Ton für alles, was Ton braucht

Dieses mehrstimmige Rascheln, der wabernde Bass, die unterdrückten Schreie und erst dieser dumpfe Schlag auf das vorbeirauschende Auto! Bei Wolfgang Lechenmayr dreht sich alles um Geräusche. Musik, Stimmen, Soundeffekte und Klangsphären: Wenn Lechenmayr ins Erzählen kommt, geht es deshalb eigentlich immer ums Hören. Es knistert, hupt, knattert, klirrt.

Seine wichtigstes Werkzeug: Klar, seine Ohren. Doch wer sich mit Wolfang Lechemayr trifft, der muss ihn erstens Woepf nennen, weil das alle schon immer so machen, sagt er. Und der gewinnt zweitens den Eindruck, dass Woepf, genauso wie auf sein ausgezeichnetes Gehör auch auf seine Hände angewiesen ist. Denn die kann er einfach nicht ruhig halten.

Wolfgang Lerchenmayr muss als Sounddesigner öfters auch mal selbst hinter das Mikro.

Wolfgang Lerchenmayr muss als Sounddesigner öfters auch mal selbst hinter das Mikro.
Foto: Florian Meyer-Hawranek.

Ein Auftakt in der Filmmusik: Woepf zerschneidet die Luft mit der linken Hand. Ein tiefes Wummern: Seine rechte Hand malt Wellenlinien über das Mischpult. Und, Woepfs Hände drehen sich im Kreis auf den Körper zu, ein umgedrehter Hall: Darauf ist Woepf besonders stolz. Der verzerrte Hall ist sein Meisterstück aus dem Thriller Nocebo. Der Sound klingt wie ein gespenstisches Flüstern im Kopf, eine böse Vorahnung oder eine unangenehme Erinnerung. Und wenn Woepf, der Tonmeister mit den dunklen Wuschelhaaren und dem Marvel-Avengers-Kapuzenpulli, von genau diesem Geräusch schwärmt, arbeitet nicht nur sein Gehör, sondern sein ganzer Körper.

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Ton für alles, was Ton braucht. So fasst Woepf seine Arbeit zusammen. Er mischt Kinofilme, vertont Videoclips, nimmt Hörbücher auf und produziert Werbejingles wie den der „Ich liebe es“-Kampagne von McDonalds. Alles für das Giesing Team. „Die ersten Studios lagen nämlich mal in Giesing“, sagt er. Mit dem Boom der privaten TV-Sender Mitte der 90er zog Woepf mit der Firma dann an den Rand Münchens. Mehr Platz für neue Technik: für Mischpulte, Sprecherzimmer sowie Mikrofone und Lautsprecher in jeder Größe. Hier entwirft Woepf Tonwelten. Er ist Sounddesigner.

„Kein Mensch weiß, wie es sich anhört, wenn im Film ein Helikopter in Slow-Mo zu sehen ist“, setzt Woepf zur Erklärung seines Berufs an. „Dafür gibt es ja auch keinen Sound.“ Man könnte jetzt einfach analog zum Bild den aufgezeichneten Ton verlangsamen. „Aber das klingt einfach schlecht.“ Also muss jemand her, der dieses Geräusch erfindet. „Weil es den Sound nicht gibt, muss man ihn bauen“, sagt Woepf und lässt seine Hände über ein imaginäres Mischpult vor seinem Bauch sausen. „Man muss ihn designen und dafür bedient man sich seiner Kreativität.“

Das ist es auch, was Alex Rubin so an seinem Beruf liebt: die Kombination aus Kreativität und der Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Menschen. Rubin ist 28, sympathisch, lacht viel und sitzt in einem schicken Tonstudio im Norden Münchens. Als Filmtonmeister arbeitet er an Fernsehserien, Dokumentarfilmen und Werbeproduktion. Als Sounddesigner werkelt er auch schon mal an ganzen digitalen Klangwelten: wie der des Computerspiels The Inner World. Sounddesign teile sich auf in mehrere Ebenen, sagt Rubin. Musikschnitt, Sprache, Geräusche und Effekte sowie verschiedene Atmosphären, die er bei seinen Produktionen anlegt.

“Zu einem guten Film gehört auch eine von Anfang an durchdachte Soundebene”, sagt Alex Rubin. “Sie bietet nämlich unglaublich viele gestalterische Möglichkeiten für das Storytelling.“ Im Idealfall steht er bereits während eines Drehs am Filmset und zeichnet mit seiner mobilen Aufnahmeeinheit nicht nur die Dialoge auf, sondern sammelt auch jede Menge Töne: das Rauschen des Winds, Türen, die zuschlagen, Autos, die anfahren, Schritte und andere vermeintlich nebensächliche Hintergrundgeräusche. Für Rubins Arbeit sind sie essentiell. Denn: Alles was er nicht aufgenommen hat, muss er später am Computer nachbauen. Und zwar möglichst authentisch.

