Nicht nur George Lucas oder Peter Jackson können VFX – Michael Coldewey im Interview

Seit März 2015 ist Michael Coldewey der erste Professor für Visual Effects (VFX) und Animation an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München. Er hat ein klares Ziel: „Ich möchte das Gebäude mit Farben, Formen und Filmen füllen, mit Charakteren, die so authentisch sind, dass du niemals auf die Idee kommst, sie seien nicht echt.“ Wie der Filmproduzent und Regisseur sein Animationsstudio Trixter und den Lehrauftrag unter einen Hut bringt, welche Herausforderungen er in der neuen Aufgabe sieht, und warum das Münchner Rathaus mit Schleim übergossen werden sollte, erzählt er im Interview.

Trixter-Gründer und Neu-Professor Michael Coldewey neben dem Kinoprojektor des Kinos, in dem er als Filmvorführer gearbeitet hat (Foto: privat)

Trixter-Gründer und Neu-Professor Michael Coldewey neben dem Kinoprojektor des Kinos, in dem er als Filmvorführer gearbeitet hat. Foto: privat

Herr Coldewey, haben Sie schon Pläne für das neue Semester?

Michael Coldewey: Ich habe einen Schlüssel, einen Computer und ein Büro. Und viele Ideen, aber noch keine konkreten Pläne. Ich muss mich erstmal in die Sache hineinfinden. Schließlich komme ich nicht aus der Lehre, sondern aus der Industrie. Das war die Intention der HFF – keinen Theoretiker ins Boot zu holen, der vielleicht super lehren kann, aber nicht weiß, was draußen los ist. Die VFX entwickeln sich so schnell, da passiert es leicht, dass man den Faden verliert. Ich will an der HFF Erfahrungen sammeln und lernen zu lehren. Der Zugang zur jüngsten und neuesten Generation von Geschichtenerzählern ist wichtig, um auf dem Laufenden zu bleiben.

 

Wie kam es überhaupt zu der Professur?

Coldewey: An der HFF gibt es einen Bereich für digitale Postproduktion, und mit Christoffer Kempel auch jemanden, der sich um die VFX kümmert. Es ist also nicht so, dass noch gar nichts im Bereich Animation da ist. Aber das ist der technische Bereich. Warum kommt jetzt also jemand wie ich ins Spiel? Ich sehe mich eher in der kreativen Ecke. Wir wollen einen Weg suchen, wie die Bereiche VFX und Animation für die Zukunft ausgebaut werden können, bis eventuell ein eigener Lehrstuhl dafür eingerichtet wird. Das wäre mein Ziel. Aber man darf das nicht mit der Brechstange herbeiführen, man muss das organisch wachsen lassen. Ich möchte zuerst verstehen, was die Studenten mit ihren Projekten eigentlich wollen. Daran kann ich anknüpfen und zeigen, welche Möglichkeiten die VFX bieten. Ich will auf jeden Fall einen Fokus auf die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen setzen, an denen VFX gelehrt wird, mit Nürnberg, Ludwigsburg und Babelsberg zum Beispiel. Aber auch Verknüpfungen zur Musikhochschule oder zur TU möchte ich ausbauen. Filme sind schließlich Gesamtkunstwerke.

 „Digital ist oft gleichgesetzt mit Teufelswerk“ – Warum ein Bild mehr sagt als tausend Worte

 

Welche Themen sehen Sie im Vorlesungsverzeichnis?

Sie haben es bereits geschafft: Die Animationsabteilung bei Trixter. Links: Character Animator Matthias Reiche, rechts: Animatiosregisseurin und Gesellschafterin von Trixter, Simone Kraus. (© Trixter)

Sie haben es bereits geschafft: Die Animationsabteilung bei Trixter. Links: Character Animator Matthias Reiche, rechts: Animatiosregisseurin und Gesellschafterin von Trixter, Simone Kraus. Foto: Trixter

