„Sehr viel geiler als Zahlen schubsen“ – Ausbildung zum Spieledesigner

Wer Computerspiele entwerfen und programmieren will, muss nicht unbedingt studieren. In Unternehmen kann man auch über die Fachinformatiker-Ausbildung Spieledesigner werden.

Die Wiese ist grün und saftig. Die Landschaft ein bayerischer Traum: bunte Blumen, blauer Himmel, weiße Wolken und überall Schafe. Sie kauen Grashalme. Sie springen über Sträucher. Und: Sie tragen Baseballkappen.

Clouds and Sheep so heißt das Spiel, an dessen Entwicklung auch die Auszubildenden mitwirken.

Clouds and Sheep so heißt das Spiel, an dessen Entwicklung auch die Auszubildenden mitwirken.

Doch für die modischen Accessoires seiner Schafsherde hat Uwe Hörber keine Augen. Rote Schirmmütze hin oder her, viel wichtiger sind die Schatten, die die vier Schafe auf die Wiese werfen, die sich zwischen seinen Daumen ausbreitet. Aber irgendwas läuft noch nicht so, wie es soll. „Das ist alles noch in der Entwicklung“, murmelt Uwe Hörber. Er lässt die Schafe in Ruhe weiterkauen, legt das Smartphone aus der Hand und stöpselt es an den Rechner an seinem Arbeitsplatz an.

Uwe Hörber nach seiner Ausbildung zum Fachinformatiker bei HandyGames, wurde er übernommen.

Uwe Hörber nach seiner Ausbildung zum Fachinformatiker bei HandyGames, wurde er übernommen.                         Foto: Florian Meyer-Hawranek.

Uwe Hörber ist Fachinformatiker mit Spezialisierung auf Anwendungsentwicklung bei HandyGames. Kurz: Er ist Spieleentwickler. Und die sympathischen Schafe auf seinem Smartphone sind die Hauptcharaktere im neuen Spiel, das sein Team gerade entwickelt.

Uwe Hörber öffnet die virtuelle Schafsweide, auf der er eben noch auf seinem Handy herumgetippt hat, an seinem Rechner. Er kontrolliert, wie viel Rechenleistung des Smartphones die einzelnen Bausteine des Spiels verbrauchen. Ganz oben: die Anwendung „Camera Render“, mit einem Drittel der Leistung. „Das geht in Ordnung“, sagt Hörber. „Das Programm sorgt dafür, dass das Spiel auf FullHD passend ins Display gezeichnet wird.“ Er klickt auf eine Menüleiste. Auch die anderen Anwendungen wie der „Resource Spawner“ oder die „Physics-Engine“ fressen nicht übermäßig viel Rechenleistung. Trotzdem läuft etwas falsch.

Das Problem: Der Zähler am Bildschirm springt zwischen 55 FPS und 56 FPS. „Eigentlich sollte hier ein Wert über 300 frames per second, also Bildern pro Sekunde, stehen“, sagt Hörber. Er zuckt mit den Schultern. Seine Aufgabe ist es, den Fehler zu finden und die Algorithmen so anzulegen, dass das Spiel mit durchgehend konstanter Leistung auf dem Smartphone läuft. Denn sonst könnte Clouds & Sheep 2 ruckeln. Und die Spieler hätten keinen Spaß daran, ihre virtuellen Schafe über die Weide zu scheuchen.

Auch Azubis sind Teil des Teams

Uwe Hörber ist 23 und hat auch schon am Vorgänger des Schafspiels mitgearbeitet. Damals allerdings noch als Spieleprogrammierer in der Ausbildung. Offiziell hieß die Lehrstelle Fachinformatiker. Und während seine Kollegen an der Berufsschule Kundendaten betreuten, Programme schrieben, um Kontobewegungen zu erfassen oder Netzwerke zusammenhielten, konnte sich Hörber kreativ ausleben.

