Nicht gleich die ganze Kuh – Bezahlen im Netz

Lieber erstmal ein Glas Milch kaufen, als gleich die ganze Kuh: So lautet der Leitspruch eines spannenden, neuen Webprojekts, das von München aus die Webwelt verändern will. Das Startup Laterpay macht sich auf, um das Bezahlen im Netz zu revolutionieren. Das Ziel: Endlich auch im Netz ganz einfach für die Dinge bezahlen können, die sich bisher eher schlecht vermarkten ließen – wie zum Beispiel journalistische Artikel.

Renovierte Fassade, Blick auf die Isar, ein Mini-Maibaum im Hinterhof und ein paar Stockwerke darunter das Büro von Fußball-Manager Karl-Heinz Rummenigge: Das ist also der Ort, an dem gerade ein Netz-Hype entsteht. Bayerischer könnte die Zentrale von Laterpay nicht liegen. Und doch hat das Münchner Startup mehr als die bayerische Heimat im Blick. Das Ziel ist: das weltweite Netz.

Comin Ene Gründer des Start-ups Laterpay in den Geschäftsräumen. Foto: Florian Meyer-Hawranek.

Comin Ene Gründer des Startups Laterpay in den Geschäftsräumen. Foto: Florian Meyer-Hawranek.

„Wir haben uns vorgenommen, den Usern die Möglichkeit zu geben, einfacher Bezahlinhalte zu konsumieren, als es derzeit möglich ist“, sagt Comin Ene, 39 und Gründer des Münchner Startups. Laterpay soll nicht weniger, als das Bezahlen im Netz revolutionieren. Das sagt Ene während er in seinem Büro über die Webseite einer Zeitung scrollt. „Das derzeitige Problem ist“, erklärt er und klickt sich durch die verschiedenen Rubriken der Seite, „dass man sich meistens vorab registrieren und seine persönlichen Daten angeben muss.“ Ein Vorgang, der zwar nicht kompliziert sei, aber gerne ein paar Minuten dauert. Selbst, wenn man nur einen Artikel auf einer Webseite lesen will. „Das schreckt die meisten Leute ab“, folgert Ene. Denn einerseits wüssten sie gar nicht, was sie bekommen. „Sie kaufen meistens die Katze im Sack.“ Andererseits seien viele es auch noch nicht gewohnt für Inhalte im Netz zu bezahlen.

Erst zuschlagen, später zahlen

Ene war genervt. Immer, wenn er etwas in den digitalen Warenkorb klickte, musste er sich neu anmelden. Die Lösung kam ihm beim Essen – in einem Sushi-Restaurant: Warum sollte es nicht möglich sein, erst zuzuschlagen und später zu zahlen? So funktioniert Laterpay: Eine Registrierung und das Programm sammelt automatisch alle Rechnungen – wie auf einem digitalen Bierdeckel, auf dem man anschreiben kann, erklärt Ene: „Und erst wenn du den Bierdeckel mit fünf Euro vollgepackt hast führen wir dich zu Kasse und erst dann musst du bezahlen.“

Laterpay ein Start-up im Netz, für's Netz. Das Bezahlsystem will revolutionieren.

Laterpay ein Start-up im Netz, für’s Netz. Das Bezahlsystem will revolutionieren.

Diese Idee füllt derzeit Enes Leben. Ständig klingelt sein Telefon, bimmelt eine SMS oder jemand versucht ihn, über Skype oder Facebook zu erreichen. Laterpay ist in diesem Jahr gestartet und soll weiterwachsen. Jonas Maurus, Mitgründer und Cheftechniker, bastelt an Schnittstellen in der Software von Laterpay. Die neueste Funktion ist ein Sofort-Kauf-Verfahren, um einzelne digitale Inhalte anzubieten. Die Arbeitssprache im Münchner Büro ist Englisch. Die Programmier kommen von überall auf der Welt – genauso wie die Interessenten.

Einsatz von Laterpay in verschiedenen Branchen

Zum Beispiel aus der Spieleindustrie. In einem einfachen Klickspiel, das sich in jedem Browser öffnen lässt, erklärt Ene, warum Laterpay gerade so gefragt ist. Das Fantasy-Rollenspiel im Beispiel ist an sich kostenlos. Wer allerdings an die Elfenrüstung oder Poseidons Dreizack ran will, der muss entweder stundenlang zocken und mühsam Spielgeld sammeln. Oder er kauft sich einen kleinen Vorteil: mit echtem Geld. 10 Cent und schon schwingt der Spiele-Held eine neue, mächtigere Waffe. Genauso soll das auch bei Texten und Videos funktionieren. Der Teaser ist kostenlos. Wer weiterlesen will, zahlt einen kleinen Betrag. Große Verlage zeigten zwar noch kein Interesse, sagt Ene: „Aber so richtig Geschwindigkeit kommt jetzt rein nachdem die freien Journalisten, die Blogger und die kleinen Verlage sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen.“ An Spitzentage kommen an die 200 bis 300 Emails am Tag.

Foto: Mathias Vietmeier

Foto: Mathias Vietmeier

Ist Laterpay die Lösung für bezahlten Journalismus im Netz? Das fragen die Autoren des Medienblogs LousyPennies.de und schieben die Antwort gleich hinterher: Keine Ahnung. Aber genau deshalb probieren sie es jetzt aus. Einer der bereits länger mit dem neuen Bezahlsystem experimentiert ist der Blogger Richard Gutjahr. Auf seiner Seite installierte er ein WordPress-Plugin, Leser konnten für ausgewählte Inhalte zahlen und sie nutzen die Funktion auch. „Mein erster Artikel seit Einführung von LaterPay (“Besuch des NSA Daten Centers“) hat im Zeitraum vom 27. März bis 30. April 77 Euro gebracht“, zog Gutjahr nach einem Monat Bilanz. Ein zweiter Pay-Artikel (“Twitter-Tipps“) spielte innerhalb einer Woche immerhin 21 Euro ein. Kein umwerfendes Ergebnis, aber ein Auftakt, der Mut macht. Denn verglichen mit dem, was Werbekunden im Netz zahlen würden, liegt der Ertrag pro 1.000 Seitenrufen in Gutjahrs Blog recht hoch. 17 Euro pro 1.000 Impressions, analysierte Gutjahr. Besonders überrascht war er allerdings von dem Feedback: „Bis zum heutigen Tag hat sich kein einziger meiner Leser darüber beschwert, dass ich begonnen habe, für ausgewählte Inhalte Geld zu verlangen.“

Geschäfstmodell der Zukunft?

Auch wenn die Einnahmen mit journalistischen Inhalten bisher überschaubar sind, Laterpay bringt Bewegung in die Debatte, ob auf Netzportalen in Zukunft bezahlt werden soll oder nicht. Dass neben Bloggern und freien Journalisten auch die großen Verlage nach Wegen suchen, wie man aus Lesern im Netz zahlende Kunden macht, zeigen die jüngsten Ankündigungen: Spiegel Online soll Mitte 2015 kostenpflichtige Zusatzangebote bekommen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung denkt ebenfalls darüber nach, bestimmte Inhalte auf ihrer Webseite nur zahlenden Kunden zugänglich zu machen. Und auch die Süddeutsche Zeitung plant, ihre Leser online in ausgewählten Bereichen zur Kasse zu beten. Details gibt es zwar noch keine, aber die Richtung ist klar: Journalismus im Netz darf in Zukunft etwas kosten.