Ladies Dinner 2015. Foto: Philipp Külker

„Ich will Frauen sichtbarer machen“ – Angela Kesselring

Sie stellt sich viele Fragen. Warum Frauen in der Wirtschaft so schlecht vernetzt sind zum Beispiel. Oder weshalb auf den wichtigsten Kongressen immer nur Männer vertreten sind. Das bringt Angela Kesselring, die Geschäftsleiterin von SZ-Publishing, auf die Idee, ein Wirtschaftsmagazin für Frauen zu entwickeln:  SZ PLAN W – Frauen verändern Wirtschaft. Im Interview erzählt Kesselring, wie ein Magazin zu einer Bewegung werden kann und wieso ihr Angela Merkel einen Gefallen getan hat. Die nächste Ausgabe erscheint am 4. Juni 2016.

Frau Kesselring, PLAN W erzählt Geschichten von erfolgreichen Frauen, die ungewöhnliche Wege gehen. Wie sind Sie zur SZ gekommen?

Angela Kesselring. Foto: Frank Bauer

Angela Kesselring. Foto: Frank Bauer

Angela Kesselring: Die Wahrheit ist: durch Schwangerschaft. Ich war in einem mittelständischen Bildband-Verlag Pressechefin, habe jahrelang wahnsinnig gern und viel gearbeitet. Dann bin ich schwanger geworden und die Verleger sagten zu mir: Gut für sie, schön für Deutschland, aber ihre Leitungsposition müssen sie jetzt abgeben. Ich konnte das gar nicht glauben! Bei einem Abendessen im kleinen Kreis mit dem damaligen Chefredakteur des SZ-Magazins, Dominik Wichmann, hab ich dann etwas getan, was man eigentlich nicht tun sollte – mit privaten Ärgernissen einen Journalisten belämmern. Ich schimpfte ordentlich, weil ich trotz jahrelang aufgebauten Netzwerken und Erfahrungen einfach so ins Off geschoben wurde. Nur weil ich ein paar Monate nicht am Arbeitsplatz sein konnte. Zu meiner großen Überraschung folgte auf meine Wutrede eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

 

Sie waren also wütend und schwanger. Allein deshalb wird er Sie aber nicht eingestellt haben, richtig?

Kesselring: Nein, er schätzte meine kreative Herangehensweise beim Vermarkten von Inhalten. Ich hatte nie ein großes Budget, aber gute Ideen und starke Kooperationspartner wie Gruner & Jahr, das Goethe-Institut oder die SZ. Ich traf Wichmann zwei Mal im Jahr geschäftlich, um ihn für die Inhalte meines Verlages zu begeistern – und so die Bücher ins SZ-Magazin zu bringen. Als unsere Tochter Ricarda vier Monate alt war, habe ich angefangen, zu Hause erste Ideen zu entwickeln, und ab und zu in die Redaktion zu gehen. Wichmann war ein toller Chef. Er hat Bedingungen geschaffen, die es mir ermöglichten, mit Baby zu arbeiten – und mir für das Operative zwei Praktikanten an die Seite gestellt.

 

Mittlerweile sind Sie Geschäftsleiterin von SZ Publishing.Was macht SZ Publishing genau?

Kesselring: Wir sind die Inhouse-Kreativagentur der Süddeutschen Zeitung. Hauptaufgabengebiet ist die Entwicklung von Magazinen und Advertorials – mit der DNA des SZ-Magazins. Was SZ Publishing zum Beispiel vor fast fünfzehn Jahren für die Stadt Hamburg erfunden hat, sind Stadtmarketing-Maßnahmen in Form von Magazinen – mit  unterhaltsamem Wissen, überraschenden Geschichten und professioneller Fotografie. Aktuell haben wir im Auftrag der Sächsischen Staatskanzlei das Wirtschaftsmagazin Innovatives Sachsen entwickelt, das in einer Auflage von 2,3 Millionen Stück gedruckt wurde. Und auch auf Englisch erscheint. Eine andere Produkt-Entwicklung, die ich nicht für einen Kunden von außen, sondern hier im Inneren angestoßen habe, ist PLAN W. Ein Wirtschaftsmagazin für Frauen, das der SZ viermal im Jahr beiliegt – und das aus der Perspektive von Frauen auf die Wirtschaft blickt.

