Die größten Verlierer bekommen den meisten Applaus

Wir reden viel zu wenig übers Scheitern, findet Marcel Rasche. Deshalb organisiert er Abende, an denen Unternehmer ganz offen über ihr Scheitern sprechen: Und die Bühne auf den sogenannten Fuckup-Nights gehört dann den größten Verlierern.

Allein die Kneipe zu betreten kostet einiges an Überwindung. Direkt am Eingang des Münchner Provisoriums, einer Bar in der Nähe der Innenstadt, wird heute ein Bekenntnis gefordert. “Was war Dein schlimmster Fehler?”, fragt Marcel Rasche, charmant und setzt nach: “Was war Dein peinlichster Moment, in dem du vollkommen gescheitert bist?” Und damit sich keiner rausreden kann, drückt er jedem Gast einen Sticker in die Hand. Darauf steht: „My Biggest FuckUp“. Dicke, rote und schwarze Buchstaben, unter denen noch viel Platz ist, um seine „ganz persönliche Geschichte des Scheiterns festzuhalten“, sagt Rasche. Den Sticker soll sich jeder Gast auf die Brust kleben. Offen und für jeden lesbar. So sammelt sich im Laufe des Abends Geschichte um Geschichte: über Pleiten, gescheiterte Firmengründungen und Privatinsolvenzen. Die Stichworte des Versagens.

Auf den Fuckup-Nights geht es darum aus den Fehlern zu lernen. Foto: Fuckup-Night München

Auf den Fuckup-Nights geht es darum aus den Fehlern zu lernen. Foto: Fuckup-Night München

„Von wegen“, freut sich Rasche: „Die Fail-Botschaften sind ideal, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Nur wenn man darüber redet, lernt man besser, damit umzugehen, dass man einen Fehler gemacht hat.“ Im Idealfall, hofft der energiegeladene 25-Jährige, hört man dann auch auf, sich für einen Irrtum zu schämen. Genau das ist das Prinzip der Veranstaltung, die Rasche mittlerweile zum zweiten Mal in einem Team mit drei weiteren jungen Münchnern organisiert hat. Und die immer beliebter wird. Heute kleben an die 100 Fail-Stories an Hemden, Shirts und Blazern. Das Publikum ist gemischt: Junge Gründerinnen, Social-Media-Redakteure und Künstler sind gekommen.

Kurzreferate des Scheiterns

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Weltweit erzählen Gründer mitttlerweile über ihre Erfahrungen und Rückschläge. Foto: Fuckup-Night München

In kurzen Vorträgen erzählen Gründer auf der Bühne, wie sie unternehmerisch versagten und Programmierer wie sie das ganze Unternehmen gegen sich aufbrachten. All das, was dem Vortragenden vielleicht als öffentliche Therapiesitzung dient, bietet den Zuschauern amüsante Aha-Momente. Lernen vom Versagen, das ist die Botschaft der Fuckup-Nights: Denn wer ganz offen über das Scheitern sprechen kann, der traut sich vielleicht auch bei der nächsten Idee mehr zu und hat Erfahrungen gesammelt.

Florian erzählt zum Beispiel von einem Event, für das er nicht nur viel zu früh mit dem Marketing begonnen hatte, sondern auch auf ein falsches Preissystem gesetzt hatte. Europas größte Kopfhörer-Party sollte es werden. Je näher der Abend rückte, desto billiger wurden die Tickes. So konnte keine Crowd entstehen. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Veranstaltung war ein Reinfall: Nur die Hälfte der angepeilten Gäste kam. Am Ende stand ein Minus von 100.000 Euro.

Patrick schmiss früh nach der Ausbildung seinen Job, setzte seine Karriere aufs Spiel. Ausgerechnet während dieser Zeit entstand seine Start-up-Idee: Er platzierte Produkte für zahlende Sponsoren auf Privatpartys. Mit Erfolg: Heute wählt er die angesagtesten Party-Ideen aus, legt Werbung aus und bringt gleichzeitig Freibier mit auf die Feiern. Ein Flopp also, der sich später zum Guten wendete. “Wir wollen Leuten die Angst nehmen, allein weil sie versagen könnten, eine Idee nicht durchzuziehen”, sagt Marcel Rasche.

