Schöne neue Fernsehwelt – die Augsburger Mediengespräche

„Wir haben sehr stark gepennt im linearen Privatfernsehen. Dafür kriegen wir jetzt die Rechnung“, sagt Kai Blasberg, Geschäftsführer von Tele5, auf dem Podium der Augsburger Mediengespräche 2015. In diesem Jahr sitzen alte Hasen aus der TV-Branche neben YouTube-Stars, um über das Thema „TV-Landschaft im Umbruch: Wie YouTube, Netflix und Co. die Fernsehwelt verändern“ zu diskutieren. Eine Zusammenkunft, die Zündstoff verspricht.

Von links nach rechts: Prof. Dr. Claudia Wegener, Kai Blasberg, Silvia Laubenbacher, Joyce Ilg, Sebastian Meichsner und Jannis Kucharz © BLM

Von links nach rechts: Prof. Dr. Claudia Wegener, Kai Blasberg, Silvia Laubenbacher, Joyce Ilg, Sebastian Meichsner und Jannis Kucharz © BLM

Dass das Fernsehen nicht tot ist und YouTube oder Streams gar nicht unbedingt in Konkurrenz stehen müssen, beweisen mittlerweile mehrere Studien. Unterschiedliche Zielgruppen, Formate und Schwerpunkte führen dazu, dass das lineare Fernsehen und Kanäle wie YouTube oder Netflix in friedlicher Koexistenz leben können. Fest steht aber auch: Gerade die Zielgruppe der Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren fühlt sich von den Inhalten, die im linearen Fernsehen geboten werden, nicht angesprochen. Aus dem Alter für Kinderserien, sagt Prof. Dr. Claudia Wegener, Professorin für Digitale Medienkultur und Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, sei diese Zielgruppe herausgewachsen. Die Helden, mit denen sich die heutigen Jugendlichen identifizieren, ließen sich nicht im linearen Fernsehprogramm finden. Das seien die YouTuber – nahbare Idole, mit denen man interagieren könne und die das eigene Leben und die eigenen Probleme widerspiegeln.

YouTube-Star Joyce Ilg, als Jahrgang 1983 eigentlich bereits aus der definierten Zielgruppe herausgewachsen, stimmt dieser Einschätzung zu: „Fernsehen ist nicht interessant“, erklärt sie. „Deshalb suche ich mir die Inhalte, die ich sehen will, selbst aus.“ Wie sie machen es viele andere junge Leute. Sie sehen sich gezielt an, was sie sehen wollen, und vor allem, wann sie wollten. „Ich will ja auch nicht täglich um Punkt 18 Uhr essen wie meine Oma, sondern dann, wenn ich Hunger habe“, so Ilg.

„Das klassische Fernsehen verbindet Menschen“

Die YouTuber Joyce Ilg und Sebastian Meichsner stehen für eine Generation, die ihre Inhalte gerne selbst macht. © BLM

Die YouTuber Joyce Ilg und Sebastian Meichsner stehen für eine Generation, die ihre Inhalte gerne selbst macht. © BLM

Trotdzem funktioniert das lineare Fernsehen nach wie vor. Nur die Inhalte müssen passen. Genau wie ihr YouTube-Kollege Sebastian Meichsner ist Ilg noch mit Familien-Events wie „Wetten dass…?“ groß geworden. Und diese Formate, sagt Meichsner, sind es, für die das lineare Fernsehen nach wie vor am besten geeignet sei. Er selbst schaut Fußball und Großevents im Fernsehen an. Produktionen eben, bei denen Freunde oder Familie zusammenkommen können und gemeinsam mit einem Millionenpublikum dieselben Empfindungen zur selben Zeit haben. Für Blasberg keine Überraschung: „Das klassische Fernsehen verbindet Menschen, weil die Masse etwas gemeinsam macht.“ Und Wegener ergänzt: „Großevents funktionieren bei einem Millionenpublikum – das kann man auch sehr gut durch die Twitter-Reaktionen auf dem Second Screen verfolgen.“ Allein der wöchentliche Tatort löse auf Twitter eine riesige Interaktionsfreudigkeit unter seinen Anhängern aus. Zuschauer haben die Möglichkeit, aktiv am Fernsehgeschehen teilzuhaben und sich auszutauschen.

Kanäle wie YouTube oder auch Streaming-Dienste leisten das nicht: Die seien eher, sagt Blasberg, ein Massenmedium für das Individuum – und die Inhalte, so Jannis Kucharz, Herausgeber von netzfeuilleton.de, stark auf die Personality des Produzierenden ausgerichtet. Sowohl Gelder als auch Manpower befinden sich aber nach wie vor beim Fernsehen.

Was zählt, ist der Inhalt

Dennoch verschwinden viele Fernsehserien und -shows, die mit großem Aufwand produziert werden, schnell wieder von der Bildfläche, weil die Quote nicht stimmt. Für Ilg hängt das mit der Qualität der Inhalte zusammen. „Wenn man sich ansieht, mit welcher hohen Qualität teilweise ein Einzelner für YouTube produziert, und was teilweise bei großen Fernsehproduktionen herauskommt, frage ich mich, was passieren würde, wenn YouTuber mal so viel Geld zur Verfügung hätten.“ Hier sieht Blasberg eine Kernproblematik. Die Produktionslandschaft sei träge geworden, und zu sehr auf Einschaltquote fixiert. Was das Fernsehen brauche, seien neue Kreative und dass man wieder mehr erkennt, wie wichtig Inhalte sind. Man müsse davon weg, nur der Einschaltquote hinterherzurennen.

Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Quote, findet Kai Blasberg. © BLM

Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Quote, findet Kai Blasberg. Foto: BLM

Das heißt aber nicht, dass die YouTuber zwingend ins Fernsehen gebracht werden sollten. Denn was auf YouTube funktioniert, klappt nicht automatisch auch im linearen Fernsehen, gerade wenn man sich die unterschiedlichen Zielgruppen und deren Bedürfnisse ansieht. Über eines sind sich alle Teilnehmer der von der BLM organisierten Diskussion einig: Die Kernaufgabe für das Fernsehen der Zukunft wird es sein, sich auf Inhalte zu konzentrieren, Alleinstellungsmerkmale zu stärken und einen Mehrwert zu schaffen. Auf keinen Fall, sagt Wegener, dürfe der Fehler gemacht werden, neue Medien imitieren oder auch ignorieren zu wollen. So kann auch in Zukunft die Medienvielfalt erhalten und der schwarze Kasten im Wohnzimmer stehen bleiben.