Coldewey: Für den Lehrplan bieten VFX viele Facetten, auch in Bezug auf die an der HFF bereits vorhandenen Richtungen: Produzenten, Regisseure und auch Drehbuchschreiber müssen wissen: Was heißt das, wenn ein Drehbuch mit Visual Effects arbeitet, und wie gehe ich damit um? Ein anderer Zweig ist Storyboard und Concept Art. Das ist mein persönliches Steckenpferd, aus diesem Bereich komme ich als Zeichner ja. Konkret bedeutet das: Ich habe als Produzent ein Drehbuch und brauche eine Finanzierung. Dazu muss ich mit Leuten reden, die keine Zeit haben, mein Drehbuch zu lesen, sich aber vorstellen sollen, wie das Ganze aussehen wird. Wenn es im Drehbuch heißt „ein Alien rennt durch die Straße“ brauche ich irgendeine Art von visueller Umsetzung für das Alien um potentielle Förderer zu überzeugen. Menschen funktionieren immer visueller, deshalb sind Bilder so wichtig. Teilweise gibt es Projekte, bei denen gar nicht so offensichtlich ist, dass ich auch mit VFX arbeiten kann. Die Concept Art hilft aber, das Projekt gut zu verkaufen. Wenn zum Beispiel das Münchner Rathaus im Drehbuch explodiert – das kann man zwar erzählen, aber die Wucht, die ein Foto oder ein Bild hat, ist eine völlig andere Nummer.

 

Wo könnten Herausforderungen in der neuen Aufgabe liegen?

Die Animationen zu "Avengers" waren einer der großen Coups von Trixter (© Trixter)

Die Animationen zu „Avengers“ waren einer der großen
Coups von Trixter. Foto: Trixter

Coldewey: Die größte Herausforderung ist zunächst, Vorurteile aus dem Weg zu räumen und Ängste abzubauen gegenüber dieser komischen digitalen Nachbearbeitungswelt. Da kursieren die unglaublichsten Vorstellungen. „Um Gottes Willen, digitale Welt, das ist alles wahnsinnig schwer und teuer, das können nur George Lucas oder Peter Jackson.“ Digital ist oft gleichgesetzt mit Teufelswerk. Aber Visual Effects haben nichts mit Genre zu tun, oder mit Budget. Ich muss etwas herstellen, das ich nicht real filmen kann – weil es keine Aliens gibt, oder weil ich nicht die Kohle habe, das Münchner Rathaus zu sprengen. Sogar bei Dokumentarfilmen finde ich sehr viele Themen, bei denen man mit VFX tolle Sachen machen kann: Dinge veranschaulichen, Prozesse zeigen, ganz simple Didaktik. Im medizinischen Bereich etwa: Wenn ich Alzheimer verdeutlichen will, kann ich die Darstellung eines Gehirns zu Hilfe nehmen und direkt hineinfahren. Und schon sind wir im Bereich Visual Effects.

 

Sie selbst haben sich früh für Animation entschieden. Warum?

Coldewey: Ich habe mein Leben lang gezeichnet. Dann war ich Filmvorführer im Kino und habe mir überlegt, ob ich an die Filmhochschule gehe, aber da war mir in den Achzigern zu wenig Zeichnen dabei. Ich habe mich für Graphik-Design entschieden und hatte das Glück, während des Studiums einen Professor zu haben, der mich mit Zeichentrickfilm in Berührung brachte. Ich glaube, ich bin ja der allerletzte, der noch ohne Computer studiert hat. An der Fachhochschule Augsburg gab es nur einen, der stand in der Personalabteilung. Nach mir kam die erste Computer-Generation. Nach dem Studium habe ich in einem Zeichentrickstudio angefangen, und wenn man das mal anfängt und eine Leidenschaft dafür hat, wird man das nicht mehr los. Ganz schlimm. Computer haben mich damals nicht interessiert, das hatte nichts Haptisches für mich. Ich habe mit Papier und Bleistift gearbeitet.

Das Trixter-Team bei der Arbeit. Im Vordergrund: Zeitzeugen von Michael Coldeweys Laufbahn. (© Trixter)

Das Trixter-Team bei der Arbeit. Im Vordergrund: Zeitzeugen von Michael Coldeweys Laufbahn. Foto: Trixter

„Scheiße, das Ding muss ich haben!“ – Ein Computer verändert Leben

 

Das ist jetzt ja ein bisschen anders. Woher kam der Sinneswandel?

