„Der Mix machts“ – Print trifft digital

Haptik ist einer der großen Reize, die ein Print-Produkt von anderen Medien abhebt. Was jedoch die Zukunft von Print angeht, ist nicht die Abgrenzung von anderen Medien, sondern ihre sinnvolle Nutzung und Verzahnung für das eigene Produkt ausschlaggebend. Gerade von neuen Medien können Printprodukte profitieren und lernen – wie, zeigt der vom Magazin Werben und Verkaufen organisierte Future Summit Print 2015.

Augmented Reality erweckt Print zum Leben

„Wir möchten, dass das Heft lebt“, erklärt Patrick Osterbrink, Projektleiter Innovationen der wdv Gruppe, die die Zeitschrift Abenteuer und Reisen herausgibt. Bereits seit 30 Jahren informiert das Heft über Reiseziele aus aller Welt und möchte den Kunden dabei die Ziele so authentisch und erfahrbar wie möglich machen. Dem Heft Leben einhauchen will Osterbrink nicht im übertragenen Sinne: Durch die Einbindung von Augmented Reality (AR) setzt Abenteuer und Reisen nun auf Interaktivität. Gedruckte Inhalte werden mit digitalem Content aufgeladen und ergänzt. Dadurch können Leser zusätzlich zu Fotos und Text zum Beispiel mithilfe von 360 Grad Videos bereits den Blick über den potenziellen Traumstrand streifen lassen.

Lars Berger von der wdv-Gruppe präsentiert das neue Konzept der Zeitschrift Abenteuer und Reisen und © w&v

Lars Berger von der wdv-Gruppe präsentiert das neue Konzept der Zeitschrift Abenteuer und Reisen. Foto: w&v

Ein Modell, das die Leserbindung erhöhen möchte, indem es Inhalte direkt erlebbar macht. Denn die Online- und Offline-Inhalte ergänzen sich und verweisen gegenseitig aufeinander. Auch in der Optik schlägt sich das nieder. Dadurch, dass AR direkt auf das Heft projiziert wird, wirkt es, als würde die Interaktion auf dem Papier passieren – eben, als wäre es lebendig.

Geschäftsmodelle hinterfragen mit „Healthy paranoia“

Dass es wichtig ist, neuen Entwicklungen im digitalen Bereich gegenüber aufgeschlossen und experimentierfreudig zu sein, ist auch für Steven F. Althaus, Leiter Markenführung BMW und Marketing Services der BMW Group, die Grundvoraussetzung für eine gelungene und zeitgemäße Platzierung der eigenen Marke. „Macht ein schönes Bild, dann geht’s schon irgendwie weiter“ – eine solche Art von Marketing funktioniert schon lange nicht mehr, sagt Althaus. Zahlreiche Möglichkeiten und Ideen, die Digitalisierung und Mobilisierung mit sich bringen, führen dazu, dass klassische Geschäftsmodelle wegbrechen. Der Autoverkauf etwa wandle sich durch Sharing-Modelle wie Uber oder Blabla-Car. Durch solche Angebote haben Kunden heutzutage andere Anforderungen an ein Unternehmen – und „erheblich mehr Einfluss auf die Produktentwicklung.“ Sie werden zum Teil der Wertschöpfungskette.

Nur, wer das eigene Geschäftsmodell kritisch hinterfragt, kommt voran, findet Rainer Althaus © w&v

Nur, wer das eigene Geschäftsmodell kritisch hinterfragt, kommt voran, findet Rainer Althaus. Foto: w&v/Martin Kroll

Um Innovationen nicht zu verpassen, gäbe es, so Althaus, zwei Möglichkeiten. Die eine sei, Erfahrungen selbst zu machen und neue Konzepte auszuprobieren: „Das kann entweder wahnsinnig schlau oder wahnsinnig dusselig sein“, kommentiert Althaus. „Etwas dazwischen gibt es nicht.“ Die andere Variante wäre, abzuwarten und erst einmal andere die Erfahrungen machen zu lassen.

Unternehmen müssen sich permanent hinterfragen und über den Tellerrand blicken, wenn sie innovativ und visionär sein wollen. „Healty paranoia“, nennt Althaus das. „Sich selbst der größte Kritiker sein, hilft, aktiv aus Fehlern zu lernen“ – und weist so natürlich auch den Weg, wie man es besser machen kann. Zudem sei es wichtig, so der Marketingexperte, andere Industrien im Blick zu haben, aus deren Erfahrungen zu lernen und sie in die eigenen Ideen einfließen zu lassen.

Fokussieren, analysieren und knallen lassen

Volles Haus beim Future Summit Print 2015 © w&v

Volles Haus beim Future Summit Print 2015. Foto: w&v/Martin Kroll

Getestet wird die Nutzung neuer Medien im Bereich Print bereits seit Jahren, etwa durch die Platzierung von QR-Codes mit zusätzlichen Informationen auf Printanzeigen. Potenzielle Kundschaft nutzt diese allerdings nicht sehr stark. Dass der Medienmix ohnehin viel mehr kann, zeigen Beispiele wie Abenteuer und Reisen. Für Trendforscher Nils Müller von Trendone ist dasAR-Konzept der Zeitschrift nur eine von vielen Möglichkeiten, wie Print sich in Zukunft aufstellen kann. Er setzt einen Fokus auf Virtual Reality und smarte Technologien und prophezeit: „Digitale Oberflächen lagern sich über alles“ – jedoch nicht im Konkurrenzverhältnis, sondern ergänzend zum Printprodukt. Sprechende Fotobücher oder ein Bildschirm als Magazincover etwa seien längst keine Zukunftsmusik mehr, die gäbe es bereits – etwa von der Agentur Serviceplan.

Woher aber weiß man in der Fülle der Möglichkeiten, welche Strategie und welche Medien für die eigene Marke sinnvoll sind? Althaus rät: Weggelassen wird „alles, wovon wir keine Ahnung haben und was zu weit vom Geschäftsmodell wegrückt“. Darüber hinaus aber gilt für ihn eine ganz klare Regel: „Wenn Sie nicht bereit sind, Ihr eigenes Geschäftsmodell zu kannibalisieren und zu hinterfragen, wird es ein anderer tun.“ Und der werde auch derjenige sein, der sich auf dem Markt durchsetzt, frei nach dem Prinzip „The winner takes it all“.