Stefan Aigner

Blogs in Bayern: Die Lust am Selbermachen

Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein Blog! Wenn Stefan Aigner rappen würde, hätte er Sidos Hymne an seinen Block, seine Berliner Heimat, wohl auf diese Art umgeschrieben. Aber Aigner,  oft mit Hut und Hemd unterwegs statt mit Rappermaske und Goldkettchen, ist dem Sprechgesang eher unverdächtig. Was in seinem Viertel, seinem Bezirk, seiner Stadt passiert, interessiert ihn dafür umso mehr.

Er ist Lokaljournalist, ihn treibt an, was vor seiner Haustür schief läuft. Und seit sechs Jahren ist er genau mit diesem Anspruch selbstständig unterwegs: Aigner betreibt das Lokalblog „Regensburg Digital“.

2008, als Nachrichten aus der ganzen Welt über das Netz auch im hintersten Winkel Bayerns abrufbar waren, wagte Aigner einen Schritt in die andere Richtung. Er schaute nicht hinaus in die Welt, sondern richtete seine Journalistenlupe noch genauer auf seinen Ort, auf Regensburg. Aigner machte die Nachrichten im Netz lokal – und hatte Erfolg: Die Klickzahlen stiegen und damit auch die Einnahmen aus Werbung und einem Förderverein. Die lokalen Nachrichtenseiten im Netz werden nicht nur in Regensburg immer mehr, erklärt Stefan Aigner. Und zwar wegen einer Schwäche der Konkurrenz: den gedruckten Lokalzeitungen. „Es gibt so viele Themen, auf die man genauer schauen, wo man genauer recherchieren, sich nicht über Pressemitteilungen, sondern das direkte Gespräch informieren könnte“, sagt Aigner. „Aber anscheinend wollen das immer weniger Zeitungen leisten.“ Er schon.

Sein Lokalblog „Regensburg Digital“ soll nicht schneller oder tiefgründiger, nicht exklusiver oder breiter aufgestellt als die anderen sein, sondern näher dran an dem, was in seiner Stadt passiert. „Engagierter als Lokalpresse”, berichtete das NDR-Fernsehmagazin Zapp über den Lokalblogger. „Wir haben die Freiheit, dass wir kein Blatt vor den Mund nehmen müssen”, sagt Stefan Aigner. Die Lokalblogs würden als gefährlich wahrgenommen, weil sie nicht kontrollierbar sind – so der Tenor des TV-Beitrags.

Und auch Aigner schoss bereits scharf: gegen die Kirche oder ortsansässige Firmen. Mit ausdauernden Recherchen und einem Blick abseits des Mainstreams hat sich Aigner einen Namen gemacht in Regensburg. Und auch anderswo in Bayern haben sich Lokalblogs längst als ernstzunehmende Informationsplattformen etabliert.

„Ich bezeichne die Tegernseer Stimme lieber als Online-Lokalzeitung“, sagt Peter Posztos. Ein Blog? Das klingt viel zu klein. Die Tegernseer Stimme hat immerhin eine feste Redaktion: 13 Journalisten arbeiten für die lokale Netzzeitung – wenn auch nicht Vollzeit. Mittlerweile hat die Tegernseer Stimme sogar einen eigenen Volontär, den sie sich mit anderen Netzzeitungen teilt.

Die Frage, ob die Nachricht jetzt nun im Netz veröffentlicht werde oder gedruckt wird, hätte sich im Tegernseer Tal nie gestellt, erzählt Posztos. Blogger oder Journalist, gedruckte Zeitung oder Netz – selbst Politiker und Polizei nahmen die Netzjournalisten von Anfang an genauso ernst wie ihre Printkollegen. Entscheidend waren die Texte – und das Interesse der Leser.

Von selbst kommt aber auch das ortsansässige Publikum nicht: Es habe lange gedauert, bis die Leser regelmäßig die Tegernseer Stimme im Netz ansteuerten, sagt Posztos. Mittlerweile ist er aber sehr zufrieden: Zwischen 4000 und 6000 Leser hat seine Seite pro Tag. Nicht viel – verglichen mit den großen Medienmarken. Bezogen auf die Leserschaft vor Ort ist es aber ein Riesenschnitt: Etwa 25.000 Menschen im Tegernseer Tal zählt Posztos zu seiner Zielgruppe.

Und um die wird hart gekämpft. Seit zwei Jahren vermarktet er die Tegernseer Stimme professionell. Wichtigste Einnahmequelle sind Kooperationen mit Firmen aus dem Tegernseer Tal, die auf der Webseite werben. Entscheidend ist mittlerweile aber auch der anspruchsvolle Auftritt in den sozialen Netzwerken. Denn der sorgt dafür, dass Traffic auf die Seite kommt.

Eine weitere Quelle hat der Lokalblogger Hubert Denk aufgetan, der auf der Seite Bürgerblick in Passau ebenfalls über die Themen seiner Stadt berichtet. Denk hat sich aus dem Netz aufs Papier gewagt. Seine Artikel aus dem Blog druckt und verkauft er: Auflage etwa 2500 Stück für je 2,50 Euro. Auch die Tegernseer Stimme erschien probeweise im Print. Die sah zwar gut aus, erinnert sich Peter Posztos. Die Kosten lagen aber weit über dem, was die gedruckte Netzzeitung einspielte.

Erfolgreicher mit der Printerweiterung eines Lokalblogs war der Münchner Marco Eisenack. Das von ihm ins Leben gerufene Mehrautorenblog mucbook ist eine Anlaufstelle für Subkultur in der Landeshauptstadt, aber auch für Politikinteressierte abseits des Mainstreams. Die Lust am Selbermachen war es, die den Journalisten Eisenack antrieb. Zusammen mit zwei Freunden gründete er 2009 mucbook als „das digitale Stadttagebuch“: Eine Seite für junge Leute in München, sagt Eisenack. Weil stadtbezogene News im Netz fehlten.

Die Besonderheit von mucbook: 300 registrierte Autoren schreiben für die Plattform, wobei davon etwa 40 tatsächlich regelmäßig veröffentlichen, gibt Eisenack zu. „Wir wollen gar keine bessere Lokalzeitung im Netz sein“, sagt er. „Unsere Stärke ist, dass wir spielerischer sind, ehrlicher und durch unsere vielen Autoren auch viel meinungslastiger schreiben.“ Der Begriff Blog sei mittlerweile zwar nicht mehr wirklich hip, Eisenack benutzt ihn aber nach wie vor sehr gerne. Zu Recht: mucbook hat den Isarnetz-Award 2013 für das beste Weblog aus München abgeräumt.

Und mucbook ist auch am Kiosk erfolgreich. In der gerade erschienenen zweiten Printausgabe seien alle Werbeplätze belegt, sagt Eisenack stolz. „Davon können andere Hefte nur träumen“. Den Schwung und die Einnahmen aus dem Printgeschäft nimmt Eisenack mit für seine Arbeit im Netz. Dort soll mucbook das kleine, glaubwürdige Angebot für die jungen Münchner bleiben. Viele kleine Geschichten aus der Stadt blieben ansonsten unentdeckt, schätzt Eisenack: Weil sie von den traditionellen Medien übersehen oder absichtlicht ignoriert würden.

 

Was die Tegernseer Stimme so erfolgreich macht