Information, Interaktion und eine ungewisse Zukunft – wie Redaktionen WhatsApp nutzen

Dass WhatsApp mit über 30 Millionen Nutzern in Deutschland längst populär genug ist, um nicht nur als privater Messenger zu dienen, haben viele Redaktionen für sich erkannt. An die neuen Möglichkeiten sind aber auch Herausforderungen gekoppelt und gerade kleine Redaktionen müssen manchmal tricksen. Auf der Fachtagung Medien des MedienNetzwerks Bayern diskutierten Holger Mock von rta.design, Florian Schiller von OVB24 und Marc Schindlbeck vom Bayerischen Rundfunk über die unterschiedlichen Möglichkeiten mit WhatsApp Nutzer zu erreichen.

Markus Kaiser diskutiert mit Florian Schiller, Holger Mock und Marc Schindlbeck über den Nutzen von WhatsApp in Redaktionen. Foto: Marita Reich

Markus Kaiser diskutiert mit Florian Schiller, Holger Mock und Marc Schindlbeck über den Nutzen von WhatsApp in Redaktionen. Foto: Marita Reich

Hauptsache Interaktion – direkte Kommunikation mit den Nutzern

Marc Schindlbeck ist Chef vom Dienst bei der Radiosendung Die Frühaufdreher auf Bayern 3. Dem Sender ist die Interaktion mit den Radiohörern sehr wichtig – eine reine Vermittlung von Nachrichten durch WhatsApp ohne Rückmeldung oder persönliche Ansprache wäre deshalb für Schindlbeck nicht vorstellbar. „Wir wollen die Leute dort abholen, wo sie sind und ihnen nicht irgendwelche Inhalte aufdrücken.“ Um mit den Hörern in Kontakt zu kommen, liegt in der Bayern-3-Redaktion deshalb ein Tablet-PC, auf dem WhatsApp installiert ist. Zwei Mitarbeiter bearbeiten die eingehenden Nachrichten, antworten oder geben relevante Informationen weiter. Und auch die Moderatoren im Studio haben Zugriff auf die WhatsApp-Nachrichten und können sie direkt in der Sendung aufgreifen.

Etwa 500 bis 1.000 solcher Nachrichten erhält Bayern 3 im Schnitt täglich. Diese sollen wenn möglich alle beantwortet werden. Nur manchmal können die Mitarbeiter dieses Ziel nicht erreichen, vor allem, wenn eine Aktion die Hörer zum Mitmachen auffordert. „Am ersten April hieß es für uns: Bayern 3 dreht durch“, erzählt Schindlbeck. „Wir haben den ganzen Tag Liederwünsche erfüllt: Von der Arie bis zum Metal-Song. Wir haben an diesem Tag etwa 40.000 Nachrichten über WhatsApp erhalten. Da hatten wir natürlich keine Chance, alle zu beantworten oder zu berücksichtigen.“

Lediglich auf der Website wirbt Bayern 3 für die Handynummer, unter der man WhatsApp-Nachrichten an die Redaktion senden kann. On Air weisen die Moderatoren darauf hin, dass es eine solche Nummer gibt, und wo sie zu finden ist. „Wenn wir die Nummer direkt durchgeben, rufen die Leute dort an. Und das blockiert den Nachrichten-Service“, erklärt Schindlbeck.

„Wer sich anmeldet, ist automatisch dabei“ – WhatsApp als Informationskanal

Die Podiumsdiskussion zum Thema WhatsApp fand am 23. April 2015 in Wildbad Kreuth statt. Foto: Marita Reich

Die Podiumsdiskussion zum Thema WhatsApp stand am 23. April 2015 in Wildbad Kreuth auf dem Programm. Foto: Marita Reich

Ganz anders arbeitet Florian Schiller vom OVB24 mit WhatsApp. Der Online-Nachrichtendienst des Oberbayerischen Volksblatts nutzt die App als Service-Tool zur Nachrichtenvermittlung. Vom Aufwand her lässt sich alles momentan noch per Hand bedienen, auch wenn es zunehmend mühsamer wird. In der Redaktion gebe es ein Smartphone nur für WhatsApp-Nachrichten, erzählt Schiller. Die Nutzer können sich anmelden, um regelmäßig Teaser mit Links zu aktuellen Nachrichten zu erhalten. „Wer sich anmeldet, ist automatisch dabei. Wenn jemand den Service nicht mehr haben will, muss er uns eine Nachricht mit „Storno“ schicken und kann unsere Nummer löschen.“

Bei der Anwendung von WhatsApp stoßen die Redaktionen auf kleinere oder größere Probleme. Eine Hürde, mit der Florian Schiller zu kämpfen hat, ist das Spam-Problem: „Wenn ich von einer Nummer aus zu viele Nachrichten an zu viele Nummern schicke, blockiert mich WhatsApp, weil meine Aktivität als Spam identifiziert wird.“ Was aber kann man dagegen tun?

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – immer auf die Datenlage achten

Hier müssen die Redaktionen ein wenig tricksen und experimentieren. Damit haben auch Holger Mock und die Allgäuer Zeitung ihre Erfahrungen gemacht. Für den WhatsApp-Service der Zeitung sind etwa 3.000 Nutzer angemeldet. Die Redaktion kann das gerade noch per Hand stemmen. Deshalb wird der Service auch nicht prominent beworben – er ist ohnehin ein Selbstläufer. Bereits am ersten Tag nach Freischaltung konnte Mock 700 Anmeldungen für die WhatsApp-Benachrichtungen verzeichnen. Nach einer Werbeanzeige in der Zeitung waren es 1.000 mehr.

Um das Spam-Problem zu lösen, improvisiert Mock: Er erstellt mehrere Nutzer-Listen, an die die neue Nachricht jeweils im Abstand von zwei bis fünf Minuten verschickt wird. Das führt zu einer Verzögerungsrate von etwa einer Stunde, bis die Nachricht an alle relevanten Listen versendet ist.

Das Logo von WhatsService © WhatsService

© WhatsService

Einen Anbieter wie WhatsService, der die händische Bedienung von WhatsApp ersetzen könnte, möchte Mock nicht nutzen: „Das lohnt sich nur für größere Unternehmen. Solange wir den Service auf regionaler Ebene selbst bedienen können, machen wir das auch. Das Problem mit WhatsApp ist, dass viele Dinge noch ungeklärt sind. Jedes Tool, das wir anwenden, könnte von heute auf morgen gesperrt sein. Dann hätten wir Geld in etwas gesteckt, das es nicht mehr gibt.“ Auch, was Bilder oder Videos angeht, hält sich Mock noch zurück. „Solange die Datenlage bei WhatsApp ungeklärt ist, verschicken wir lediglich eine gekürzte Variante des Meldungs-Titels und der zugehörigen Links.“

Was mit der Datenlage passiert und ob sich WhatsApp tatsächlich als relevanter Kanal für Redaktionen durchsetzen wird, ist momentan nicht absehbar. Zumal an die beträchtlichen Nutzerzahlen und die hohe Interaktivität eben auch deutliche Schwierigkeiten und Ungewissheiten gekoppelt sind. In einem Punkt sind sich aber alle Diskussionsteilnehmer einig: Lieber aktuelle Trends beobachten und ausprobieren als abwarten und sich von anderen Medien abhängen lassen.