 

Wie sind Sie auf die Idee zu PLAN W gekommen?

Kesselring: Alexandra Borchardt, die Chefin vom Dienst der SZ, stand in der Mittagspause beim SZ-Wirtschafsgipfel, der einmal im Jahr in Berlin stattfindet, neben mir – und wir haben uns gewundert, dass wir fast nur Männer gesehen haben. Das war nicht deckungsgleich mit unseren Erfahrungen, denn wir kennen persönlich sehr viele Frauen in leitenden Positionen: Sie sind Partnerinnen in Anwaltskanzleien, führen mittelständische Unternehmen oder sind fast ganz oben in DAX-Konzernen. Die waren nur alle nicht auf diesem Kongress. Das wollte ich unbedingt ändern. Denn die Bilder, die man als Zeitung aussendet, beeinflussen die Leser. Und wenn der wichtigste Wirtschaftsgipfel in Deutschland zu über 90 Prozent in Männerhand liegt, ist das nicht gerade ansprechend für Frauen. Im Gespräch mit der Wirtschaftsredaktion war dann schnell klar, dass sich etwas ändern muss. Ich wollte Frauen sichtbarer machen.

 

Sie beschreiben PLAN W auch als eine Art Bewegung. Wie kann ein Magazin zu einer Bewegung werden?

Plan W. Quelle: Stephanie Füssenich

Plan W. Quelle: Stephanie Füssenich

Kesselring: Es geht darum, Frauen zu ermutigen, sich in das Abenteuer Wirtschaft zu stürzen – mit tollen Geschichten über Biografien von Frauen aus der ganzen Welt. Die Leserinnen dazu inspirieren, selbst aktiv zu werden. Es soll das Gefühl entstehen: Wir schaffen das gemeinsam. PLAN W ist momentan das einzige Magazin in Deutschland, das Frauen und Wirtschaft zusammendenkt und zusammenbringt.Wir veranstalten zusätzlich Netzwerk-Treffen. Karriere macht man ja nicht nur, weil man besonders gut oder fleißig ist – das sind Grundvoraussetzungen – man braucht auch ein machtvolles Netzwerk – und das knüpfen wir gerade.

 

Wieso sind Frauenso schlecht vernetzt?

Kesselring: Wenn ich das wüsste… Ich habe mich schon immer gefragt, was diese Glasdecke soll. Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt und mich immer gefragt, warum kommen andere nicht weiter. Ich habe eine Mutter, die eine selbstbewusste Unternehmerin war, und bin mit dem Gefühl groß geworden, dass Frauen dasselbe schaffen können wie Männer. Ich muss es aber wollen und ich muss es mir zutrauen. Frauen sind sehr ungnädig sich selbst gegenüber. Wir sind selbst unsere schlimmsten Behinderer. Wir blicken nicht selbstbewusst auf unsere Stärken, sondern ständig auf die Fehler.

 

Sind die Frauen selbst schuld?

Kesselring: Nein, Schuld nicht. Es ist ein Mangel an Selbstverständlichkeit. Das sind tradierte Verhaltensweisen – und Verhalten zu ändern, ist schwer. Gucken Sie Filme, lesen Sie Bücher: Es ist immer der Prinz, der geheiratet werden soll und dann wird das Leben gut. Ich finde es ja gut, wenn ich einen Prinzen habe. Aber es ist ganz toll, wenn ich den Prinzen nicht ständig fragen muss, ob ich mir ein Paar Schuhe kaufen darf. Das sind wahnsinnig mächtige, alte Bilder. Die haben wir im Kopf, solange wir ihnen keine neuen entgegensetzen.

 

Und diese neuen Bilder finden wir jetzt in PLAN W?

