Mitmachen und testen – das JOSEPHS ins Nürnberg

Produkte testen, bevor sie in den Laden kommen. Eigene Ideen einbringen und damit Innovationen vorantreiben. Im JOSEPHS, der Service-Manufaktur des Fraunhofer-Instituts IIS und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg haben interessierte Besucher die Möglichkeit dazu. Unternehmen und die Wissenschaft erhalten durch das Feedback nützliche Einblicke. Gleichzeitig entsteht ein deutschlandweit einzigartiger Begegnungsort.

„Endlich werde ich mal nach meiner Meinung gefragt.“ Das hören Heike Karg, die Projektleiterin des JOSEPHS, und ihr Team oft von Besuchern, die sich in der Service-Manufaktur in der Nürnberger Innenstadt umsehen. Auf über 400 Quadratmetern werden Produktideen, Prototypen, Geschäftsmodelle oder Servicegedanken präsentiert. Um Verkaufsförderung gehe es jedoch nicht, so Karg. Sondern darum, die Ideen den kritischen Augen, Ohren und Gedanken der Besucher auszusetzen und sie mit ihnen gemeinsam zu verbessern. Testen, prüfen und hinterfragen – genau das soll hier passieren. Verbesserungsvorschläge sind ausdrücklich erwünscht. „Wir machen angewandte Service-Forschung“, sagt Karg.

Herzstück des JOSEPHS sind die Themenwelten, die im Drei-Monats-Rhythmus neu kuratiert werden. Unter dem Motto „Spielend Innovationen entwickeln“ können Besucher derzeit sechs Ideen unter die Lupe nehmen. Eine davon ist der Prototyp einer CityApp für Nürnberg, die in sämtlichen Lebenslagen unterstützen soll: Von der Navigation mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis hin zur Parkplatzsuche.

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Ist die CityApp ansprechend und übersichtlich aufgebaut? Das kann im JOSEPHS getestet werden. Foto: Franziska Baur

Auf einem Bistrotisch liegt ein Test-Smartphone, auf dem die App vorinstalliert ist, daneben steht ein Schild mit einer Aufgabe. Der App-Tester soll eine Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln heraussuchen, die vom Weißen Turm in Nürnberg zum Dutzenteich führt. Inge Steinmetz, Mitarbeiterin des JOSEPHS steht erklärend zur Seite und begleitet den etwa 15-minütigen Testlauf mit einem wissenschaftlichen Fragebogen. Der will wissen, wie einfach oder schwer sich der Tester in der App zurechtfindet. Ob er die Aufmachung als optisch ansprechend und übersichtlich designt wahrnimmt, oder welche Optionen in der App fehlen. Der Fragebogen ist nur eine Variante, mit der die Rückmeldungen der Besucher erfasst werden. Es gibt auch spielerische Abstimmelemente, persönliche Gespräche oder die Besucher können ihr Feedback auf Pinnwänden hinterlassen. Bei manchen Produkten werden auch die Emotionen der Tester mit kleinen Kameras erfasst und ausgewertet. Aber nur, wenn man sich damit einverstanden erklärt. Und, fügt Karg hinzu, die Daten werden alle anonymisiert erhoben und gesammelt. Das sei stets ein wichtiger Hinweis für die Besucher, bevor sie sich trauen zum Tester zu werden.

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Daumen hoch, Daumen runter: So leicht kann das Abstimmen sein. Foto: Franziska Baur

Auch bei der CityApp, die SAP gemeinsam mit der Stadt Nürnberg entwickelt, gibt es neben dem Fragebogen eine spielerische Abstimmvariante. Sie funktioniert ein bisschen wie der Facebook-Like-Button in real. Dazu stellt sich der Besucher auf einen am Boden markierten Punkt, der vor einem Flachbildschirm platziert ist. Auf dem Bildschirm werden Fragen angezeigt, denen der Besucher zustimmen oder die er ablehnen kann. Mit ausgestrecktem Arm muss der Daumen dazu entweder nach oben oder nach unten zeigen. Eine Kamera über dem Flachbildschirm erfasst, in welche Richtung der Daumen zeigt und registriert die Abstimmung. „Die interaktive Abstimmung stößt auf sehr positive Resonanz“, sagt Steinmetz.

Ein paar Meter weiter steht ein 1,20 Meter großer Roboter. Ein fast gleichgroßes Mädchen steht neben ihm. Dass er mit Sprachsteuerung funktioniert, will sie gleich einmal testen. „Bewegungssteuerung“ sagt sie, um seine Steuerung zu aktivieren. Tanzen, vorwärts rollen, die Hand geben oder komplexere menschliche Bewegungen nachahmen – für den Roboter alles kein Problem. Und über eine zusätzliche App kann er auch ferngesteuert werden. Im Herbst wird er auf den Markt kommen.

Auswertung der Rückmeldungen

Nach jeder Laufzeit einer Themenwelt gibt es für die involvierten Unternehmen, die ihre Produkte haben testen lassen, eine Auswertung und Feedback. Innovative Ideen aber auch Kritik werden über diesen Weg direkt weitergegeben. Bislang werden besonders häufig haptische Produkte zum Anfassen getestet, die mit einer Technologien wie etwa einer App kombiniert werden. Das Test-Publikum ist gemischt: „Es kommen auch einige ältere Leute zu uns. Das hätten wir nicht gedacht“, sagt Karg. Am Wochenende oder in den Ferien sind es oft auch Familien, die sich umschauen.

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Bevor es ihnn im Laden gab, konnten Kunden den 1,20 Meter großen Roboter in der Service-Manufaktur ausprobieren. Foto: Franziska Baur

Mit dem Standort Nürnberg setzt das JOSEPHs ein bewusstes Zeichen für die Stadt. „Hintergrund war der, dass es in Nürnberg ja einige Firmenpleiten gab, wie etwa das Quelle-Versandhaus, und dem wollten wir etwas entgegensetzen“, sagt Karg. Seit der Eröffnung im Mai 2014 hat sich die Service-Manufaktur so gut entwickelt, dass ihr Konzept weit über die fränkischen Grenzen hinaus bekannt geworden ist. „Wir hatten auch schon Anfragen aus dem In- und Ausland, die auch ein JOSEPHS wollten“, sagt Karg mit Stolz in der Stimme. Die Idee, potentielle Kunden bereits bei der Produktentwicklung einzubinden und ihr Feedback in Innovationen einfließen zu lassen kommt also an. Im JOSEPHS wird damit real betrieben, was sich digital im Internet seit einigen Jahren durchsetzt: Die Interaktion mit der Zielgruppe.

Die nächste Themenwelt „Smarte technologie“, ist ab 31. Oktober für drei Monate aufgebaut.