Für die Bühne – Portrait über Jaromir Konecny

Weil man Jaromir Konecnys Texte nicht drucken wollte, brachte er sie kurzerhand auf die Bühne. Dann wurde der promovierte Chemiker erst zu einer der bekanntesten deutschen Poetry-Slam-Stimmen und dann zum erfolgreichen Jugendbuchautor. Auf der Bühne steht er immer noch zwei bis drei mal pro Woche. Aktuell, um sein neues Buch Herz Slam vorzustellen.

Als ihm der Techniker von der anderen Seite der Bühne zunickt, nimmt Jaromir Konecny die drei Stufen auf die Bühne in der Münchner Kneipe Substanz. Schon unzählige Male stand er hier und hat seine Texte vorgetragen. Mitte der Neunziger waren es meist Auftritte bei Poetry-Slams, von denen er unzählige gewonnen hat. An diesem Oktoberabend bildet er den Programm-Mittelpunkt. Starallüren sind ihm trotzdem fremd. In rotemT-Shirt, grauen Jeans und Turnschuhen stand er kurz vor dem Auftritt noch unauffällig neben der Bühne und hatte sich einige Text-Passagen seines Manuskripts noch einmal angesehen. Jetzt wendet er sich ans Publikum. „Ihr müsst euch vorstellen, dass ich ein 16-jähriges Mädchen bin“, leitet der 59-Jährige seine Lesung ein. Denn das ist das Alter von Lea und Sophie, seinen Romanheldinnen. Sie nehmen mit ihrer Schulklasse an einem Poetry-Slam-Workshop teil. Voller Vorurteile prallen in Herz Slam Gymnasiasten und Hauptschüler aufeinander. Doch mit der Zeit weichen sich die Fronten auf. „Bleib cool am Swimmingpool“, lässt Konecny zwei seiner Romanfiguren rappen, um einer brenzligen Situation mit einer Lehrerein zu entgehen.

Jaromir Konecney bei der Vorstellung seines neuen Buches Herz-Slam am 5. Oktober 2015 im Stubstanz in München. Foto: Franziska Baur

Jaromir Konecney bei der Vorstellung seines neuen Buches Herz Slam am 5. Oktober 2015 im Stubstanz in München. Foto: Franziska Baur

Gemacht für die Bühne

„Er ist ein begnadeter Bühnenautor. Er hat ein gutes Timing, ist schlagfertig und hat keine Hemmungen sich vor dem Publikum zu zeigen“, sagt eine befreundete Münchner Journalistin. Vorprogrammiert oder geplant war Konecnys Bühnen-Karriere aber nicht. Vielmehr gründet sie auf einer Absage. „Man wollte meine Sachen einfach nicht drucken“, erzählt er. Also ging er auf die Bühne, um seine Texte zu präsentieren und machte dabei eine überraschende Erfahrung. „Die erste Geschichte, die ich im Substanz vorgelesen habe, war eigentlich eine tragische Geschichte, aber die Leute haben gelacht. Da dachte ich mir, ok, dann werde ich ein lustiger Schriftsteller.“ Zehn Jahre lang stand er deutschlandweit auf sämtlichen Bühnen, wurde zwei Mal deutscher Poetry-Slam-Vizemeister und gewann insgesamt etwa 80 Slams.
1956 im sozialistischen Prag geboren, arbeitete er erst in der Metallindustrie , später als Schiffsmeister. Und er begann zu schreiben.  Als er 1982 nach Deutschland emigrierte hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, besuchte einen Deutschkurs und begann Chemie zu studieren. „Ich dachte damals, ich hab die Sprache verloren, das war´s“. Sein heutiger Erfolg beweist das Gegenteil. 14 Bücher hat er bereits veröffentlicht, viele davon Jugendbücher. Sein Anspruch ist es, in seinen Texten „das Niedere mit dem Erhabenem zu verbinden“, so sagt er von sich selbst. Ob ihm das gelingt? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Als derb und sexlastig nehmen die einen seine Romane wahr, die anderen als realitätsnah und direkt. „Man muss seinen ungezügelten Stil mögen“, sagt sein langjähriger Freund Moses Wolff und vergleicht ihn mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Charles Bukowski.

Geteilte Meinung

Am heftigsten waren die Reaktionen 2009 auf seinen Roman Doktorspiele, der im Thema und seiner Erzählweise mit US-Jugendkomödien wie American Pie verglichen wurde. Zahlreiche Lehrer und Eltern hatten jedoch Bedenken die Inhalte seien nicht jugendgerecht. Zu Lesungen an Schulen wurde Konecny daher einige Male erst ein- und dann wieder ausgeladen.  Als der Roman 2014 ins Kino kam, lockte er gut 700.000 Besucher an. „Er spricht Themen an, die für Jugendliche im Raum stehen und nennt das Kind beim Namen, aber ohne schlüpfrig zu sein oder es schief zu thematisieren“, sagt die München Kultur-Journalistin über Konecnys Schreibstil. Dass er es schafft, für Jugendliche den richtigen Ton zu treffen, hängt auch damit zusammen, dass er viel Zeit mit ihnen verbringt, sei es bei Workshops in Schulen oder beim Fußballspielen. Für junge Leser zu schreiben hat für ihn durchaus Vorteile: „Im Gegensatz zu vielen Erwachsenenbüchern werden meine wirklich gelesen und nicht nur für das Bücherregal gekauft.“

Singen, Guitarre spielen, Vortragen, Witze erzählen, Jonglieren: Wenn man Jaromir Konecney auf der Bühne sieht, bekommt man einiges gebeoten. Foto: Franziska Baur

Er singt, spielt Gitarre, liest, erzählt Witze und jongliert auch mal: Wenn man Jaromir Konecny auf der Bühne sieht, bekommt man einiges geboten. Foto: Franziska Baur

In Gesprächen, abseits der Bühne, kommt Jaromir schnell von der Heisenbergsche Unschärferelation, zu Schopenhauer, spricht über Sex und Drogen ebenso wie über Linseneintopf, den er für seine Söhne kocht, den Fänger im Roggen oder aktuelle Bücher auf der Bestsellerliste. Für vieles interessiert sich der promovierte Chemiker, der heute lieber auf der Bühne statt im Labor steht. Aber auch hier bringt er vieles zusammen. Er liest, spielt Gitarre, erzählt Witze und Anekdoten seiner Bühnenlaufbahn, jongliert und wird dabei philosophisch. Als „Gesamtkunstwerk“ beschreibt Wolff daher auch seine Auftritte.

„Als Mensch ist Jaromir zeitlos. Man kann sein Alter schlecht schätzen. Und auch seine Romane sind zeitlos. Sie könnten in den Siebzigern spielen oder in der Gegenwart“, sagt Wolff. Das Wort zeitlos beschreibt auch Konecnys Publikum gut. Im Substanz bei der Herz-Slam-Lesung sind Jugendliche und Studenten ebenso wie Rocker oder Sakko-Träger mit ergrautem Haar. Ob er zufrieden oder gar stolz sei auf seinen Erfolg? Ja zufrieden schon antwortet er. „Aber stolz sein mag ich nicht.