Kesselring: Genau. Deswegen ist mir das Magazin so ans Herz gewachsen und nach jeder Ausgabe gefällt es mir besser, weil es ungewöhnliche Wege von Frauen nachzeichnet, die eines gemeinsam haben: Sie haben ihr Leben eigenständig selbstbewusst in die Hand genommen und nach ihren eigenen Vorstellungen gestaltet. PLAN W nimmt den  Druck raus, perfekt sein zu müssen. Wenn man andere Frauenmagazine liest, bekommt man ganz oft das Gefühl, dass man sich selbst optimieren muss. Die PLAN-W-Leserin soll lieber was ausprobieren und auch mal sagen: Mist, hat nicht geklappt, biegen wir halt woanders ab. Es geht darum, neue Bilder aufzuzeigen und zu sagen: Es funktioniert.

 

Wie ist denn die typische Leserin von PLAN W?

Kesselring: Als ich mir Leserforschungsdaten angesehen habe, bin ich auf etwas Interessantes gestoßen: Die Abonnentinnen der SZ interessieren sich fast vier Mal mehr für Wirtschaftsthemen als der Durchschnittsleser. Das ist auch bei den Themenfeldern Geldanlagen, Aktien, Politik, Wissenschaft und Architektur so. Das fand ich sehr ermutigend, weil es gezeigt hat, dass ich mit meiner Idee für ein neues Magazin richtig lag. Wir haben ein sehr genaues Bild von der Leserin, für die wir PLAN W machen: gut ausgebildet, ambitioniert, offen für Neues und wissbegierig. Das Alter spielt dabei keine große Rolle. Wir sprechen Frauen an, die etwas bewegen wollen – das trifft auf 20- und 60-Jährige gleichermaßen zu.

 

Wie gestaltete sich dann der Prozess von der Idee zum fertigen Magazin?

Kesselring: Nach vielen Gesprächen mit der Redaktion und Anzeigenkunden, einem Workshop zusammen mit der Wirtschaftsredaktion war PLAN W als Konzept geboren. Dann hat mir Angela Merkel am Tag der Präsentation vor Chefredaktion und Verlagsleitung noch einen Gefallen getan. Vor Davos sagte sie, dass die Förderung von Frauen ganz oben auf ihre Agenda kommt. Dieses Zitat habe ich noch schnell in meine Präsentation eingebaut und gesagt: Seht her, ich bin nicht allein, es gibt andere, die haben auch so einen Plan. Und dann hab ich das Go bekommen für eine Ausgabe und das Vertrauen, es komplett in meine Verantwortung zu legen. Ich weiß noch, das war ein ganz bewegender Moment,  am zehnten Geburtstag meiner Tochter den Druck von 550 000 Exemplaren in Auftrag zu geben – für ein Magazin, das es so vorher nicht gab.

 

Wie findet ihre Tochter das Magazin?

Kesselring: Sie hat mal was ganz Lustiges gesagt. Als ich Zuhause auf dem Fußboden über der Fotostrecke zu der Geschichte über Angela Merkel brütete, kam sie rein und fragte mich, was ich da mache. Ich habe ihr erklärt, dass das ein Magazin wird, das Frauen ermutigen soll, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie hat sich das genau angeguckt, nachgedacht und dann gefragt: Mama, kann in Deutschland eigentlich auch ein Mann Bundeskanzlerin werden? Mit dieser Frage hat sie den Finger in die Wunde gelegt, weil die Perspektive eines 2005 geborenen Mädchens natürlich eine ganz andere ist. Sie ist genauso alt wie Merkel jetzt Kanzlerin ist. Aus ihrer Sicht ist eigentlich alles möglich.

 

Frauen und Macht war das Thema der ersten Ausgabe. Wie setzen Sie sich denn selbst  im Job durch?

