Suche
Menü
Branchen
Katrin Baumer

„Etwas mehr sexy dürfte es schon sein“ – Medizinische Probleme spielerisch aufbereiten

Games und Medizin – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Am 23. Februar 2015 fand der Workshop „Healthcare meets Games & IT“ in der Medizinischen Fakultät Erlangen statt. Das Besondere an dieser Begegnung? Es ist die erste ihrer Art. Im Rahmen des Medical Valley Summit 2015 treten Experten aus der Medizin und der Games-Branche in einen Dialog.

Christopher Kassulke über Beyond Media Foto: Katrin Baumer

Christopher Kassulke über Beyond Media. Foto: Katrin Baumer

Bereits zu Beginn der Veranstaltung betont Moderator Christoph Minnameier aus dem Fachbereich Gamedesign der Mediadesign Hochschule, dass der Workshop konkrete Projekte ins Zentrum stellen will. Als erste Impulse stellt er die 3D-Brille Oculus Rift und Google Glass vor und zeigt, wie vielfältig beide Brillen in der Medizin eingesetzt werden können. So habe ein operierender Arzt die Möglichkeit, mit Google Glass die Operation live zu streamen oder den Blickwinkel eines anderen Arztes einzunehmen. Oculus Rift ließe sich unter anderem zur Therapie von amputierten Gliedmaßen einsetzen.

In einem zweiten Vortrag setzt Christopher Kassulke, CEO von HandyGames einen Schwerpunkt auf Smart Watches, Fitnessarmbänder und Spielekonsolen. Gerade Entertainment-Systeme oder Fitness-Apps können dem Benutzer unterschwellig vermitteln: „Du, beweg dich mehr.“ Eine Uhr mit entsprechenden Apps, könnte in der Medizin ein Mittel zur Prävention von Krankheiten werden, die aufgrund von Bewegungsmangel ausgelöst werden.

Wunsch nach mehr Attraktivität und Sexyness bei der Lösung von Problemen – können Gamesentwickler helfen?

Die Themen von Ralf König sind Medikation und Therapie. Er ist einer von fünf Referenten aus dem medizinischen Bereich. In knappen Impulsvorträgen stellen sie Probleme aus ihren Fachgebieten vor. Ralf Königs Problem ist ein sehr konkretes: Wie können Patienten daran erinnert werden, ihre Medikamente zu nehmen? Der Patient, so der Besitzer der Königs Apotheke, sei nämlich „die große Unbekannte“. Kein Arzt könne überprüfen, welche und wie viele verschiedene Medikamente Patienten wie oft einnehmen. Beziehungsweise ob.

Games und Medikation Foto: Katrin Baumer

Games und Medikation Foto: Katrin Baumer

Ein spielerischer Ansatz sei hier beispielsweise eine Erinnerungs-Sms – dieser fehle allerdings die nötige Sexyness. Mehr Attraktivität wünscht sich auch Heiko Durst. Der Facharzt für Orthopädie beschäftigt sich mit einem anderen konkreten Problem: Plattfüße. Dieser verbreiteten Fußfehlstellung gerade bei Kindern könne durch ansprechende Spiele oder Apps entgegengewirkt werden. Und auch Matthias Lochmann vom Institut für Sportwissenschaft und Sport erhofft sich von den Gamesentwicklern Ideen, die sein Themenfeld attraktiver machen. Schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung sind für den menschlichen Körper wenig gesundheitsförderlich. Im Schnitt müsse ein Mensch sich wöchentlich 150 Minuten mit mittlerer Intensität bewegen um seinen Körper gesund zu halten. Fitness- oder Ernährungs-Games, so Lochmann, könnten Bewegungs- und Ernährungsverhalten sicherlich stimulieren.

