Fachtagung Medien 2015. Foto: Marita Reich

„Wearables sind nicht die Zukunft. Sie sind schon da!“

Seit dem 24. April 2015 ist die Apple Watch im Verkauf. Zumindest theoretisch. Viele Apple-Jünger müssen bis in die Sommermonate hinein warten, um das Objekt der Begierde ihr Eigen nennen zu können. Ist das taktisches Vorgehen oder Fehlplanung? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen, ist, dass Wearables nicht mehr groß im Kommen sind, sondern längst unter uns. Als Uhren, Brillen, In-Ear-Kopfhörer oder integrierte Sensoren in Kleidung. Was aber können die winzigen Computersysteme, die direkt am Körper getragen werden? Und wie wird unsere Zukunft mit ihnen aussehen?

Auf der Fachtagung Medien des MedienNetzwerks Bayern in Wildbad Kreuth diskutieren Christopher Bertele von der Online-Redaktion der Fachzeitschrift Telecom Handel, der Geschäftsleiter von Plan.Net Mobile Florian Gmeinwieser und Bjoern Eskofier, Juniorprofessor für Sportinformatik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg über Sinn und Nutzen von Wearables.

„Ein Gerät ist dumm, erst die Menschen dahinter hauchen Leben ein“

Bertele hat die Apple Watch bereits getestet. Sein augenzwinkerndes Fazit: „Sie funktioniert! Ich kann von ihr die Uhrzeit ablesen. Was nicht schlecht ist für eine Uhr.“ Zu darüber hinausgehenden Funktionen der Apple Watch ziehen die Diskussionsteilnehmer ein nüchternes Resümee: Die technische Revolution sei ausgeblieben. Und Bertele erklärt weiter: „Ohne ein iPhone ist die Apple Watch nutzlos.“ So, wie die meisten Wearables, findet auch Gmeinwieser. Ohne ein via Bluetooth gekoppeltes Smartphone funktioniere eigentlich kein Wearable wirklich gut, dafür seien sie zu klein. Der Fachmann für Mobile Marketing sieht das Zusammenspiel von Smart Watches und Smartphones als Grundvoraussetzung, um die Wearables optimal zu nutzen. Diese können eine Art Trigger für Smartphones sein: „Mit einer Smart Watch kann ich Dinge anteasern, den richtigen Konsum von Inhalten mache ich mit dem Smartphone.“

Die Apple Watch möchte bisherige Smart Watches wie die Samsung Galaxy Gear übertreffen. Ob das gelingt, ist fraglich.

Die Apple Watch möchte bisherige Smart Watches wie die Samsung Galaxy Gear übertreffen. Ob das gelingt, ist fraglich.

An dieser Schnittstelle werde sich laut Gmeinwieser auch die Spreu vom Weizen trennen, was die professionelle Nutzung von Wearables angeht. Gerade im Bereich Markenkommunikation erfordern Wearables „ein tieferes Verständnis der mobilen Nutzungssituation“, so der Geschäftsleiter von Plan.Net. „Ich finde es ganz gefährlich, Wearables nur plump mit Werbung zu überspielen. Das funktioniert nicht mehr.“ Um Kunden anzusprechen, müssen sich Unternehmen etwas Neues einfallen lassen und mit den Nutzern interagieren. Wie genau neue Möglichkeiten aussehen könnten, ist allerdings noch offen.

Schwachstelle Akkulaufzeit

Das momentan wohl größte Problem der Geräte ist die geringe Akkulaufzeit. Je mehr Sensoren ein Wearable hat, desto mehr Energie braucht es, und so hält der Akku der Apple Watch in der Regel nicht einmal einen Tag. Genaue Sensoren sind aber für die zuverlässige Datenerfassung von Wearables nötig. Gerade auch im Sportbereich ist dies wichtig, um dem Nutzer passende Rückmeldungen zum Puls, Kreislauf oder zur Ausdauer zur Verfügung zu stellen. Zukünftig sollen Wearables im Sportbereich möglichst autark funktionstüchtig sein, sagt Bjoern Eskofier. Damit kann man beispielsweise Echtzeitfeedback bei Sportbewegungen oder Fitness-Übungen durch haptische Reize oder Vibrationen geben. Voraussetzung für so ein Feedback ist die zuverlässige Erfassung von Bewegungen. Und dafür braucht man nun einmal leistungsstarke Sensoren.

Die Oculus Rift soll in Virtuelle Welten entführen - ist sie eines der zukunftsweisenden Geräte? CC BY-SA 2.0

Die Oculus Rift soll in Virtuelle Welten entführen – ist sie eines der zukunftsweisenden Geräte? Foto: CC BY-SA 2.0

Essentiell sei es auf jeden Fall, Innovation und frische Ideen im eigenen Land zu fördern, so Eskofier. Hier müsse sich in Deutschland einiges ändern. Die Geschwindigkeit, mit der andere Länder die Entwicklung von Wearables vorantreiben und fördern, könne schnell dazu führen, dass der deutschen Wirtschaft der Anschluss an den Markt verlorengeht.

Die Wichtigkeit von Wearables im Bereich Mobile Devices, darf nicht unterschätzt werden, denn: „Wearables sind nicht die Zukunft“, erklärt Eskofier, „sie sind schon da.“ Einzig, welches Wearable sich im Endeffekt durchsetzen wird, ist noch nicht klar. Sowohl eine Uhr könne es sein als auch etwas ganz Neues, etwas, das erst noch entwickelt werden muss, glaubt der Experte für Sportinformatik. Warum aber ist es so schwierig, Zukunftsprognosen festzulegen? Gmeinwieser weiß eine Antwort. Die Anforderungen an Wearables seien einfach unterschiedlich: „Ein Sportler braucht etwas anderes als ein News-Junkie oder ein Frischverliebter. Und gerade diese Mannigfaltigkeit ist doch das Schöne!“

Für Gmeinwieser liegt hier ein perfekter Anknüpfungspunkt für die Start Up-Szene: „Ein Gerät ist dumm, erst die Menschen dahinter hauchen Leben ein“, sagt er und ist sich sicher, dass Smart Watches und andere Wearables erst innerhalb der nächsten Jahre zeigen können, welches Potenzial in ihnen steckt. „Die Hersteller bieten dann das Kerngehäuse, und der Markt streicht es mit cleveren Ideen bunt.“