Angela Kesselring und Claudia Nemat (Vorstandsmitglied DeutscheTelekom AG). Foto: Philipp Külker

Angela Kesselring und Claudia Nemat (Vorstandsmitglied DeutscheTelekom AG). Foto: Philipp Külker

Kesselring: Mit guten Argumenten und Humor. Außerdem ist es wichtig, starke Partner im Hintergrund zu haben. Die richtigen Leute zur richtigen Zeit mit den richtigen Informationen versorgen – das ist Lobbyarbeit. Man braucht Verbündete, muss Allianzen schließen, und das fällt Frauen doch eigentlich leicht. Also nicht gegen Leute etwas durchsetzen, sondern mit ihnen. Was ich gelernt habe: Wenn man irgendwo nicht gewollt wird, dann muss man dahin gehen, wo man geschätzt wird – sonst ist Erfolg unmöglich und was man tut, macht keinen Spaß. Man muss zuerst gute Arbeit machen und dann mutig sein. Es ist viel schlimmer, etwas gar nicht erst zu versuchen, als hinterher dafür kritisiert zu werden.

 

In PLAN W wird jeder Autor mit Bild vorgestellt: Das Magazin war ihre Idee, trotzdem steht ihr Name nur ganz klein im Impressum. Sehr bescheiden…

Kesselring: Es war zwar meine Idee, aber mit Leben und Geschichten gefüllt wird es von einem Expertenteam um die leitenden Redakteurinnen Alexandra Borchardt und Susanne Klingner. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Projekt und Netzwerk wachsen und sich daraus neue Kontakte und Geschäftsfelder entwickeln. Mir ist die Sache wichtiger, als meinen Namen groß zu lesen, das ist vielleicht typisch Frau.

 

Wie klappt die Zusammenarbeit mit den Journalisten?

Kesselring: Es braucht ein Grundvertrauen, damit man sich auf Augenhöhe unterhalten kann. Wenn man Erfolge vorweisen kann, wächst das Vertrauen. Mir hilft dabei auch meine innere Haltung. Ich bin keine Journalistin, aber ich bin Literaturwissenschaftlerin und Juristin. Ich liebe Texte und sehe mich als Anwältin der Autoren. Für mich ist es das Schönste, in einem Haus voller kluger Köpfe zu sitzen, die zu den Besten ihres Berufsstands gehören. Ich bin jemand, der andere auf die Bühne heben will.

 

So ein Job fordert viel Energie, woher nehmen Sie die?

Kesselring: Ganz viel Energie liefern Ziele und diese hartnäckig zu verfolgen. Dran bleiben, nicht aufgeben und manchmal eine Nervensäge sein. Den Betreuungsplatz meiner Tochter habe ich nur bekommen, weil ich jeden Tag eine riesengroße Sonnenblume gemalt und in diesen Postkasten geschmissen habe. Bis sich die Betreuer wohl gedacht haben: Diese Frau soll endlich aufhören, diese Sonnenblumen zu malen. Wir geben ihr jetzt den Platz. Sie soll nur aufhören. Wenn ich etwas will, dann arbeite ich so lange darauf hin, bis ich es habe. So wie bei PLAN W.

 

Inwiefern hat PLAN W Ihre eigene Karriere vorangebracht?

Kesselring: Seit letztem Jahr habe ich ein größeres Büro, mehr festangestellte Mitarbeiter und einen neuen Titel auf der Visitenkarte. Ich halte vor Führungskräften aus allen Branchen Vorträge, bin viel unterwegs, auch international. Und ich habe plötzlich Zugänge zu machtvollen Menschen, mit denen ich wieder neue Projekte anstoßen kann. So gesehen: Ja, es hat sich viel verändert. Aber PLAN W ist dabei nur ein Mosaikstein von SZ Publishing, wenn auch ein sehr funkelnder. Das Magazin beweist, dass wir in der Lage sind, neue Projekte erfolgreich mit einer anspruchsvollen Redaktion umzusetzen. Ich bin dabei so etwas wie eine Marken-Botschafterin. PLAN W hat also auch mir und SZ-Publishing geholfen, sichtbarer zu werden.