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Wie sich die Tegernseer Stimme als Gegenöffentlichkeit etabliert

Es hämmert, es fiept, es rumpelt. Draußen klopfen sich Handwerker gerade durch die Wände. Sie bohren, sägen, kehren: neue Zimmer für neue Mieter. Drinnen röchelt der Heizlüfter. Über all dem Lärm schweben vier junge Stimmen: knackige Sätze, verworfene Überschriften, erteilte Aufträge. Während in den Tegernseer Bergen vor dem Fenster langsam der Nebel verzieht, brummen bei der Themenkonferenz die Köpfe.

Redaktion der Tegernseer Stimme

Gemütlich wirken die Redaktionsräume der Tegernseer Stimme. Foto: Florian Meyer-Hawranek

Was sich nach einem frisch gegründeten Start-up anhört, ist in Wirklichkeit ein erfolgreiches, bayerisches Webprojekt: die Tegernseer Stimme. 2010 gründeten Peter Posztos und Steffen Greschner das Nachrichtenportal für das Tegernseer Tal. Seitdem klicken sich immer mehr Leser auf ihre Seite. Die „Stimme“ ist eine Erfolgsgeschichte, erbaut auf dem Bodenständigsten, das der Journalismus zu bieten hat: dem Lokalen.

Ein gut laufendes Lokalblog, schrieben die Medienseiten der überregionalen Presse schon vor Jahren. „Ich bezeichne die Tegernseer Stimme lieber als Online-Lokalzeitung“, sagt Mitgründer Peter Posztos heute. Ein Blog? Das klingt viel zu klein. Die Tegernseer Stimme hat täglich zwischen 4000 und 6000 Leser. Nicht viel – verglichen mit den großen Medienmarken. Bezogen auf die Leserschaft vor Ort ist es aber ein Riesenschnitt: Etwa 25.000 Menschen im Tegernseer Tal zählt Posztos zu seiner Zielgruppe.

Feste Redaktion mit 13 Journalisten

Und um die kümmert sich mittlerweile eine feste Redaktion: 13 Journalisten arbeiten für die Tegernseer Stimme – wenn auch nicht Vollzeit. Mittlerweile hat die Redaktion sogar einen eigenen Volontär, den sich die „Stimme“ mit den Prenzlauerberg-Nachrichten teilt – ebenfalls lokale Netzzeitungen, die sich in ihrer Region erfolgreich behaupten.

Der Ort, an dem die Netzzeitung entsteht, liegt seit zwei Jahren im vom See abgewandten Teil der Stadt Tegernsee, hinten im Dorf, wo die Touristen, die die Strandpromenade auf und ab spazieren, sich nur selten hin verirren. Und selbst dann würde sie das Büro der „Stimme“ wohl nicht finden. Die Redaktion sitzt im Gebäude eines ehemaligen Supermarkts. Der Umbau am Haus ist noch nicht abgeschlossen. Und auch die Tegernseer Stimme ist noch nicht vollständig anwesend. Zumindest sieht es drinnen danach aus: Umzugskisten stapeln sich in den Ecken, Bohrlöcher klaffen in der Wand. Und auch draußen fehlt noch das Türschild.

Redaktion der Tegernseer Stimme

Die Online-Stimme für das Tegernseer Tal. Foto: Florian Meyer-Hawranek

„Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn man die Tegernseer Stimme nicht sofort findet“, scherzt ein Redakteur. „Wenn sich mal wieder jemand über einen Artikel aufregt und seine Meinung loswerden will, findet er uns nicht sofort.“ So ist das im Lokaljournalismus: Man kennt sich eben. Aber neben Kritik ist über die Jahre sowieso viel mehr Lob über die Macher der „Stimme“ gekommen. Und daran arbeiten sie weiter.

