaert Smart TV

Smart-TV ist im Wohnzimmer angekommen. Wann wird es genutzt?

Beim Medientage Special in München diskutieren Branchen-Experten, wie Smart-TV in Zukunft erfolgreich sein kann – und wie neue Inhalte auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer ankommen können.

Augmented Reality, Roboter und Cyborg-Technologie: Am Anfang des Medientage Specials zu TV-Apps und der Welt des vernetzten Fernsehgeräts gab Alexandra Grohmann von der Innovations-Scout-Firma TrendOne in ihrem Keynote-Vortrag einen Einblick in die Zukunft. Science Fiction, an der gerade gearbeitet wird. Sie zeigte Software, die Gesichter scannt und aus ihnen die Stimmung der Leute lesen kann, Virtual-Reality-Konzepte von Fernsehsendern und Bediengeräte, die immer kleiner werden. High Tech werde zur Shy Tech, sagt sie: zur Technik, die unsichtbar und intuitiv genutzt wird sowie immer näher an den Körper wandert.

Alexandra Grohmann: Gesichtserkennung Happy. Foto: Florian Falzeder

Alexandra Grohmann: Gesichtserkennung Happy. Foto: Florian Falzeder

Smartphones, Virtual-Reality-Brillen und Wearables, also Technologie, die als Accessoire getragen wird, sind auf dem Markt angekommen. Beim Fernsehgerät, dem großen Bildschirm im Wohnzimmer, verläuft die Entwicklung noch etwas zaghaft. Aber auch hier gilt: Der Trend geht Richtung mehr Interaktion und vor allem Vernetzung.

Connected TV oder Smart-TV lautet die Zukunft des Fernsehens. Davon zeigten sich alle Teilnehmer des Medientage Specials am Dienstag in München überzeugt. Nur, wann diese Zukunft endlich anfängt, darüber herrschte Uneinigkeit und auch etwas Skepsis unter den Branchen-Experten.

Mit Apple und Amazon gibt es aktuell zwei Konzerne, welche die Entwicklung deutlich anschieben. Der Fire TV Stick etwa – ein USB-Gerät, das mit dem Fernseher verbunden werden kann – war auf Amazon das meistverkaufte Produkt im vergangenen Jahr. Und Apple TV könnte ähnlich wie beim iPhone wieder eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung einer Erfindung auf dem Markt spielen.

Leiser Megatrend

Smart-TV sei der leiseste digitale Megatrend, erklärte Martin C. Körner zur Begrüßung. Er ist Gründer und Geschäftsführer von MEKmedia. Die Firma aus Furth im Wald baut seit 2007 TV-Apps, für Kunden wie Audi, ProSiebenSat.1 oder Antenne Bayern, und hat mit den Medientagen gemeinsam zur Veranstaltung eingeladen.

In diesem Jahr werden laut Digital TV Research-Prognose rund 20 Millionen Haushalte in Deutschland über ihren Fernseher mit dem Internet verbunden sein. Und weltweit, so die Schätzung, sollen künftig jährlich 175 bis 200 Millionen Smart-TV-Geräte neu ans Netz gehen.

Demgegenüber stehen Zahlen wie die der 3,8 Millionen Besucher des Samsung Smart Hubs im April 2016, also des Startbildschirms für smarte Apps und Angebote des weltweiten Marktführers. Oder, dass nur etwa 15 bis 20 Prozent der Besitzer eines Smart-TV-Geräts überhaupt von dessen Möglichkeiten Gebrauch machen.

Die Technik ist also im Wohnzimmer angekommen. Genutzt wird sie dagegen noch von einer Minderheit. Der Online-Streaming-Dienst Netflix habe aktuell etwa nur eine Reichweite von drei Prozent, sagte etwa der Werbefachmann Willibald Müller, CEO von Goldbach Germany in Unterföhring.

Um dem smarten TV zum Durchbruch zu verhelfen müsse man sich an den größten Innovator der letzten 20 Jahre orientieren, so Müller: an Apple. Bei jeder Präsentation stand hier immer der Nutzer im Vordergrund, nie die Technik – wie etwa beim iPod mit dem Slogan „1.000 Songs in deiner Tasche“.

