Die digitale Welt, eine Baustelle

Weil sich immer mehr Medieninhalte auf digitale Kanäle verlagern, funktionieren alte Finanzierungsmodelle nicht mehr. Das spürt vor allem der Journalismus. Nach welchen Regeln die digitale Welt funktioniert, darauf hat keiner eine konkrete Antwort. Es geht eher wie auf einer Baustelle zu, auf der das zukünftige Gebäude noch nicht klar umrissen, aber Raum für Experimente ist. Dass solche, teils aus der Not geboren, durchaus erfolgreich sein können, zeigt der erste unabhängige Online-Sender Rocket Beans TV.

Arno Heinisch, Geschäftsführer von Rocket Beans TV. Foto: Rocket Beans

Arno Heinisch, Geschäftsführer, Rocket Beans TV. Foto: Rocket Beans

Junge Menschen schauen kein Fernsehen mehr, sondern nur noch Web-Clips. Eine viel vertretene These, über die in der Medienwelt überall gesprochen, debattiert und geschrieben wird. Der Hamburger Sender Rocket Beans TV kombiniert beides. Er ist der erste unabhängige Online-Sender, der täglich 24 Stunden Programm über die Plattform Twitch.tv sendet – größtenteils Live-Inhalte. Laut eigenen Angaben erreichen sie täglich 120.000 Unique Visitors mit einer durchschnittlichen Verweildauer von zwei Stunden haben. Seit Sendestart zählen sie 34 Millionen Views. Anfang des Jahres, als der Sender gegründet wurde, waren die Aussichten allerdings ganz und gar nicht rosig. „Die Gründung ist aus der Not geboren, es war eine Flucht nach vorne“, sagt der Geschäftsführer des Senders Arno Heinisch. Zwar hatte Rocket Beans schon seit 2011 einen eigenen YouTube-Channel. Aber im Kern arbeitete das Team damals noch als Produktionsfirma für MTV und produzierte das Games-Format Game One. Als MTV jedoch Gelder kürzte und die Zukunft des Formats immer ungewisser wurde, entschieden sich die Rocket Beans, ihren eigenen Sender zu gründen. Eine riskante Entscheidung, wie Heinisch selbst sagt, aber nach heutiger Beurteilung hat sie sich ausgehzahlt. Der Sender konnte nicht nur sein Team halten, sondern es auf über 40 Festangestellte ausbauen.

Das Konzept funktioniere, so Heinisch, „weil wir kein Konstrukt von Medienplanern sind. Der Sender ist organisch aus uns heraus gewachsen“. Auch wenn sie aus der Games-Richtung kommen und sich mit Twitch auf einer Gamer-Plattform bewegen, lassen sie sich auf dieses Genre nicht reduzieren. „Wir nutzen Twitch als Live-Streaming-Plattform, verstehen uns aber als popkultureller Nischensender“, erklärt Heinisch. Neben den Games-Sendungen reicht das Programm von einem Kinomagazin über eine Comic-Sendung, einen Buchclub bis hin zu einer Quiz-Sendung. Sein Tipp: „Nicht an Regeln halten. Wir haben das noch nie gemacht, auch nicht bei Game One. Das Wichtigste ist, dass man mit Liebe zum Detail und Herzblut dabei ist“, sagt Heinisch. Auch ein 70 minütiges Format hätte auf YouTube schon funktioniert.

Mehr als nur eine Erlösquelle

Pauline Tillmann macht Geschichten von Frauen für Frauen. Foto: Franziska BaurFoto: Franziska Baur

Pauline Tillmann macht Geschichten von Frauen für Frauen. Foto: Franziska Baur

Die Finanzierung, erläutert Arno Heinisch auf der Konferenz Transforming Media in Nürnberg, laufe über sieben Säulen. Die Unterstützung der Community spiele dabei ebenso eine Rolle wie der eigene Webshop, Branded-Content oder Affiliate Marketing. Eine einzige Einnahmequelle allein könnte den Sender derzeit nicht finanzieren. „Erst zusammen wird ein Schuh draus“, sagt Heinisch. Auch das Online-Magazin Deine Korrespondentin finanziert sich über mehrere Wege und baut stark auf die Community, berichtet die Geschäftsführerin Pauline Tillmann auf dem Podium.

Die Konferenz, ausgerichtet von der Bayerische Medien-Servicegesellschaft (BayMS) und unterstützt vom MedienNetzwerk Bayern, fand am 29. Oktober 2015 in der Jugendherberge in Nürnberg statt. Ziel war es, Denkanstöße für neue Geschäftsmodelle in der digitalen Welt zu geben. Beispiele im Digitaljournalismus wie Pocket Story oder die Tegernseer Stimme standen in diesem Jahr ebenso auf dem Programm, wie Slow Journalism aus Großbritannien oder Ansätze zur Markenstärkung von Radio Hamburg. Unterschiedliche Ansätze und Ideen, bei denen jedoch stets die Community des Produkts eine große Rolle spielt. Das gilt bei Rocket Beans TV ebenso wie bei dem YouTube-Channel krassmatazz von Radio Hamburg, den Machern des Wissenschaftsmagazins Substanz oder des E-Book-Anbieters Readfy. Nicht nur für die finanzielle Unterstützung, sondern auch und gerade weil es darum geht, Inhalte interaktiv mit und für die Community zu gestalten. Insofern scheint sie das wichtigste Gut für Anbieter von Medieninhalten in der digitalen Welt zu sein.

Wertvolle Community

Rocket_Beans_Logo

Logo des ersten unabhängigen Online-Senders. Quelle: Rocket Beans

Als die Rocket Beans Ende 2014 kurz vor dem Aus standen und sich an ihre Community wandten, um sie um Unterstützung zu bitten, kam es zu ungeahnten Reaktionen. „Wir haben 20.000 E-Mails von Leuten bekommen, die uns finanziell unterstützt haben und die das Bedürfnis hatten, uns mitzuteilen, warum sie uns unterstützen“, sagt Heinisch enthusiastisch. Auch inhaltlich bezieht der Sender aus Hamburg die Community mit ein, reagiert auf Fragen, Anregungen und nimmt von der Community produzierte Inhalte mit in die Sendung auf –  etwa der Vorspann zur Morningshow Moin Moin. „Wir sind wie eine Baustelle“, sagt Heinisch. Vieles sei im Entstehen, auch wenn die eigenen Ansprüche noch längst nicht erfüllt seien.
Trotz der herausfordernden Finanzierungssituation, mit der sich viele Medienschaffende konfrontiert sehen, haben die Rocket Beans einen neuen Weg gefunden und eingeschlagen. Unabhängig von großen Medienhäuser haben sie sich auf eigene Beine gestellt, um ihre Inhalte zu produzieren. Es ist sicherlich ein individueller Weg, der sich nicht einfach auf anderen Bereiche übertragen lässt. Aber er zeigt beispielhaft, wie erfolgreiche Modelle in der digitalen Disruption entstehen und sich durchsetzen können.