Strandmotive von Helmut Spanner/Ravensburger Verlag

Helmut Spanner: „Ich bin ein Dienstleister für Kinder“

Helmut Spanners Wohnung ist hell, an den Wänden hängen seine Zeichnungen – liebevoll gestaltete und farbenfrohe Tiere – auf dem Tisch im Arbeitszimmer liegen zahlreiche seiner Bilderbücher, darunter auch sein Erstlingswerk „Meine ersten Sachen“, das er bereits während seiner Studienzeit zeichnete. Spanner selbst sitzt lässig am Schreibtisch, einen anstrengenden Tag hat er hinter sich, voll mit Interview-Terminen, trotzdem ist er hellwach, in seinen Augenwinkeln sitzt der Schalk. Gleich zwei Gründe hat der Zeichner 2016 zum Feiern: Seinen 65. Geburtstag und sein 40-jähriges Jubiläum als Kinderbuchautor mit über elf Millionen verkauften Büchern.

Helmut Spanner an seinem Arbeitsplatz, 2010. Foto: Volker Derlath

Helmut Spanner an seinem Arbeitsplatz, 2010. Foto: Volker Derlath

Die Liebe zum Zeichnen entdeckte der gebürtige Augsburger bereits in der Grundschule. Und auch sein Talent haben die Lehrer damals bereits gesehen, selbst wenn das Bild, das den Ausschlag gab, eher ungewöhnlich war: Eine sehr detailreiche Darstellung der Schlacht auf dem Lechfeld, die im Jahr 955 zwischen Ostfrankreich und Ungarn ausgetragen wurde.

Spanner lächelt breit, als er sich an die Geschichte dazu erinnert: „Ich habe mir das Motiv vorgestellt wie eine Ritterburg, die erstürmt wird. Mein Cousin erzählte mir dann, dass das ganz anders war. Ein offenes Feld und alle sind aufeinander losgestürmt. Meine Fantasie war angekurbelt. Es gab auf meinem Bild 28 Tote!“ Die abgeschlagenen Köpfe und die toten Pferde habe er besonders detailliert dargestellt – zu detailreich für den Geschmack seiner Lehrer.

„Die haben sich bei meinen Eltern erkundigt, ob alles ok ist bei mir!“, erzählt der Bilderbuchautor lachend. „Auf der anderen Seite hat die Lehrerin mein Bild in der 8. Klasse als Vorbild ausgestellt, weil es so gut war! Besonders schwergefallen sind mir die Hinterläufe der Pferde, daran erinnere ich mich“.

Realismus als Schlüssel zum Erfolg

Aus dieser Erinnerung lässt sich bereits herauslesen, wodurch sich Spanners weitere Arbeit auszeichnet: Der Anspruch an seine Bilder, realistisch zu sein – und kompositorisch zu funktionieren. „Manchmal sitzt man da als hätte man noch nie einen Pinsel in der Hand gehabt“, erklärt Spanner. „Das sind Tage, da läuft einfach nichts. Da liege ich teilweise depressiv im Bett und frage mich: „Wie funktioniert dieses Bild als Ganzes? Und plötzlich kommt’s – und dann ist das Bild in zehn Minuten gezeichnet.“

Maus im Kochtopf. Illustration von Helmut Spanner/Ravensburger Verlag

Um Kindern das Lesenlernen zu erleichtern gestaltet Helmut Spanner seine Bilder möglichst realistisch. Illustration von Helmut Spanner/Ravensburger Verlag

Er wolle alles so detailliert wie möglich darstellen, denn Kinder, weiß er, sind ein kritisches Publikum: „Ich bin ein Dienstleister für Kinder. Sie lernen mit meinen Büchern lesen! Das wird total unterschätzt! Wenn die Kinder nicht erkennen, was auf einem Bild abgebildet ist, dann schmeißen sie es weg.“

Mit diesem Ansatz befasste sich Spanner bereits während seines Studiums an der Kunstakademie in München. Hier gründete er mit anderen Studenten die „Gruppe Bilderbuch“, die sich mit inhaltlichen, künstlerischen, aber auch psychologischen Fragen zum Thema Bilderbuch befasste. Denn: „Wir wollten nicht Bilder malen, von denen Leute später sagen ’Passt das zu unserem Sofa? ’, wir wollten die Welt verändern!“ Diesem Plan kam der erste Kontakt zum Ravensburger Verlag entgegen. Denn der Verlag suchte neue Konzepte für Pappbilderbücher – ein Feld, das Spanner zuvor nicht im Blick gehabt hatte.

