Ein bisschen Hollywood in Franken – Die Ohmrolle Nürnberg

Wie aus studentischen Arbeiten ein Kinospektakel wurde

Ein Mädchen, das an einer Glasscheibe lehnt. Pokerkarten auf einem Tisch. Ein Teller, in dem sich das Licht bricht wie in einem Prisma: Noch sind es Skizzen, schwarz auf weiß, Storyboards genannt, die auf der Leinwand in dem kleinen Kinoraum zu sehen sind. Doch in einigen Monaten schon werden sie voller Leben sein, bunt und bewegt, Musik wird dazu spielen. Ein echter Film eben. Er wird ein Teil der „Ohmrolle“ sein – jenem in Nürnberg mittlerweile legendären Kinospektakel, das zeigt, was die Studenten der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm in einigen Semestern gelernt haben.

Die 29. Ohmrolle findet diesen Herbst statt. Nächstes Jahr ist Jubiläum. Foto: TH Nürnberg.

Die 29. Ohmrolle findet diesen Herbst statt. Nächstes Jahr ist Jubiläum. Foto: TH Nürnberg.

Im Herbst 2014 heißt es für die „Ohmrolle“ bereits: Klappe – die 28. Die Karten dafür sind – wie immer – lange im Vorfeld ausverkauft. Die Arbeit für die „Ohmrolle“ im nächsten Jahr hat schon vor der Aufführung der 28. begonnen.
Jeder der hier gezeigten Filme von unterschiedlicher Länge erzählt eine Geschichte, einen Plot. Er erzählt aber noch mehr: von viel Arbeit, Ideenreichtum und Improvisationstalent der Studenten, von Bettelbriefen an Sponsoren und von viel Herzblut, das in jedes einzelne der Projekte geflossen ist. Und er erzählt von einer exakten, minutiösen Vorbereitung.

Dafür sorgt Jürgen Schopper. Der 46-Jährige Professor für Film & Animation und Initiator der „Ohmrolle“ weiß genau, wovon er spricht. Seit 14 Jahren lehrt er hier. Er selbst hat sein Rüstzeug bereits an der Nürnberger Hochschule erworben, zumindest die Grundlagen dafür. Wie eine große Filmproduktion aber wirklich funktioniert, hat er im Zentrum der Professionalität und des großen Kinos gelernt: in Hollywood.

Von Hollywood bis Nürnberg Jürgen Schopper ist der Initator der Ohmrolle und Professor für Film & Animation und international unterwegs.

Von Hollywood bis Nürnberg Jürgen Schopper ist der Initator der Ohmrolle und Professor für Film & Animation und international unterwegs. Foto: TH Nürnberg.

Dorthin verschlug es ihn, als er und zwei seiner Mitkommilitonen für ihren Abschlussfilm in Los Angeles mit dem Preis „Best Animation Student“ ausgezeichnet wurden. Ihr Werk enthielt eine Art von Special Effects, die damals auf dem Markt noch neu waren. Zwei Produzentinnen vom 20. Century-Fox-Studio wurden auf das Trio aufmerksam, lud die deutschen Absolventen ein, ihren Aufenthalt in L.A. zu verlängern, um ein paar Animationen darzubieten – eine Rakete, die durch den Himmel schoss. Sie überzeugten.

Die Deutschen selbst nahmen das Abenteuer nicht allzu ernst, flogen wieder zurück. „Einen Monat später klingelte das Telefon und dran war tatsächlich Hollywood“, sagt Schopper. Er erzählt die Geschichte eher nebenbei. Die amerikanische Filmindustrie war eine gute Lehrschule. Das Team dort kümmerte sich um alles – um Visa, Flüge, Wohnung für die drei Ohm-Absolventen. Sie mussten sich nur auf ihre Arbeit konzentrieren. Gemeinsam mit sechs weiteren Kollegen ließen sie Raumschiffe abheben und Kampfjets durch die Luft schießen. Der Film „Independence Day“ erhielt 1996 den Oscar für die besten visuellen Effekte.

Ein Teil des Oscars gehört quasi Schopper. Rechnet man all die dienstbaren Geister ein, die dem Team den Rücken freihielten, wird das Stück an der goldenen Statue ein Stück kleiner. Denn was Schopper vor allem auch aus Hollywood mit nach Deutschland zurückbrachte, war die Bedeutung von Teamwork. Auch das ist ein Teil des Studiums, mindestens eine Produktion als größeres Team umzusetzen. „Das ist wichtig“, sagt Schopper, „das Wissen darum, dass ein guter Film meist nur so entstehen kann.“ Und es gibt den Studenten die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu testen und ihre Kompetenz zu finden – ob als Regisseur, als Cutter oder Produzent, weil die Stärke vielleicht doch vor allem im Organisieren liegt.

"wHole" ist ein Animationsfilm aus dem 6. Semester, der dieses Jahr gezeigt wird.

„wHole“ ist ein Animationsfilm aus dem 6. Semester, der dieses Jahr gezeigt wird. Foto: TH Nürnberg.

