Platz Eins in den Media Control Charts für PC-Vollpreistitel im Februar 2011: das Realmforge-Strategiespiel "Dungeons"

Realmforge – mit bayerischer Games-Passion

Gamedevelopment lebt von grenzenloser Fantasie. Spieleschöpfer können ihr Publikum zur Teilnahme an den absurdesten Geschichten einladen. Folgen Sie doch zum Beispiel dem Angebot des Münchener Developers Realmforge und wirken Sie mit am Aufbau einer diabolischen Schreckensherrschaft.

Der Lord des Bösen sein. Ein Reich der Finsternis errichten. Sich die Menschheit untertan machen: Man mag spekulieren, welch tiefsitzende Gelüste das PC-Strategiespiel Dungeons 2 mit diesem, doch sehr absurden Auftrag anspricht. Die meisten Gamer werden aber wohl doch eher ihre Lachmuskeln trainieren, wenn sie Dungeons 2 starten, eine Armee aus Orks züchten und zum Sturmangriff auf die Welt der Menschen blasen.

Nominiert für die Kategorie "Beste Inszenierung" beim Deutschen Computerspielpreis 2016: die Realmforge-Produktion "Dungeons 2". Quelle: Realmforge

Nominiert für die Kategorie „Beste Inszenierung“ beim Deutschen Computerspielpreis 2016: die Realmforge-Produktion „Dungeons 2“. Quelle: Realmforge

Es folgt Gameplay mit dem ganz gewissen Etwas – eine Mischung aus beschleunigtem Schach, pointiertem Schalk und grandiosem Scheitern. Die Dramaturgie will es so, dass der finst´re Held gleich zu Beginn seines Vorhabens eine unvermeidliche Schlappe einsteckt, grimmige Häme erntet und sich doch erneut aufrappelt zum Kampf gegen das menschliche Erdengewürm.

Erfolg made in München-Südost

Die Summe aus vielschichtigem Gameplay und humorvollem Drumherum brachte Dungeons 2 eine Nominierung in der Kategorie Beste Inszenierung im Rahmen des Deutschen Computerspielpreis 2016 ein; außerdem war das Game beim Deutschen Entwicklerpreis in den Kategorien Beste Grafik, Bestes PC-Spiel und Beste Technische Leistung nominiert.

Ein eindrucksvoller Beleg für die handwerkliche Expertise seiner bayerischen Schöpfer: Realmforge – ein Gamesstudio aus dem äußersten Südosten Münchens. Im Eck zwischen dem romantischen Pfanzeltplatz und dem postmodernen Neuperlach schmiedet Realmforge seit knapp zehn Jahren international erfolgreiche Games für Leitplattformen, aktuell also PC und PlayStation 4. Der anhaltende Erfolg ist ein Produkt aus Begeisterung und Zielstrebigkeit des Teams und seiner drei Gründer.

Dungeons 2 – Launch Short Trailer

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Zwei davon, nämlich Benjamin Rauscher und Korbinian Abenthum, wissen schon seit gemeinsamen Jugendtagen im oberbayerischen Städtchen Landsberg um ihre gemeinsame Passion: Fantasy-Rollenspiele. Der eine schätzt „Das Schwarze Auge“, der andere bevorzugt „Dungeons & Dragons“, beide lieben Geschichten von grimmigen Orks und strahlenden Helden in polternden Rüstungen. Gerne per Pen & Paper und insbesondere als Game.

Startup-Finanzierung

Der Gedanke, zusammen den Fuß in die Gamesbranche zu bekommen und so die private Leidenschaft in eine berufliche Karriere umzuleiten, konkretisierte sich ab 1999, während der fünf gemeinsamen Jahre an der Technischen Universität in München. Benjamin und Korbinian lernten Christian Wolferstetter während des Informatik-Studiums kennen.

