Töne, die die Welt bedeuten – in Filmen und Games

Musik wird in Games und Filmen selbstverständlich konsumiert. Doch welche Funktion hat Musik eigentlich für diese Medien? Und funktioniert die Komposition für Games und Filme mit ähnlichen Strategien? Filippo Beck Peccoz, Komponist und Game-Audio-Designer, und Gerd Baumann, Filmkomponist, Musiker und Professor an der Hochschule für Musik und Theater München, über zwei Welten, die unterschiedlicher und ähnlicher nicht sein könnten.

Der spezifische Sound in Game und Film ist es, der den Konsumenten in eine eigene Welt entführt, und Filippo Beck Peccoz weiß, wie so etwas geht. Der Game-Audio-Designer studierte am Berklee College of Music in Boston, Massachusetts, Filmmusikkomposition. Der Lehrstuhl für Videospielkomposition wurde erst 2008, auch auf seine Initiative hin, eingerichtet.

Vieles macht für Beck Peccoz Gameskomposition ästhetisch und technisch zur Herausforderung: „Das Sounddesgin muss im Game so sein, dass es nicht irritiert und keine zu starken Akzente setzt“, so der Game-Audio-Designer. „Dazu hat Musik eine mechanische Gameplayfunktion, weil sie den Spieler aktiv halten muss und Emotionen oder Antrieb auslösen muss. In manchen Strategiespielen etwa klingt die Musik ruhig, einfach, aber es ist viel mehr hinter ihr, als man denkt. Da sind E-Gitarren und ein Orchester, es wird eine spezifische Rhythmik erzeugt, die den Gamer anheizt.“ Die Handlung ist nicht linear, der Gamer lässt die Figuren selbst entscheiden, daher sind in Echtzeit unendlich viele Klangkombinationen möglich.

Klänge erzeugen: Das geht mit unterschiedlichsten Instrumenten. Foto: Sabrina Hitzler

Klänge erzeugen: Das geht mit unterschiedlichsten Instrumenten. Foto: Sabrina Hitzler

Die Grenzen der Musik bedeuten die Grenzen der Welt

Auch müssen sich die Musikstücke schnell an die Stimmung anpassen, von gefährlich über entspannt bis tragisch. „Das Game muss selbst wissen, in welchem Takt die Musik ist und wann es die Rhythmik verändern muss“, so Beck Peccoz, der schon für eine Vielzahl von unterschiedlichsten Games komponiert hat. Fehlt die Musik, erschafft sie trotzdem eine Welt. Gerade komponiert der Game-Audio-Designer für das Spiel „Das Tal“. Dort kommen nur Naturklänge oder Geräusche vor.„Das Game lebt von sozialen Interaktionen. Der Gamer ist erstmal einsam. Er muss lernen, dass er als Einzelgänger nicht überleben kann und die anderen Mitspieler braucht, die fehlende Musik lässt ihn dies emotional erfahren.“ Filippo Beck Peccoz faszinieren die unendlichen Möglichkeiten des Sounddesigns in Games sowie die technische Komplexität. Gameskomposition ist wie jedes Spiel selbst eine weite Reise.

Ein musikalischer Kosmopolit sein

Gerd Baumann reist auch sehr viel, so gesehen. Der Komponist, der die Filmmusik für „Wer früher stirbt ist länger tot“, „Die Perlmutterfarbe“ oder „Almanya – Willkommen in Deutschland“ geschrieben hat, kann alles: klassisch, jazzig, heiter, tragisch. Er ist in jedem Genre zuhause, weil er die Musik liebt. „Das größte Geschenk ist für mich, in der Welt der Musik sein zu dürfen, ob auf der Bühne, beim Komponieren oder Produzieren oder auch im Gespräch mit dem Regisseur oder meinen Studenten“, so Baumann.

Der Filmmusikkomponist ist Produzent, spielt selbst in einer Band, ist Professor für Filmmusikkomposition an der Hochschule für Musik und Theater München, veranstaltet Lesungen mit Marcus H. Rosenmüller und hat einen Deutschen Filmpreis im Studio stehen. Genau diese Vielseitigkeit macht Baumann zu einem Komponisten, der sich in jede Art von Film einleben kann und einem Film die Musik gibt, die er braucht.

Ohne Worte sprechen

Gerd Baumann. Foto: privat

Gerd Baumann. Foto: privat

Daher entsteht für Gerd Baumann, der auch schon mit Helmut Dietl zusammengearbeitet hat, gute Filmmusik von Beginn an in der Zusammenarbeit mit dem Regisseur, dem Produzenten, dem Cutter und dem Komponisten als Team. Ähnlich wie Beck Peccoz betont auch er den Prozesscharakter der Komposition. Filmmusik komponieren ist Prozess und Dialog. Es geht beim Komponieren darum, durch die Musik einen Zugang zum Film zu finden und diesen Zugang an den Zuschauer weiterzugeben. Wenn Baumann komponiert, schreibt er Stimmungsskizzen zum Drehbuch, dann kommt ein Motiv, eine spezifische Rhythmik. Dazu stellt er sich auch mal Szenen vor, die im Film gar nicht existieren, oder er probt und improvisiert mit einem Geiger in vielen Sessions, über Stunden, Tage, Wochen, bis die Musik zum Film passt.

„Der Komponist muss eine eigene Haltung zum Film finden, er muss sich fragen, was auch er erzählen will, denn die Musik greift im Film an der Stelle, an der Worte nicht mehr in der Lage sind, etwas auszudrücken“, so definiert Baumann seinen Job. Die Musik schafft im Film nicht nur eine bestimmte Stimmung, sie transportiert Teile einer Geschichte, die in Bildern und Worten nicht greifbar sind.

Bote der Empfindung

Die Musik erschafft eine unumstößliche Allgemeingültigkeit, wenn ein Orchester mit vielen Bläsern und Schlagwerk spielt, und sie erzeugt Intimität, wenn der Zuschauer nur ein Cello hören kann. Sie erzählt die Geschichte des Films weiter oder sie erzählt sie anders. Wenn der Zuschauer ein Gesicht sieht, und dazu eine traurige Melodie erklingt, kann er eine emotionale Schwere in einem Bild sehen, für die er normalerweise gar keinen Fokus hätte.

„Filmmusik liefert die Orientierung, ästhetisch und emotional empfänglicher zu werden, so funktioniert Musik eigentlich immer, ob im Kino oder im Kopfhörer beim Joggen: Es geht um die Kunst der Einfärbung der Welt“, so Baumann. Und somit, ist man mit der Filmmusik am Ende wieder bei der Gameskomposition, und bei der Musik überhaupt: so unterschiedlich sie komponiert wird, sie soll vor allem eins: Welten zugänglich machen.