Coldewey: Das sind so Geschichten, die das Leben schreibt. Ich habe als Storyboard-Artist bei einem sehr guten Animator gearbeitet. Ein Freund von ihm hat mit Computern gespielt. Der Freund kam einmal von einer Messe und meinte: „Hey, mach doch Animation, ich hab ein Computersystem entdeckt, mit dem kann man animieren.“ Ich habe gesagt: „Mag sein, sieht aber doch scheiße aus und geht gar nicht.“ Dann hat er mich zu dem Verkäufer geschleppt, und dieser Typ hat mir sechs Stunden lang gezeigt, wie das mit dem Computer geht. Das war 1992. Man muss sich vorstellen: Ich war von Computern damals so weit weg, dass ich dachte: „Das ist ja sagenhaft, wenn man auf dem Bildschirm auf einen Knopf drückt, machen die sogar den Sound von dem Knopf nach“ – bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es die Maus ist, die das Geräusch macht. Danach war ich natürlich verloren und dachte: „Scheiße, das Ding muss ich haben!“

 

Vom Kinderfilm bis zur Marvel-Verfilmung – Trixter bedient ein breites Genre-Spektrum. Sehen Sie trotzdem ein Kernthema für Ihre Animationen?

The Iron Man Hall of Armor at Innoventions in Disneyland. (CC BY 2.0, HarshLight - Flickr: Iron Man Tech)

The Iron Man Hall of Armor at Innoventions in Disneyland. (CC BY 2.0, HarshLight – Flickr: Iron Man Tech)

Coldewey: Ja, ganz klar: Mein Kernthema ist der Trickster. Deswegen heißt die Firma auch so, nur kürzer mit “x” in der Mitte. Ein Trickster ist ein Charakter, ein Gaukler, den es im Schauspiel schon immer gegeben hat. Der hat zwei Seiten, eine gute und eine böse. Ein klassischer Trickster im Film ist zum Beispiel Roger Rabbit. Und genau so etwas erschaffen wir: Charaktere, die so authentisch sind, dass du niemals auf die Idee kommst, sie seien nicht echt. Der Iron Man war da ein Lieblingsprojekt von mir. Eigentlich weiß man, dass in diesen Anzug niemals ein Mensch reinpasst. Robert Downey Jr würde zerquetscht werden. Aber die Zuschauer würden niemals auf die Idee kommen, das zu hinterfragen. Und das ist das Fasziniernde an einer guten Animation.

 

Eine halbe Lehrstelle und die Leitung von Trixter – lässt sich das denn vereinbaren?

Coldewey: Das hängt immer davon ab, wie man Aufgaben verteilen und delegieren kann. Ein Mensch existiert 24 Stunden 7 Tage die Woche. Wenn ich in der Zeit andere Leute für Projekte gewinnen kann, ist es am Ende des Tages nicht so, dass ich alles allein mache. Ich sehe mich in meiner Professur als jemand, der anstößt und Leute voranbringt. Das ist genauso wie ein Haus zu bauen. Naürlich könnte ich lernen, wie man eine Grube aushebt oder Ziegel schichtet, klar. Aber das dauert dann Jahre und wahrscheinlich fällt das Haus am Ende zusammen. Ich hole mir Architekten, Bauunternehmer, Maurer – und so ist das auch bei der VFX-Professur. Es gibt Spezialisten, die bestimmte Bereiche supergut können, die will ich an die HFF holen, und die bequatsche ich so lang, bis sie kommen.

 

Möchten Sie einen Appell zum Semesterstart geben?

Coldewey: Seid aufgeschlossen, seid interessiert und lasst euch nicht leiten von den Meinungen anderer. Das sagen zwar alle, aber das ist sehr wichtig. Und noch eine Sache, der sich jeder bewusst sein sollte: An der Uni hat man die Möglichkeit, sich auszuprobieren und Wege zu gehen, die man später wahrscheinlich niemals wieder gehen kann. Dann hängt alles ab von Finanzierungen, Aufträgen und dem Markt. Aber während des Studiums kann ich alles machen! Ich kann das Münchner Rathaus digital mit grünem Schleim übergießen, wenn ich will! Diese Chance sollte jeder packen.

 

Die Website von Trixter

Die Website der HFF München