Diskussionsrunde auf dem DOK.forum 2016 zum Thema Serien. Foto: Franziska Baur

Nicht nur Quote – die Serie der Zukunft

Drei Viertel der Deutschen schauen regelmäßig mindestens eine Serie. Beim jungen Zielpublikum sind es sogar 90 Prozent. Doch während die Älteren hauptsächlich das lineare Fernsehen nutzen, bevorzugt die junge Zielgruppe zwischen 18 und 39 Jahren Streamingdienste wie Netflix oder Amazon und favorisiert zudem US-Serien. Das zeigt eine Studie von Goldmedia 2015. Wie sich hier auch die deutsche Serienlandschaft positionieren kann und wo neue Trends liegen, war Gegenstand einer Diskussionsrund auf dem DOK.forum.

Ein Problem des linearen Fernsehens sei, weiß Bernhard Gleim, Leiter der Redaktion Serie des NDR, dass es die Aufgabe habe, Inhalte für die breite Masse zu produzieren. „Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen unter Druck. Das ist wie mit dem Esel zwischen zwei Heuhaufen“: Zum einen werde die lineare Quote nicht mehr erreicht, zum anderen können keine Nischenproduktionen für ein eingeschränktes Zielpublikum produziert werden.

Gerhard Maier ist der Programmleiter von Seriencamp.tv. Foto: Franziska Baur

Gerhard Maier ist der Programmleiter von Seriencamp.tv. Foto: Franziska Baur

Für Keynote-Speaker Gerhard Maier, den Programmleiter Seriencamp.tv, liegt da der Hund begraben, der die großen Innovationen und Visionen in der deutschen Serienproduktion hemmt: „Wir schauen noch viel zu oft auf die Quote, nicht auf Qualität. Aber das große einheimische Zielpublikum existiert nicht mehr.“ Es gebe mittlerweile zu viele Ausspielwege, die jeden Geschmack bedienen. Hannes Heyelmann, Geschäftsführer Turner Broadcasting System in Deutschland sieht eine viel wichtigere Kennzahl, die den Erfolg einer Produktion beziffern kann. „Es geht nicht mehr um die Quote am Premierenabend, sondern darum, wie viele Nutzer eine Sendung insgesamt ansehen – etwa über Sky Go oder in der Wiederholung!“

Dass auch inhaltlich neue Wege eingeschlagen werden müssen, zeigt die Affinität der jungen Zielgruppe zu Serien – laut Goldmedia-Studie allerdings hauptsächlich zu US-amerikanischen Produktionen. Das kann daran liegen, dass die qualitativ hochwertig produzierten Serien Genres bedienen, die ein bestimmtes Zielpublikum erreichen und an sich binden. Eines, das fernab der Zuschauermehrheit liegt – und auch liegen darf, sagt Keynote-Speaker Maier. Wichtig sei es, bei der Serienproduktion internationaler zu denken: „Lieber fünf Prozent  garantierten Marktanteil international erreichen wollen, als 50 Prozent der deutschen Zuschauer.“ Denn Blockbuster-Serien gebe es kaum mehr. Für Heyelmann liegt hier die Stärke von Pay-TV: „Pay-TV-Sender haben die Möglichkeit, Serien für ein Publikum von 200.000 zu produzieren!“

Je lokaler desto internationaler

Moderatorin und Fernehkritikerin Klaudia Wick im Gespräch mit Frank Jastfeld von Sky. Foto: Franziska Baur

Moderatorin und Fernsehkritikerin Klaudia Wick im Gespräch mit Frank Jastfelder von Sky. Foto: Franziska Baur

Serien sollten unbedingt so lokalspezifisch wie möglich sein, so Maier. „Die Verankerung des Kulturspezifischen im Lokalen zieht an!“ Und zwar auch internationales Publikum. Genau diesen Ansatz wählt das, von ARD und Sky gemeinsam produzierte Serienprojekt „Babylon Berlin“ des Starregisseurs Tom Tykwer. „Mit dem Setting im Berlin der Zwanzigerjahre orientieren wir uns stark lokal. Aber gerade die Weimarer Republik mit Cabaret und Sex and Crime hat auch eine große internationale Strahlkraft“, sagt Frank Jastfelder, Head of Drama Production bei Sky. Das zeigt sich auch in der Partnerschaft des internationalen Filmvertriebs Beta Film.

Deutscher Markt mit Potenzial

Solche, oder auch Projekte wie „Der Tatortreiniger“ des NDR oder auch die Dokuserie „24h Berlin“ von Volker Heise zeigen, dass auch auf dem deutschen Fernsehmarkt erste Gehversuche in neue Richtungen gemacht werden. Heise hat diesbezüglich eine klare Vision: „Ich glaube, das Fernsehen als lineares Konzept wird Begleitmedium werden; Gleichzeitig wird es aber verstärkt auf ein spezielles Publikum ausgerichtet sein.“

Koproduktionen, Miniserien, Genre- und multimediale Produktionen – das Serienspielfeld der Zukunft ist groß. Darüber, dass Serien auch in Zukunft eine große Rolle spielen werden, sind sich die Teilnehmer der Diskussion einig. Und auch, dass deutsche Serien durchaus das Potenzial haben, ganz vorne mitzuspielen. „Der Markt verlangt nach unseren Geschichten!“, ist sich Maier sicher. „Wir müssen nur zuhören!“