Technik als Voraussetzung

Die Technik muss natürlich auch funktionieren. Daran arbeiten Unternehmen wie Akamai, das in Deutschland mit einem Sitz in Garching bei München vertreten ist. Die Firma kümmert sich im Hintergrund um Server und Internet-Architektur sowie dafür, dass Videos flüssig und in guter Qualität gestreamt werden können.

Technologie muss auch hier unsichtbar sein, also so schnell und reibungslos funktionieren, dass sie nicht vom Nutzer wahrgenommen wird, um sich erfolgreich durchsetzen zu können. Ein großes Thema ist hier 4K oder UltraHD, das mit seinen großen Bildauflösungen enorme Herausforderungen insbesondere an die Übertragungstechnologie im Netz stellt.

Mathias Schwenck von 1-2-3.tv, Versandhandel im smarten TV. Foto: Florian Falzeder

Mathias Schwenck von 1-2-3.tv, Versandhandel im smarten TV. Foto: Florian Falzeder

Vor allem aber müssen die Inhalte stimmen und und nutzergerecht konzipiert sein. Die Diskussion darüber ist zur Zeit in vollem Gange, sie nahm auf der Tagung am Dienstag, den 31. Mai, den größten Raum ein – und wird auch auf den Medientagen in München vom 25. bis 27. Oktober weitergeführt, mit einem eigenem Bereich für Smart-TV auf dem Veranstaltungsgelände.

In einer Reihe von Vorträgen präsentierten Anbieter ihre TV-Apps und deren Möglichkeiten. Da war zum Beispiel Mathias Schwenck von 1-2-3.tv, einem Teleshopping-Kanal aus München, der jetzt auch als App sendet, über die man einkaufen kann.

Attraktive Pausenfüller

Auch Spiele werden künftig auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer vertreten sein, erklärte Antonio Vince Staybl vom Münchner Startup Gofresh – gerade kleine Pausenfüller wie Bubbleshoot und andere Formate. Mit dem verbundenen Smartphone als Controller und Social Screens werde es künftig neue Gameplay-Möglichkeiten in der Spielentwicklung geben.

Die erfolgreichsten Apps aber kämen von den großen Videoanbietern, erklärte Sang-Won Byun von Samsung. Da die Startbildschirme auf den smarten Geräten – sei es über das Samsung-eigene System, Android-basierte Oberflächen wie bei Philips, Sony oder Grundig, oder über den Standard HbbTV – nur wenig Platz für Apps bieten, gibt es hier einen großen Wettstreit um die begehrtesten Plätze.

Hochqualitative Angebote in 4K oder UltraHD seien zur Zeit besonders gefragt, sagte Bettina Streit von der Münchner Firma coeno. Aber auch in Nischensparten kann noch viel erreicht werden, erklärte zum Beispiel Robert Zimmermann von den Berliner Philharmonikern, die über das Netz und jetzt auch über den smarten Fernseher ihre Konzerte zu den Leuten bringen.

Diskussionsrunde mit Sang Won-Byun, Bettina Streit und Felix Neuland. Foto: Florian Falzeder

Diskussionsrunde mit Sang Won-Byun, Bettina Streit und Felix Neuland. Foto: Florian Falzeder

In Deutschland liegt der Web-Stream im Vergleich zu Downloads und Plattenverkäufen im Klassik-Bereich noch weit hinten, bei etwa zehn Prozent. Mit Blick auf China und Schweden aber, wo Streams mittlerweile 70 bis 80 Prozent ausmachen, lässt sich erahnen, in welche Richtung die Entwicklung geht.

Der große Meisterwurf ist noch nicht gelungen: die intuitive und sinnvolle Verbindung von klassischem Rundfunk und smarten Inhalten über das Internet, von linearen und nicht-linearen Angeboten. Auf der einen Seite steht das Zappen durch Kanäle, auf der anderen eine klassische Kacheloptik, die sich im On-Demand-Bereich durchgesetzt hat.

Erst, wenn alles zusammen – Inhalte, Technik und Benutzeroberfläche – in einem einfach und schön zu bedienenden Gesamtpaket verbunden sind, das eigens für den großen Bildschirm im Wohnzimmer gemacht ist, wird Smart-TV bei den Nutzern beliebter werden. Lange wird es nicht mehr dauern.