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Jetzt aber – Interview zum jetzt-Relaunch

Seit 22 Jahren für 22-Jährige. So ließe sich der Ansatz von jetzt, der jungen Plattform der Süddeutschen Zeitung, knapp zusammenfassen. Anfang 2016 erscheint das mehrfach ausgezeichnete Onlinemagazin im neuen Look. Nahezu pünktlich zum Start junger Formate wie bento oder ze.tt. Redaktionsleiter Christian Helten ist seit acht Jahren dabei und verrät im Interview, warum gerade jetzt der Neuanstrich kam, was sich verändert hat und warum Rubriken überflüssig geworden sind.

 

Christian Helten, warum kam die Neugestaltung jetzt, wo viele deutsche Medienhäuser junge Plattformen promoten?

Christian Helten: Wir hätten es gerne früher umgesetzt. 2014 saßen wir schon zusammen, haben Pläne geschmiedet und überlegt, was wir mit jetzt machen und wie wir uns erneuern und verändern können. Aber wie es dann immer so ist, hat alles doch länger gedauert als gedacht. Das lag mit daran, dass wir die Seite ja nicht nur optisch neu gemacht haben, sondern auch ein neues Redaktionssystem bekommen haben.

 

Christian Helten, jetzt-Redaktionsleiter. Foto: Franziska Baur

Mit einem Praktikum vor acht Jahren hat für Redaktionsleiter CHristian Helten alles bei jetzt.de angefangen. Foto: Franziska Baur

War es dann mit Enttäuschung verbunden, dass ihr nicht mehr die Ersten im hippen Look wart und der Neuheits-Effekt vielleicht ein bisschen untergegangen ist?

Helten: Ein bisschen schade ist es schon, dass wir erst nach den anderen neuen Produkten kommen. Aber es ist auch schön, zweiter zu sein und es vielleicht besser zu machen. Und ich glaube, das machen wir. Unser Anspruch ist es, zu unterhalten, aber auch, mit langen Stücken und großen Reportagen eher magazinige Beiträge mit einem tiefgehenden Ansatz zu haben, die – was Umfang und Qualität angeht – so zum Beispiel auch im SZ-Magazin stehen könnten. Damit wollen wir auch Debatten aufgreifen und anstoßen.

 

Was ist für die User neu?

Helten: Der größte Unterschied ist, dass wir eine sehr viel höhere Taktung haben. Nicht mehr nur, wie in der Vergangenheit, zwischen drei und sechs Geschichten am Tag, sondern eher zwischen zehn und fünfzehn. Und auch die Themenmischung hat sich verändert. Wir machen weiterhin lange Autoren-Stücke über Phänomene aus unserer Lebenswelt. Neu ist, dass wir jetzt sehr viel tagesaktueller sind. Früher haben wir uns mehr darauf beschränkt, längerfristig und kreativ auf Themen zu antworten. Aber wir haben uns gedacht, wo jetzt draufsteht sollte auch mehr jetzt drin sein. Und deswegen bilden wir auch mehr aktuelle Themen für ein junges Publikum ab.

 

Wie macht ihr das konkret?

Helten: Wir schauen, wo die aktuellen Themen junge Menschen berühren. Nach den Anschlägen in Istanbul haben wir natürlich erst mal die Fakten gebracht und verlinkt, wo man sich noch informieren kann. Dann haben wir aber mit einem jungen Istanbuler gesprochen, der uns erklärt hat, wie der Anschlag seine Lebenssituation beeinflusst und verändert.

 

Ist mit den Aufgaben auch die Redaktion gewachsen?

Helten: Ja. Wir sind deutlich gewachsen. Insgesamt sind wir jetzt 14. Und wir haben eigentlich unsere ganze Struktur umgekrempelt – wie wir arbeiten, welche Dienste es gibt, welche Rollen man noch braucht. Außerdem haben wir doppelt so viel Platz wie früher.

 

Jetzt-Readktion. Foto Franziska Baur

Vier Räume im achten Stock des SZ-Hochhauses stehen den jetzt-Redakteuren zur Verfügung. Foto Franziska Baur

Ressorts gibt es beim neuen jetzt nicht mehr, alle Artikel laufen wie in einem Stream in die Seite hinein. Spiegelt das das Nutzerverhalten eurer User wider?

Helten: Wir haben in der Vergangenheit gemerkt, dass die Ressorts einfach selten genutzt werden. Die User suchen nicht in der Form, dass sie auf unsere Seite gehen und schauen, was hat jetzt im Ressort Kultur oder Macht. Deswegen ist die neue Seite eher wie ein Stream angelegt, in Kürze auch mit endless scrolling – die Seite hat nach unten hin kein Ende. Die User können sich durch unsere Seite durchscrollen und schauen, wo eine Geschichte ist, die sie interessiert. Da ist das Ressort erst mal zweitrangig.

 

Was ist gleich geblieben?

Helten: Unser Anspruch, gute Geschichten von guten Autoren zu haben und Haltung zu zeigen. Wenn wir uns anschauen, welche Texte am besten laufen, dann sind es immer die, bei denen jemand von sich heraus eine Haltung zu irgendwas hat und dann auch aufschreibt. Und das ist, glaube ich, was man als junger Leser irgendwie sucht. Weil man sich beim erwachsen werden auch ständig neu hinterfragen muss.

 

Ist die Seite jetzt fertig?

Helten: Im Prinzip entwickelt man eine Seite ja immer weiter. Wir haben noch nicht alle Formate an den Start gebracht, die wir uns ausgedacht haben und wir wollen noch mehr eigenen Video-Content produzieren. Bald soll es auch ein endless scrolling in der Artikel-Ansicht geben. Unter einem Artikel läuft dann der Stream weiter und man kann sich in einen neuen Artikel klicken. Fertig ist man nie, weil sich das Nutzugsverhalten ständig ändert.

 

Auch gedruckt erscheint jetzt. Das nächste jetzt-Magazin liegt am 7. März 2016 der SZ bei.

Titel-Illustration in diesem Artikel: Katharina Bitzl