Die Open-Mic-Sessions, um gemeinsam bei einem Bier vom Scheitern zu erzählen, sind mittlerweile eine weltweite Bewegung. Fuckup-Nights gibt es in New York, Amsterdam, Tokyo, Mexiko-Stadt, Montevideo und eben auch München. Vor kurzem öffnete der 100. Ableger – und es werden immer mehr. Es gibt Bücher und Merchandise, eine gemeinsame Organisation, im Hintergrund eine Datenbank voller Unterstützer und Starthilfe, um die Fail-Partys in immer neuen Städten auf die Beine zu stellen. Was einst aus einer biergeschwängerten Laune heraus entstand, ist jetzt eine globale Erfolgsgeschichte.

Von Lateinamerika in die Welt

Der Einfall dazu stammt ursprünglich aus Mexiko. Nach einigen völlig verpatzten Unternehmensgründungen trafen sich eine Hand voll Freunde bei Bier und Tequila und sprachen offen über ihre Epic Fails. Weil sie so viel lachten und sich gleichzeitig dachten „Das hätte man mir mal vorher sagen sollen“ beschlossen sie, die nächste Runde öffentlich zu veranstalten. Nachdem sich die Idee rasend schnell über den Globus verbreitet hatte, formulierten die mexikanischen Gründer sogar einen gesellschaftlichen Anspruch. „Wir reden heute Abend übers Scheitern in Unternehmen“, sagte Leticia Gasca vor einer Fuckup-Night in Mexiko-Stadt. „Und weil unser Land so unsicher geworden ist, gibt es zahlreiche Unternehmen die genau deshalb gescheitert sind: Verbrecherbanden verlangen Schutzgeld und Kriminelle erpressen Unternehmer.“

Wenn sie bei Bier und Powerpoint Präsentation heute also übers Scheitern reden und zusammen lachen und netzwerken, könnte sie auch über Mexiko reden. „Weil das Land ja auch gescheitert ist, zumindest was die Sicherheit angeht“, sagt Gasca. Auch dafür stehen die Fuckup-Nights – für eine Gruppe junger Tatkräftiger, die lieber etwas ändern wollen, als aus Angst vor dem Scheitern, ruhig zu bleiben.

Vom Scheitern lernen

Die unterschiedlichsten Vorhaben und Geschichten bekommt man an einem solchen Abend zu hören. Foto: Fuckup-Night München

Die unterschiedlichsten Vorhaben und Geschichten bekommt man an einem solchen Abend zu hören. Foto: Fuckup-Night München

„Wir verschenken total viel, wenn wir nicht über unsere Fuckups reden“, stimmt Marcel Rasche in München zu. Auch wenn die Ausgangssituation in Deutschland natürlich eine andere ist. Viel mehr, als immer nur über Erfolgsgeschichten zu reden, sagt Marcel Rasche, sollte man gemeinsam aus Rückschlägen lernen. Auf seinem eignen Sticker steht übrigens unter dem Biggest Fail: „Gründung und PHD – und zwar gleichzeitig“. Ewig hätte er das in sich reingefressen, bis gar nichts mehr ging. “Ich bin aber unfassbar dankbar für meinen Fail“, sagt er. Erst dadurch konnte er den Kopf frei bekommen für das, was er wirklich wollte. Vor kurzem hat er ein neues Unternehmen gegründet – mit dem geballten Wissen der vielen Rückschläge, denen er auf Fuckup-Nights schon gelauscht hat. “Deshalb feiern wir auf der Bühne auch diejenigen, die am Krassesten gescheitert sind, mit dem größten Applaus.”

Die dritte Münchner FuckUp-Night findet am 18. Juni statt, im Provisorium in der Lindwurmstraße 37. Infos und Anmeldung gibt es über Facebook : „Let´s celebrate our fuck ups“.