„Ich bin am ersten Tag hier reingekommen“, erinnert sich Hörber. „Dann hieß es: Ja, fang doch gleich mal an zu programmieren.“ Und Hörber legte los. Das erste Spiel, das er zusammen mit einem Team aus Programmierern, einem Level-Designer und einem Grafiker entwickelte, war Candy Carnage. Ein einfaches Klickspiel, bei dem man Früchte und andere Dinge, die von der einen Seite des Displays auf die andere rollen, davor retten muss, in einen riesigen Fleischwolf zu fallen. Noch während der Ausbildung folgten Save the Puppies, Ninja Hero Cats und jetzt eben Clouds & Sheep 2.

Praktiker für die Spieleentwicklung

„In der Spieleentwicklung brauchen wir vor allem Praktiker“, sagt Christopher Kassulke, der Geschäftsführer von HandyGames. „Deshalb bilden wir Game-Designer aus.“ Bereits 1999 fing Kassulke selbst an, Spiele für mobile Plattformen zu entwickeln. Ein Jahr gründete er zusammen mit seinem Bruder Markus und Udo Bausewein die Firma HandyGames. „Das war in einer Zeit als Handy-Bildschirme noch schwarz-weiß waren“, erinnert sich Christopher Kassulke. Heute, 15 Jahre später, beschäftigt HandyGames 65 Mitarbeiter, neun davon sind in der Ausbildung.

Christopher Kassulke Geschäftsführer bei Handygames bildet derzeit 9 Mitarbeiter aus.

Christopher Kassulke, Geschäftsführer bei Handygames, wo derzeit 9 Mitarbeiter ausgebildet werden.                                    Foto: Florian Meyer-Hawranek.

Und der Markt wächst weiter. Laut einer Studie des Hightech-Verbands BITKOM zocken rund 29 Millionen Deutsche Computerspiele. Besonders schnell wachsen mobile Spiele – allen voran auf Smartphones oder Tablet-Computern. Der Umsatz mit Games für Mobilgeräte steigt laut BITKOM in diesem Jahr voraussichtlich auf 465 Millionen Euro.

Acht Produktionsteams basteln im Technologiepark in Giebelstadt bei Würzburg an neuen Spielen für HandyGames. „In jeder Entwicklermannschaft ist ein Auszubildender oder ein Praktikant aus einer Hochschule dabei“, sagt Kassulke. Game-Design kann man mittlerweile studieren. Doch Spieleentwicklern, die aus der Fachinformatikerausbildung kommen, haben einen Vorteil, meint Kassulke: Sie sind die besseren Handwerker. Informatiker, die von der Universität kommen, würden manchmal zu theoretisch an die Entwicklung herangehen.

Gemischte Entwicklerteams als Erfolgsrezept

„Um gute Spiele zu programmieren, braucht man ein Mosaik aus verschiedenen Leuten“, sagt Gudrun Klinker, Professorin an der TU München für Augmented Reality. Studiengänge an den Universitäten vermitteln mehr abstraktes und technisches Wissen. Für die Systemarchitektur oder die Entwicklung von Spieleplattformen benötigten Unternehmen heute aber auch studierte Informatiker, meint Klinker.

Christopher Kassulke bevorzugt in seiner Firma deshalb gemischte Entwicklerteams. Eine Voraussetzung müssen aber alle Mitarbeiter erfüllen: Sie müssen gerne zocken. „Jemand, der ein Buch schreibt, hat vorher auch 1000 Bücher gelesen“, erklärt Kassulke. Genauso sei es in der Spieleentwicklung auch: „Man spielt natürlich ganz viel. Wenn wir aber Games entwerfen, heißt das auch, dass wir analysieren müssen, was in den nächsten Jahren auf dem Markt passiert.“ Und da hört das Hobby auf. Wichtig ist vorauszusagen, auf welche Trends ein Game setzen soll. „Sind Zombies immer noch in, kämpfen wir wieder mehr gegen Aliens oder sind plötzlich Wikinger gefragt?“, sagt Kassulke. Das sind die Fragen, die sich ein Entwickler stellen muss.

Auch Uwe Hörber spielt heute anders als zu Beginn der dreijährigen Ausbildung – aber immer noch genauso gerne. Auch wenn das Zocken nicht immer gut ankommt. „Meinen Eltern wäre es wahrscheinlich lieber, wenn ich bei einer Bank arbeiten würde“, sagt er und lacht. „Aber Spiele entwickeln ist einfach sehr viel geiler als Zahlen schubsen.“