Local Web Conference 2016. Foto: Franziska Baur

Geodaten sind der Schlüssel – Local Web Conference 2016

Location-based Services: Der Begriff klingt sperrig und erstaunlich wenige Leute haben eine konkrete Vorstellung davon, was sich hinter ihm verbirgt. Angebote wie Google Maps, Drive Now, kaufDa, Tinder, Spotted, Runtastic oder auch Apps für den öffentlichen Nahverkehr werden hingegen viel genutzt. Und genau das sind Location-based Services, kurz LBS: Angebote, die auf Standortinformationen des Smartphone-Nutzers zurückgreifen. Welches Potential in LBS steckt und wie damit Märkte erobert werden können, hat die sechste Local Web Conference in Nürnberg gezeigt.

Geodaten sind dafür unverzichtbar. Mit dem Wissen darüber, wann sich ein Nutzer wo befindet, können viele App-Angebote noch genauer auf ihn und die Situation in der er sich gerade befindet abgestimmt werden. Informationen in Kontext mit der Lebenssituation des Nutzers zu setzen: Genau das ist ihre Stärke und deswegen sind sie für den Tourismus ebenso interessant wie für Verlage, die Werbewirtschaft oder die Gastronomie. Das zeigt auch ein LBS-Monitor der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien.

Geobasierter Lesezirkel

Amadeo Gaigl arbeitet aktuell mit seinem Startup im Media Lab Bayern. Foto: Franziska Baur

Amadeo Gaigl arbeitet aktuell mit seinem Startup im Media Lab Bayern. Foto: Franziska Baur

Amadeo Gaigl nutzt diese Geodaten mit seinem Startup Bohème Digital, um ein entspanntes und für den Nutzer kostenfreies Leseerlebnis zu ermöglichen. Die Idee: Café-Besucher können während ihres Aufenthaltes kostenfrei Zeitschriften auf ihrem Smartphone lesen. Verlassen sie das Café, verlassen sie auch automatisch das Angebots-Gebiet. Funktionieren kann das mit Beacons, kleinen Sendern im Raum also, die mit dem Smartphone kommunizieren. „Man muss sich nicht erst in ein Netz einwählen, sich registrieren oder seine E-Mail-Adresse irgendwo hinterlassen“, erklärt Gaigl die Vorteile. Und das soll es attraktiv machen, als Leser auch mal eben für ein paar Minuten Wartezeit in eine Zeitschrift zu schauen. In 50 Münchner Cafés gibt es dieses Angebot bereits.

Profitieren können davon aber nicht nur die Leser und Verlage. Auch ortsbezogene Werbung kann über diesen Weg eine wesentlich größere Relevanz erreichen. Wenn etwa ein Café-Besucher in seiner digitalen Zeitschrift Werbung oder ein aktuelles Sonderangebot des Ladens nebenan angezeigt bekommt. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Leser zum Konsumenten wird. Und zwar, weil das digitale Angebot einen direkten Bezug zur realen Lebenssituation des Nutzers hat. Diese Verbindung schaffen standortbezogene Dienste.

Motivation unterstützen und nicht stoppen

Diesen Schlüsselgedanken verfolgt auch Marco Richardson, Technical Evangelist bei Microsoft. Seit einem Jahr arbeitet er gemeinsam mit dem Nürnberger Sozialmagazin Straßenkreuzer zusammen, um das Magazin in die digitale Zukunft zu begleiten. Dabei spielen auch Geodaten eine wesentliche Rolle. In der Nürnberger Innenstadt wird das Magazin von Menschen in sozialer Not verkauft, die sich damit Geld dazuverdienen. Richardson zeigt ein erstes Problem auf: Manche Leute wollen sich vielleicht ein Magazin kaufen, wissen aber nicht, wo sie den nächsten Verkäufer finden können. Dabei soll zukünftig eine App helfen, die mit Geodaten und Spracherkennung arbeitet. „Es muss einfacher werden das Heft zu kaufen und zu spenden“,  beschreibt Marco Richardson sein Ziel.

Marco Richardson arbeitet an der digitalen Zukunft des Straßenkreuzer-Magazins. Foto: Franziska Baur

Marco Richardson arbeitet an der digitalen Zukunft des Straßenkreuzer-Magazins. Foto: Franziska Baur

Und das will er so erreichen: Selbst wenn die App auf dem Smartphone geschlossen ist, soll sie auf die Anfrage des Nutzers reagieren, wenn der etwa den Standort des nächsten Straßenkreuzer-Verkäufers finden will. Und sie soll auch einen einfachen Weg bereiten, wenn jemand für den gemeinnützigen Verein, der das Magazin herausbringt, spenden will. Der Wunsch muss nur ins  Smartphone eingesprochen werden, und schon lotst die App ihn zum eigenen PayPal-Konto, um die Spendentransaktion direkt durchzuführen. „Die Interaktion ist so viel einfacher“, sagt Richardson. Den Vorteil sieht er eindeutig darin, dass die Motivation zu spenden bei einem so einfachen Weg nicht verloren geht. Und das ist auch ein Plädoyer für eine gute Usability. Denn umso komplizierter eine Navigation, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Motivation des Nutzers dabei verloren geht. Erscheinen soll die neue Straßenkreuzer-App im Winter 2016.

Genau beim Punkt Usability hakt Prof. Dr. Harald Rau von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaft auf der Local Web Conference ein. „Viele Anwender scheitern an einer schlechten Steuerbarkeit der Apps“, kritisiert er aktuelle Angebote. Durch eine Optimierung, so Rau, könnte man jedoch mit LBS eine attraktive, weil junge, Zielgruppe erreichen. Besonders die 18- bis 29- Jährigen, so Rau weiter, zeigen sich an LBS-Angeboten interessiert.

Mit derartigem Input und Beispielen hat die Local Web Conference, die von der BayMS organisiert wird und dieses Jahr im Rahmen der Nürnberg Web Week stattfand, gezeigt, wie viel Potential in standortbezogenen Diensten steckt. Und, warum es durchaus attraktiv ist, diese zu heben.