Offener formuliert Peter Reil die Problematik, mit der er zu kämpfen hat. Der Leiter des Roncalli Stift Erlangen beklagt vor allem den Fachkräftemangel im Pflegebereich. Immer mehr Pflegekräfte haben einen Migrationshintergrund, viele kämpfen mit großen Kommunikationsschwierigkeiten. Von den Gamesentwicklern wünscht sich Reil Impulse, die diesen Schwierigkeiten entgegentreten.

Matthias Lochmann über Prävention und Gesundheitsförderung Foto: Katrin Baumer

Matthias Lochmann über Prävention und Gesundheitsförderung. Foto: Katrin Baumer

Für den Geschäftsführer der EvoCare GmbH Achim Hein bewegt sich die Kombination von Gaming und Medizin in zwei Richtungen: „Games enforce Healthcare“, also ein bewusster Einsatz von Games innerhalb der Therapie und „Healthcare enforces Games“, worunter Lifestyle-Produkte wie Gesundheits-Apps fallen. Hein sucht Ideen für therapeutische Anwendungsfelder wie Sprach- oder Bewegungstherapie, bei denen spielerische Ansätze verwirklicht werden können.

„Baggerfahren finden ja schon Kinder toll!“ – die Worldcafés

Heiko Durst diskutiert im Worldcafé Foto: Katrin Baumer

Heiko Durst diskutiert im Worldcafé. Foto: Katrin Baumer

An die Impulsvorträge knüpfen fünf Worldcafés an. Jeweils zwanzig Minuten lang haben die Workshop-Teilnehmer Zeit, gemeinsam mit den Vertretern aus dem Gesundheitswesen die Themen der Impulsvorträge aufzugreifen, Erfahrungen auszutauschen und Ideen zu sammeln. Anschließend wechseln sie zu einem anderen Worldcafé. Insgesamt kann jeder Teilnehmer zweimal rotieren.

Achim Hein hat in seinem Worldcafé ein Ziel: Er möchte zusammen mit den Gamern ein gemeinsames Geschäftsmodell entwickeln. Die grundsätzliche Fragestellung: Welche Inhalte können wir entwickeln, die auch für Krankenkassen interessant sind?

Arno Blickling von CONWORLD.BIZ weiß eine Antwort. Für eine Klinik hat er eine Baumaschinensimulation entwickelt, mit der man Baggerfahren kann. Klingt zunächst vielleicht irritierend, macht aber viel Sinn in der Bewegungstherapie. Durch die Vorstellung, einen Bagger zu fahren, wird die eintönige Handbewegung aufgepeppt, die die Patienten ausüben müssen. Das spielerische Moment kann außerdem die Zielsetzung der Therapie beflügeln, denn „Baggerfahren finden ja schon Kinder toll“, sagt Blickling.

Achim Hein beim Worldcafé Foto: Katrin Baumer

Achim Hein beim Worldcafé. Foto: Katrin Baumer

Den Spieltrieb, so Roland Weiniger vom PIAGET Institute for Human Game Machine Interaction HGMI, haben nicht nur Kinder. „Das Konkurrenzempfinden, sich mit anderen messen und besser sein zu wollen als die anderen, dieser Gedanke geht selbst bei Demenzpatienten nicht weg.“

Das Problem ist nur: Wer trägt die Kosten? Geht es um Gesundheit, wird in Deutschland gerne gefragt: Zahlt das die Kasse? Das weiß auch Ralf König. Und darin sieht er eine Riesenchance für die Zusammenarbeit der Gaming- und Medizinbranche. „Ich glaube nicht, dass ihr alleine auf dem Gesundheitsmarkt überleben würdet“, erkärt der Apotheker den Gamesentwicklern, „zum Beispiel mit Krankenkassen zu verhandeln ist kein Spaß, da muss man sich sehr gut auskennen, da würdet ihr sterben!“ Wenn nun aber die Medizin- und Gamesbranche zusammenarbeiten, können sich beide Bereiche unterstützen: Wissen die Mediziner, vor welchen Problemen sie stehen und welche Möglichkeiten zur Finanzierung es gäbe, liefern die Gamesentwickler die technischen Lösungen.