Soundstudio von Alex Rubin und seinem Team One Single Source.

Soundstudio von Alex Rubin und seinem Team One Single Source. Foto: Alex Rubin

„Das Nachvertonen entlegener oder unbekannter Orte kann zu einer Herausforderung werden, insbesondere, wenn man
die Dramaturgie des gesamten Filmes unterstützen möchte und einen hohen Anspruch an seine eigene Kreativität hat“, sagt Bertram Bär, Rubins Partner. Zum Beispiel bei einem Film, der in der Wüste spielt. „Der Klang einer Wüste ist sehr speziell.“ Sand, Felsen, Schritte über trockenem Gestrüpp: Wenn ein Drehteam bei einem Film keine Geräusche mitliefert, ist es eine riesige Teamleistung, die Wüstenwelt perfekt nachzuvertonen, sagt Toneditor und Mischtonmeister Bär. Falls das doch passiert, kommt Rubin und Bär ihre Organisationsstruktur zu gute.

„Wir sind ein Netzwerk”, sagt Rubin und lacht: eine Kombination aus Tonmeistern, Sounddesignern und Musikern, die sich auf Filmton und Audio-Postproduktion spezialisiert haben. One Single Source nennen sie sich. Und für die Macher hat das Netzwerk große Vorteile: Je nach Auftrag holen sich Rubin, Bär oder die anderen vier Partner sich die jeweiligen Spezialisten zusammen. So können sie größere Aufträge annehmen, jeder hat aber trotzdem genügend Freiraum für eigene Projekte. Und: So lassen sich auch eilige Großaufträge gemeinsam erledigen. „Das ist definitiv kein Nine-to-Five-Job“, sagt Rubin. „Wenn etwas ganz dringend fertig werden muss, bleiben wir auch öfter mal über Nacht im Studio.“ Das Ergebnis der Zusammenarbeit kann sich sehen lassen: Spielfilme für ZDF und Sat1, Werbevideos für Autokonzerne, Kinoproduktion, Dokumentationen wie die Lichtenstein Saga, ein Tourfilm von LaBrassBanda oder ein komplett vertontes Computerspiel.

Betram Bär und Alex Rubin (v-l.n.r.) arbeiten zusammen im Team One Single Source. Foto: Alex Rubin

Betram Bär und Alex Rubin (v-l.n.r.) arbeiten zusammen im Team One Single Source. Foto: Alex Rubin

Wenn es nach Bertram Bär geht, könnten Computerspiele in Zukunft eine noch größere Rolle spielen. „Es gibt in Deutschland zwar noch nicht so viele große Spielehersteller, die richtig Geld für den Sound in die Hand nehmen“, sagt Bertram Bär. „Aber es gibt eine Menge guter Indie-Entwickler.“ Und die Szene wächst. Ein spannendes Gebiet auch für Tonmeister und Sounddesigner, meint Bär. „Da wollen wir in Zukunft natürlich mitmischen.“ Erste Erfahrungen haben er und Alex Rubin bereits mit dem Spiel The Inner World gesammelt. „Und das hat Lust auf mehr gemacht“, sagt Bär. Spiele seien für Sounddesigner eine ganze eigene, kreative Herausforderungen, erklärt Rubin. Er freut sich darüber, dass man in einer neuen digitalen Umgebung, komplett neue Klangräume erschaffen kann. „Die Games-Branche bietet einem Sounddesigner riesige Möglichkeiten, sie erschafft spannende Welten, die oftmals fernab der uns bekannten Realität sind und somit eine ganz eigene Umsetzung von Sprache, Atmosphären, Soundeffekten und Musik benötigen.“ Je weniger Vorgaben aus dem echten Leben, desto größer die Herausforderung. Und das reizt jeden Sounddesigner. Egal ob die Arbeit dann im Team geschieht oder mit ausladender Gestik über dem Mischpult.

Noch mehr über Sounddesign gab es 2014 Jahr im MedienCampus-Areal auf den Medientagen München zu erfahren. Am 24.10.2014 von 11.00 Uhr – 12.00 Uhr gab es eine Podiumsdiskussion mit zwei Sounddesignern aus dem Bereich Film und Games, sowie dem erfolgreichen Nachwuchsregisseur Lennart Ruff.