„Gut, dass die Konkurrenz gestern keinen Reporter im Bauausschuss hatte“, freut sich Robin Schenkewitz. Drei Tage die Woche studiert er Politikwissenschaft, an den anderen Tagen ist er Redakteur bei der „Stimme“. Heute leitet er die Redaktionssitzung. Die ist trotz Fokussierung aufs Netz ganz klassisch: Themen festklopfen, Reporter losschicken, Zugänge zuspitzen und besonders wichtig: Den Aufmacher des Tages festlegen. Dazu sollen pro Tag etwa fünf neue Artikel kommen. Drei Journalisten sitzen um einen großen Holztisch, alle mit Laptop, Smartphone, Kopfhörern. Mit dabei in Jeans und Kapuzenpulli ist Gründer Peter Posztos. Es herrscht Wohnzimmeratmosphäre.

„Was hat die Süddeutsche geschrieben?“

„Hat der Merkur die Geschichte gehabt? Was hat die Süddeutsche geschrieben?“ Robin Schenkewitz trägt zusammen, was die Leser Neues erfahren könnten, welche Geschichten sofort auf die Seite müssen und wo sich die Reporter Zeit lassen können. „Gut, dass wir den Artikel über den neuen Webauftritt der die Alpenregion Tegernsee Schliersee gestern Abend noch auf die Seite genommen haben“, sagt er. Die anderen waren langsamer.

Fünf Themen für die nächste Woche kommen allein aus dem Bauausschuss: das neue Parkraumkonzept, der erste Schultag an der Realschule, die Toiletten am Kreuther Waldfest – davon lebt die lokale Netzzeitung. Engagierter Lokaljournalismus eben.

„Menschen interessiert, was in ihrem unmittelbaren Umfeld passiert“, sagt Peter Posztos. Als er vor sechs Jahren ins Tegernseer Tal zog, fühlte er sich von der lokalen Tageszeitung nicht ausreichend informiert. Die Monopolstellung habe die Blätter auf dem Land behäbig gemacht. „Ich konnte nicht glauben, dass alles hier nur heile Welt ist.“ Also gründete er eine eigene Nachrichtenseite und  ging selbst auf Gemeinderatssitzungen und Polizei-Pressekonferenzen. „Uns ging es damals darum, ein Angebot für junge Leute im Tal zu schaffen“, sagt Posztos: „Etwas, das wir selbst gerne gelesen hätten.“

Startups im Netz aufgebaut

Vor seiner Zeit im Tegernseer Tal baute Posztos Start-ups im Netz auf: die Schnäppchenseiten mydealz.de und guut.de – journalistisch gearbeitet hatte er nicht. Doch seitdem hat sich viel getan: „Wir sind heute nicht mehr die Underdogs“, stellt Posztos nüchtern aber mit stolzem Selbstbewusstsein fest. „Die Themen im Tal setzen mittlerweile wir.“ Und das lohnt sich. 10.000 Euro Umsatz soll die Seite mindestens abwerfen, berichteten die Medien bereits vor Jahren.

Mehr Mitarbeiter, mehr Leser: Mittlerweile dürften die Einnahmen noch höher liegen. Genaue Angaben will Posztos nicht machen. Das Anzeigengeschäft mit Firmen und Gasthäusern aus dem Tal läuft gut, mittlerweile schalten auch die Parteien Anzeigen auf der Seite. Die „Stimme“ findet Gehör: Draußen, in den Gemeinden rund um den Tegernsee, wird wahrgenommen, was Posztos und sein Team schreiben. „Ein Segen, dass es die Stimme gibt“, sagt eine Verkäuferin im Tal. Mehrmals täglich schaue sie auf die Seite. „Gerade für jüngere Leute hat es vorher kein Portal im Tal gegeben“, sagt eine junge Tegernseerin. Bei der „Stimme“ sei immer etwas Spannendes dabei.

Tegernseer Stimme als Gegenöffentlichkeit

„So besonders ist das gar nicht, dass eine Lokalzeitung im Netz hier funktioniert“, sagt Posztos. Die Leute wollen eine Gegenöffentlichkeit – und zwar nicht nur im Tegernseer Tal. Auf dem Land gebe es viele Monopolsituationen auf dem Zeitungsmarkt. „Und die sind nie gut“. Potenzial für so etwas wie eine Tegernseer Stimme liegt eigentlich überall in Deutschland. Da ist sich Peter Posztos sicher.

 

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