Von Couchpotatoes und Pictogrammen – die Ergebnisse

Den Beteiligten fällt es schwer, die Worldcafés zu verlassen. „Zum Beschnuppern hat’s gereicht“, sagt Michel Wacker von Gentle Troll Entertainment, „und ich habe einige Impulse bekommen.“ Doch die Auftaktveranstaltung einer auf längere Zeit angelegte Zusammenarbeit zwischen Gamesentwicklern und Medizinern zeigt, dass es noch viel Diskussionsbedarf gibt. Aber auch erste Ergebnisse. So freut sich Peter Reil über ein gelungenes Brainstorming: „Wir haben unter anderem über eine App gesprochen, die mit Piktogrammen die Zustände der Patienten erfasst. So können wir auch Pflegekräften ohne ausreichende Deutschkenntnisse gerecht werden.“ Gerade im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung wird deutlich, dass noch einiges an Vorarbeit zu leisten ist. Man müsse die verschiedenen Spielertypen kennen- und verstehen lernen, so Matthias Lochmann. Um eine Couchpotato zu motivieren, müsse man herausfinden, wie man sie richtig abholen kann.

Die Ergebnispräsentation Foto: Katrin Baumer

Die Ergebnispräsentation Foto: Katrin Baumer

Genau deshalb, so Markus Kaiser vom MedienNetzwerk Bayern, sei diese Veranstaltung mit Sicherheit nicht die letzte gewesen, vielmehr ein Startschuss um Projekte weiter mit anzuschieben. Gemeinsam mit dem Medical Valley , BICCnet und Games Bavaria plant das MedienNetzwerk Bayern bereits Folgetermine und Plattformen für den gegenseitigen Austausch und zur Weiterentwicklung der gewonnenen Ideen. Das Resümee zur Auftaktveranstaltung: „Ich find’s gut, dass da mal zwei Welten aufeinanderstoßen, die man vielleicht nicht unbedingt gemeinsam denkt“, erklärt Jennifer Stühle begeistert. Sie ist Gamerin und schreibt für die Fachzeitschrift GamesMarkt. Mit ihrem Fazit ist sie nicht allein.

 

Stimmen der Teilnehmer:

Richard Joerges, Mitbegründer von Dexperio:

2015_02_healthcare-meets-games

Richard Joerges Foto: Katrin Baumer

„Wir beschäftigen uns mit Virtual und Augmented Reality und mit Internet of Things, deswegen sind wir ziemlich richtig hier. Ich fand es wirklich spannend und glaube, dass für viele der Probleme hier Lösungen bereits da sind oder gefunden werden können. Grundsätzlich denke ich, dass die Themen Gamification und Gesundheit ganz groß sind und dass Gamification dem Gesundheitswesen helfen kann. Ich finde auch das Format mit den fünf Speed Dating Workshops sehr interessant und bin schon gespannt, was dabei herauskommt. Ich persönlich war beim Präventions-Workshop, bei Orthopädie und Medikation. Es wird Zeit, dass sich Fachleute aus verschiedenen Richtungen zusammensetzen und diskutieren.“

 

Michel Wacker, Gentle Troll Entertainment:

2015_02_healthcare-meets-games

Michel Wacker Foto: Katrin Baumer

„Ich konnte mir nicht richtig vorstellen, was mich auf dem Workshop erwartet. Es gab interessante Impulse. Wenn es darum geht, etwas zu trainieren, kann man natürlich mit Belohnungsansätzen aus der Games-Branche arbeiten. Wie sich das zum Beispiel im Pflege-Bereich umsetzen lässt, ist mir noch nicht klar. Ich fand die Workshops zur Bewegungsmotivation und zur Orthopädie spannend, da kann ich mir vorstellen, Ideen zu entwickeln.“

Entschuldigung!

Der das Formular zum Medienkalender steht derzeit leider nicht für Mobilgeräte zur Verfügung. Wir entschuldigen uns für die daraus entstandenen Unannehmlichkeiten.