Benjamin Rauscher, einer der drei Gründerväter von Realmforge, vor skizzierten Figuren aus dem Strategiespiel "Dungeons 2". Quelle: Realmforge

Benjamin Rauscher, einer der drei Gründerväter von Realmforge, vor skizzierten Figuren aus dem Strategiespiel „Dungeons 2“. Quelle: Realmforge

Gemeinsame Hobbys, stimmige Chemie: So folgte der Beschluss, nach der Bachelorarbeit gemeinsam ein Startup zu gründen und mit hochwertigen Games die Welt zu erobern. „Der Zeitpunkt nach dem Studium war prima. Du kommst aus Gewohnheit mit wenig Geld klar und kannst monatelang an einer Sache arbeiten, die wenig bis nichts einbringt“, schildert Benjamin Rauscher die ersten Monate.

Nur, wie die Entwicklung eines global vermarktbaren AAA-Game zwischenfinanzieren? Wir sprechen über zwei Jahre oder mehr, ohne Einkommen aus Gamesverkäufen. Rauscher, Abenthum und Wolferstetter setzten auf überschaubare, branchenfremde Entwicklungsaufträge – dynamische Webanwendungen zum Beispiel, für den einistigen E-Commerce-Hoffnungsträger Swoopo. Der übrigens im März 2011 Insolvenz anmelden musste, während Realmforge gedeiht – was ein bisschen Wind aus den Segeln jener nimmt, die Gamesunternehmen pauschal als wenig nachhaltige Arbeitgeber verurteilen.

Solche Auftragsarbeiten spülen Geld in die Kassen, aber schmälern das für Gamedevelopment verfügbare Zeitvolumen und münden häufig in einem Dilemma: Würde ein rational denkender Unternehmer laufende Aufträge – die die Miete bezahlen und Brot auf den Tisch bringen –  aufgeben, zugunsten der ursprünglichen Geschäftsidee mit allerdings fragwürdiger Zukunft? Die Realmforge-Gründer spielten einen ungewöhnlichen Zug. Sie delegierten die Arbeit an ihrem ersten Gamesprototypen an ein externes Team und kümmerten sich selbst weiter um das Tagesgeschäft mit Nongame-Software-Development. Auf diese Weise erkaufte man sich die Chance auf eine vorzeigbare erste Umsetzung ihrer Spielidee, ohne dass sie existente Geschäftspartner aus dem Nongames-Geschäft brüskieren und Umsatzeinbußen riskieren mussten.

Finanzielle Sicherheit

Gleich diese erste Games-Schöpfung wurde zur Erfolgsgeschichte. Das Abenteuerspiel Ceville erzählt von einem bärbeißigen Tyrannen, der in witzigen Dialogen mit allerlei schrägen Vögeln die Lachmuskulatur des Betrachters strapaziert. Der Spielepublisher Kalypso Media aus Worms sichtete Ceville auf der gamescom 2007. Der Humor kam an. Kalypso sicherte sich 2008 erst die Vertriebsrechte an Ceville und bald darauf die  Zusammenarbeit mit Realmforge.

Von der Fachzeitschrift Gamestar für besonderen Spielwitz prämiert: "Ceville", das Erstlingswerk des Münchner Developers Realmforge. Quelle: Realmforge

Von der Fachzeitschrift Gamestar für besonderen Spielwitz prämiert: „Ceville“, das Erstlingswerk des Münchner Developers Realmforge. Quelle: Realmforge

Seit November 2008 sind die Münchner Developer Bestandteil von Kalypsos Entwicklernetzwerk. Finanzielle Sorgen sind seitdem passé. Kalypso bezahlt die Rechnungen. Wie denkt Benjamin Rauscher heute über den Deal? „Manchmal ist es schwierig, dass wir nicht alle Entscheidungen alleine treffen können. Andererseits kommt eine Professionalität rein, die den Projekten gut tut. Und: Es ist wahnsinnig schön, dass wir finanzielle Sicherheit haben und nicht ständig pitchen müssen wie andere Developer“.

Die knapp 20 Köpfe bei Realmforge können sich also auf den kreativen Part konzentrieren. Sie dürfen außerdem zu bisher in der Gamesbranche wenig erforschten Ufern aufbrechen und nach Antworten suchen. Zum Beispiel auf die Frage, ob Strategiegames bei Konsolengamern gut ankommen. Die Adaption von Dungeons 2 für PlayStation 4 wird das klären.