So ging auch seine Abschlussarbeit „Rund ums Pappbilderbuch“, mit all seinen Erkenntnissen über die kindliche Wahrnehmung, die er als Grundlage für all seine Bücher nimmt. „Bei Ravensburger hatte ich Glück. Ich habe Kinderbücher analysiert und gesagt, die Kinder sehen einfach nicht, was das sein soll, das muss man anders zeichnen! Und die dachten: „Lasst den jungen Hüpfer mal machen. So entstand das Buch Meine ersten Sachen“.

Der Philosoph unter den Kinderbuch-Autoren

Mit seiner Herangehensweise erreicht Spanner sein junges Publikum nun seit 40 Jahren. Woran das liegt, weiß die ehemalige Betreiberin der Kinderbuchhandlung Leanders Leseladen, Gabriele Hoffmann, und schwärmt: „Helmut Spanner ist ein Philosoph für Kinder. Seine Bilder sind schon für ganz kleine Kinder optimal lesbar, beim Betrachten verschmelzen ihre sinnlichen Erfahrungen mit Begriffen, anhand derer sie dann die Gegenstände benennen können.“

Das liege daran, vermutet die Gründerin des Vereins Leseleben, dass er sich perfekt in die Weltwahrnehmung von Kindern einfühle. Und auch Spanner sagt: „Ich habe eben mit Zweijährigen zu tun! Und die haben ganz andere Probleme als ältere Kinder oder Erwachsene. Das Sehen ist noch unscharf, die Wörter werden nicht verstanden – das ist so, als würden wir einen verwackelten chinesischen Film ansehen. Nur, dass ein Erwachsener wenigstens noch weiß, dass er auf einem Stuhl sitzt und einen Film sieht. Kleine Kinder wissen das nicht. Und das ist der Punkt, an dem ich sie abhole.“

Hund und Schwein. Illustration: Helmut Spanner/Ravensburger Verlag

Er malt die Welt wie Kinder sie wahrnehmen, meint Gabriele Hoffmann. Illustration: Helmut Spanner/Ravensburger Verlag

Abgeholt werden die Kinder, so Hoffmann, die Seminare zur kindlichen Lesart von Bildern gibt, nach einem Art Reißverschluss-System. „Kinder wollen in Büchern finden, was sie schon kennen. Das leisten Helmut Spanners Bilder. Er stellt etwas Bekanntes vor und baut etwas Neues dazu. Nehmen wir zum Beispiel das Bild einer Küche: Einen fertigen Kuchen kennt das Kind vielleicht schon. Dass man aber zum Kuchen backen einen Mixer und einen Messbecher braucht, das erfährt das Kind hier – seine Welt wird beim Lesen dadurch immer größer und vielfältiger.“

Zeichner ohne Kompromisse

Gerade die pädagogische Komponente, das Erzieherische, war schon immer ein wichtiger Aspekt für Spanner. Einer, den er zum Beruf machen wollte –  wenn auch nicht als Kinderbuchautor. Ursprünglich hatte er vor, Lehrer zu werden. So wie seine Frau Christine, die er seit dem Studium kennt.  Diese habe ihn immer unterstützt und war teilweise von Beginn an in die Konzeption seiner Bücher involviert.

Warum aber dann doch die Entscheidung gegen die Schule? „Das Referendariat war mir zu unkreativ. Wenn zum Beispiel ein Schüler zu mir sagt: Ich kann nicht zeichnen, aber ich mache gute Fotos, dann sage ich: Bring deine Fotos mit. Meine Aufgabe ist doch nicht, dass da ein Heer von Zeichnern hergezüchtet wird!“

So wurde Spanner selbst Zeichner. Und zwar ohne Kompromisse. Sogar enterbt haben ihn seine Eltern, als er sich für diese Laufbahn entschied. Das aber, so der Kinderbuchautor, habe ihn in seiner Entscheidung nur bestärkt. Bezeichnend ist Spanners eigenes Lieblingsbuch als Kind: Hanselmann hat große Pläne von James Krüss. „Hanselmann will einfach alles werden. Und er macht das dann auch. Die Botschaft an die Kinder ist hier: `Ich hab’ sämtliche Möglichkeiten´. Das ist Balsam für eine Kinderseele!“ Balsam, den Spanner nun selbst weitergibt, findet Gabriele Hoffmann: „Seine Bücher erziehen Kinder zu mehr Selbstbewusstsein. Sie machen mit ihnen die Erfahrung: Ich kann lesen.“