Das Studienfach als eines von insgesamt neun im Bereich Design folgt dabei selbst einer gewissen Dramaturgie. Zu Beginn stellen sich die Professoren und ihr Gebiet vor. Dazu gehören auch Illustration, Raum- und Eventdesign oder Typografie. Nachdem alle Studenten ein Semester lang alle Fächer belegt haben, entscheiden sie sich für drei davon. Zwischen 45 bis 55 Studenten bestehen jedes Semester die ausdauernden Aufnahmetests und ergattern einen der heiß begehrten Plätze „an der Ohm“. Jürgen Schopper führt seine „Crew“ dann durch verschiedene Stadien. „Gleich im ersten Semester beginnen wir mit der kleinsten filmischen Erzähleinheit – einem Werbespot.“ Auch hier heißt es erst einmal: Drehbuchschreiben, Storyboard entwickeln, jeder Sequenz eine Länge zuordnen, ein Musik-Layout entwerfen. „Erst, wenn alles stimmt, dürfen die Studenten eine Kamera in die Hand nehmen“, sagt ihr Professor.
Wenn die Figuren und damit der Film am Computer entstehen, ist der Ablauf kein anderer. Es ist aufwendig, einer gezeichneten Figur in der virtuellen Welt Leben einzuhauchen. Mit dem Bereich „Animation“ setzt Nürnberg einen Schwerpunkt wie keine zweite Hochschule im Freistaat. Um technisch auf dem neuesten Stand zu sein, bedarf es einigen Equipments. Allerdings steht dem Lehrstuhl nur ein kleines Budget zur Verfügung – 6000 Euro pro Jahr, die für Rechner, Scheinwerfer oder Objektive aufgewendet werden müssen. Für große Anschaffungen müssen „Großgeräteanträge“ gestellt werden. So entstand schließlich – nach langer Vorbereitung – der kleine Kinoraum. Eine Arbeitsplattform für digitale Farbgestaltung schwebt Schopper für den Raum noch vor und ein großes Mischpult. Denn die technische Entwicklung hat rasant an Tempo gewonnen. Sprach man bei den Aufnahmeformaten eben noch von 2K, sind es jetzt schon 4K.

Still aus dem Film Lure, hier wagten sich die Studenten an einen Stop-Motion Film.

Still aus dem Film Lure, hier wagten sich die Studenten an einen Stop-Motion Film.
Foto: TH Nürnberg.

Einen Teil der Ausrüstung verdankt die Hochschule dem guten Netzwek Schoppers, wie eine digitale Kamera von der Firma Arri Film & TV, wo Schopper jahrelang erst als Visual Effects Supervisor und schließlich als Creative Director VFX tätig war. Von den Kontakten in die Privatwirtschaft profitieren heute auch die Studenten, etwa wenn sie ihr Praxissemester absolvieren. Praktikas und – nach Studienabschluss – auch Jobs gibt es in verschiedenen Bereichen. „Allein im Bereich Animationsfilm gibt es über 1000 Berufe“, sagt der Professor. Nicht jedem gelingt der Sprung von Nürnberg nach Australien, um dort Heerscharen von Hobbits und Drachen zu animieren. Oder große Kinofilme zu schneiden. Einigen aber schon.

Drei Nächte drehten die Studenten für das Musikvideo "Stones" der Band Hundreds.

Für das Musikvideo „Stones“ der Band Hundreds organisierten die Studenten sogar zwei Profi-Schauspieler. Foto: TH Nürnberg.

Doch bis es soweit ist, müssen sie sich erst an der Hochschule beweisen. Für die Herbst-Ohmrolle haben die Studenten zum Song „Stones“ der Band Hundreds ein Video gedreht. Dafür bauten sie im Wald eine Bühne, drehten drei Nächte. Sie konnten zwei professionelle Schauspieler gewinnen, die auf eine Gage verzichteten. Lediglich Reise- und Hotelkosten mussten die Studenten aufbringen. „Das ist das Tolle an Nürnberg“, sagt Schopper, „dass wir hier viel Unterstützung von den Hoteliers bekommen, die uns dafür kostenfrei Zimmer zur Verfügung stellen.“

Der Film "11 years" wurde zum Teil durch Spenden, zum anderen Teil durch die Studenten selbst finanziert.

Der Film „11 years“ wurde zum Teil durch Spenden, zum anderen Teil durch die Studenten selbst finanziert.
Foto: TH Nürnberg.

Der Film „11 Years“, in dem es darum geht, sich mit viel Geld ein paar Jahre zu erkaufen, um Dinge anders, vielleicht auch besser zu machen, verschlang ein Budget von 13.000 Euro. 9500 Euro kamen durch Sponsoren und private Spenden zusammen, den Rest finanzierten die Studenten selbst. Denn anders als an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, wo es für eine filmische Abschlussarbeit schon mal Zuschüsse von bis zu 60.000 Euro gibt, ist für Nürnberg nichts im Topf. Das muss durch Kreativität und Arbeit ausgeglichen werden. Aber wenn die Studenten die Technische Hochschule Georg Simon Ohm verlassen, dann haben sie nicht nur einen Bachelor in der Tasche, sondern auch eine eigene, bemerkenswerte Filmografie.