Vor 30 Jahren startete das bayerische Privatfernsehen als Experiment

Uwe Brückners braune Augen beginnen zu leuchten, wenn er von 1984 erzählt. „Der 01. April 1984 – 30 Jahre ist das her“, sagt er strahlend und blickt fast ein wenig nostalgisch in die Ferne. An diesem Tag sendete die Tele-Zeitung München zum ersten Mal ein halbstündiges Programm, die Geburtsstunde des bayerischen Privatfernsehens war gekommen.

Diesen Tag erlebte der Journalist als Teil der Redaktion, bis heute produziert Uwe Brückner lokales Privatfernsehen: Er leitet die Serviceredaktion von münchen.tv und ist Programmchef von TV Bayern Live. In 30 Jahren hat er miterlebt, wie aus einem eher halbherzigen Experiment eine breite TV-Landschaft mit 18 regionalen Sendern wurde, die im Kern immer noch den gleichen Auftrag hat: den Menschen Nachrichten aus ihrer nächsten Umgebung liefern.

Uwe Brückner hat im Lager von münchen.tv Zugriff auf über 30 Jahre TV-Geschichte. Foto: Amelie Richter

Uwe Brückner hat im Lager von münchen.tv Zugriff auf über 30 Jahre TV-Geschichte. Foto: Amelie Richter

In einem kleinen Raum in Unterföhring, zwischen ZDF-Kantine und dem Prunksaal des Fernsehballetts, brüteten zehn Redakteure der Tele-Zeitung 1984 oft bis in die Nacht über Ideen, mit denen sie dem öffentlich-rechtlichen TV Konkurrenz machen konnten. „Wir haben damals 100 Prozent gegeben, die Träume sind hoch geflogen“, erinnert sich Brückner. Unkonventioneller wollten sie sein. So entstand beispielsweise die Idee, das Wetter nicht von einem Moderator, sondern von Menschen auf der Straße ansagen zu lassen: „Wir sind zu Leuten gegangen, die viel draußen arbeiten, Dachdeckern oder Bauarbeitern, haben ihnen das Mikro hingehalten und einfach gefragt: Und? Wie wird das Wetter morgen?“ Später wurde Dieter Schweiger, genannt  „Didi“ die erste Wetterfee des Senders. Der Münchner ist Besitzer eines stadtbekannten Obststandes. „Das hat super gepasst, der Didi ist bei Wind und Wetter draußen und hat immer klasse vorgetragen“, sagt Brückner. Die Risikobereitschaft für Spontanes, nicht im Voraus geplantes Fernsehen sei damals viel höher gewesen als heute.

im Regieraum des Studios in Augsburg wird die Übertragung von TVBayern Live vorbereitet. rt1.tv ist spezialisiert auf regionale TV-Formate. Foto: Amelie Richter

Im Regieraum des Studios in Augsburg wird die Übertragung von TVBayern Live vorbereitet, rt1.tv ist spezialisiert auf regionale TV-Formate. Foto: Amelie Richter

Anfang der 80er-Jahre steckte das Privatfernsehen deutschlandweit noch in den Kinderschuhen. „In Italien gab es schon Privatfernsehen“, sagt Brückner, „da wollte Deutschland unbedingt nachziehen.“ Doch die Medienlandschaft sei stark von Verlegern der großen Tageszeitungen beeinflusst gewesen, die kein großes Interesse an weiteren Sendern hatten. 1983 gaben sie dem bayerischen Privatfernsehen doch eine Chance. Das Budget von 11 Millionen Mark wurde von der Mediengesellschaft der Bayerischen Tageszeitungen gestellt, der 48 Tageszeitungen angehörten. Doch nach nur zwei Jahren war Schluss, die Tele-Zeitung wurde eingestellt. Rückblickend wundert das Uwe Brückner nicht: „In meinen Augen wurde sie zu schlecht vermarktet. Außerdem konnte die Telekom die versprochenen Anschlüsse nicht liefern.“ Der Sender erreichte jeden Tag rund 10 000 Haushalte, geplant waren 100 000. „Das Projekt war an der Halbherzigkeit der Verleger gescheitert“, sagt Brückner und zieht dabei die Augenbrauen nach oben.

Logo Tele-Zeitung MünchenDie Tele-Zeitung wurde in den neu gegründeten Privatsender TV Weißblau übernommen, federführend war dabei Franz-Josef Strauss. „Uns war klar, dass es ein ‚Strauss-Sender’ wird. Wir haben aber bei der Programmgestaltung sehr viel Freiheit gehabt“, erzählt Brückner. TV Weißblau Tele-Zeitung München sendete weiterhin jeden Tag ein halbstündiges Programm. Nachdem Leo Kirch als Geldgeber gewonnen worden war, wurde der Name des Senders zu TV München geändert. Die 90er waren das Jahrzehnt der Talkshows, auch im bayerischen Privatfernsehen: Bei „Gisela Oswald“ konnten Münchner Bürger über Themen wie den zunehmenden Verkehr in der Innenstadt diskutieren. 12 Jahre lang zeigte der Sender, nun sogar 24 Stunden am Tag, lokale Nachrichten, Sport- und Unterhaltungssendungen bis ihm 2005 wegen rechtlichen Problemen die Sendelizenz entzogen wurde. Im Juli des gleichen Jahres entstand münchen.tv in seiner heutigen Form.

Fotos_Amelie_Richter 028Auch nach 30 Jahren Privatfernsehen hat sich der Kern des Programms nicht verändert: „Lokales Fernsehen ist wahnsinnig wichtig“, sagt Brückner „denn darin stecken Glaubwürdigkeit und Authentizität.“ Und gerade lokale Themen erhalten immer mehr Aufmerksamkeit, durch Smartphones und Tablets ist TV jederzeit mach- und abrufbar. Immer mehr kleine Sender und Online-Plattformen entstehen, die Identifikation mit der eigenen Stadt oder dem Landkreis nimmt zu. Brückner ist sich sicher: „Der Urknall des Privatfernsehens findet gerade erst statt.“

Von: Amelie Richter