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Von links: Tanja Güß (Film und Medien Stiftung NRW), Dirk Kämper (Drehbuchautor), Michael Souvignier (Produzent), Herbert Knaup (Rolle: FC Vize Siggi Hermann), Hans Steinbichler (Regisseur), Cornelius Conrad (Redakteur, Bayerischer Rundfunk), Frank Tönsmann (Redakteur, WDR) und Andreas Lust (Rolle: Conny Heidkamp). Foto: BR/Zeitsprung Pictures GmbH/Willi Weber.

Eine Welt ist nicht genug – Transmediales Storytelling und die Zukunft des digitalen Erzählens

Die neue Medienwelt ist transmedial. Viele Visionen und Hoffnungen ranken sich derzeit um die Möglichkeiten des digitalen Storytellings. Der Bayerische Rundfunk setzt deshalb auf Transmedia. Thomas Sessner, Leiter der Abteilung „Film Aktuell“, spricht über aktuelle und zukünftige Projekte des BR.

Herr Sessner, wie muss eine Geschichte konstruiert sein, damit sie transmedial funktioniert?

Thomas Sessner, Leiter der Abteilung "Film Aktuell" beim BR.

Thomas Sessner, Leiter der Abteilung „Film Aktuell“ beim BR. Foto: Theresa Högner.

Thomas Sessner: Transmediale Geschichten sind eigentlich viele kleinere, für sich spannende Geschichten, die alle zusammen zu einer Gesamtgeschichte oder zu einem Gesamtuniversum werden. Dabei kommen verschiedene Erzählplattformen wie Fernsehen, Kino, Radio, Web oder Print zum Einsatz.

Aktuell entwickelt der BR das Transmedia-Projekt rund um Kurt Landauer, der jüdische Präsident des FC Bayern, der 1947 nach München zurückkehrte. Inwiefern eignet sich dieser Stoff für eine transmediale Produktion?

Sessner: Kurt Landauer eignet sich als historische Figur mit einer dramatischen Lebensgeschichte natürlich vor allem auch deshalb, weil wir mit dem Thema „Fußball“ eine sehr große Community ansprechen und zwar nicht nur die Fans des FC Bayern, sondern auch darüber hinaus. Der Stoff ermöglicht es uns außerdem, viele weitere Geschichten zu erzählen: Wie war das jüdische Leben vor und nach dem Krieg in München? Wie sah der historische Fußball und die Fankultur von damals aus? Gab es Frauen im Stadion? Wie wird ein Verein zur Erfolgsmarke?

Von links: 60er Präsident Radschuweit (Eisi Gulp), der Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagel (Harry Täschner), FC Präsident Kurt Landauer (Josef Bierbichler) und FC Vize Siggi Hermann (Herbert Knaup) beim Derby 1860-FC Bayern. Foto: BR/Zeitsprung Pictures GmbH/Willi Weber.

Von links: 60er Präsident Radschuweit (Eisi Gulp), der Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagel (Harry Täschner), FC Präsident Kurt Landauer (Josef Bierbichler) und FC Vize Siggi Hermann (Herbert Knaup) beim Derby 1860-FC Bayern. Foto: BR/Zeitsprung Pictures GmbH/Willi Weber.

Neben unseren Kooperationspartnern FC Bayern und dem Jüdischen Museum in München, haben sich auch verschiedene Redaktionen innerhalb des BR am Projekt beteiligt. Am Ende ist daraus ein transmediales Produkt geworden: ein Spielfilm, der im Oktober im Ersten ausgestrahlt wird, eine Dokumentation, die im Anschluss daran zu sehen ist, Webdokumentationen auf kurtlandauer.de, ein Sporttalk und ein Augmented-Reality-Game, für das wir eine eigene App entwickelt haben.

Was erwartet die App-Nutzer dort?

Startscreen des Prototypen LandauerWalk (App)

Startscreen des Prototypen LandauerWalk (App). Foto: BR.

Sessner: Die Nutzer können sich mit der App auf die Spuren von Kurt Landauer begeben. Entlang verschiedener Stationen, die wir in enger Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum in München entwickelt haben, können die Nutzer den LandauerWalk gehen und das München von damals und heute erleben. Die App wird zeitgleich mit der TV-Ausstrahlung für alle Betriebssysteme und Endgeräte auf deutsch und englisch verfügbar sein.

Sie haben in den vergangenen Jahren schon einige, sehr verschiedene Projekte transmedial umgesetzt, wie etwa „24h Jerusalem“, „Mit leichtem Gepäck“, oder „Charleen macht Schluss“. Gibt es eine Strategie, die dabei besonders gut funktioniert hat?

Sessner: Die beste Strategie ist, wenn man das Projekt von Anfang an trans- oder crossmedial denkt. Das ist vor allen Dingen deshalb wichtig, weil sonst die Weitererzählung zu einem späteren Zeitpunkt des Projektes schwierig wird. „Charleen macht Schluss“ haben wir von vornherein transmedial gedacht. Da kann der Regisseur beim Dreh schon viele Dinge berücksichtigen, die sonst nachgedreht werden müssen. Oder das Reiseprojekt „Mit leichtem Gepäck“, wo wir von Beginn an gesagt haben, wir starten mit der Erzählung online und später wird es dann auch einen Dokumentarfilm geben, für den parallel mitgedreht wird.

Lassen sich Filme oder Serien besser transmedial umsetzen?

Sessner: Es ist natürlich immer am einfachsten, wenn man im Kino oder im Fernsehen mit der Erzählwelt startet, weil dort sehr viele Zuschauer erreicht werden können. Von da aus ist das Aktivierungspotenzial für die anderen Erzählplattformen entsprechend höher, als wenn ich mit etwas Kleinem im Web starte, das erst einmal gefunden werden muss. Der Bayerische Rundfunk probiert deshalb gerade verschiedene Strategien aus, welche Erzählflüsse sich eignen. Das heißt aber nicht, dass wir dann am Ende ein Patentrezept haben, das wir auf alle Projekte übertragen können. Jede Geschichte erfordert ein anderes Rezept – manche Geschichten eignen sich zum Beispiel auch gar nicht trans- oder crossmedial erzählt zu werden.

Von links: Tanja Güß (Film und Medien Stiftung NRW), Dirk Kämper (Drehbuchautor), Michael Souvignier (Produzent), Herbert Knaup (Rolle: FC Vize Siggi Hermann), Hans Steinbichler (Regisseur), Cornelius Conrad (Redakteur, Bayerischer Rundfunk), Frank Tönsmann (Redakteur, WDR) und Andreas Lust (Rolle: Conny Heidkamp). Foto: BR/Zeitsprung Pictures GmbH/Willi Weber.

Von links: Tanja Güß (Film und Medien Stiftung NRW), Dirk Kämper (Drehbuchautor), Michael Souvignier (Produzent), Herbert Knaup (Rolle: FC Vize Siggi Hermann), Hans Steinbichler (Regisseur), Cornelius Conrad (Redakteur, Bayerischer Rundfunk), Frank Tönsmann (Redakteur, WDR) und Andreas Lust (Rolle: Conny Heidkamp). Foto: BR/Zeitsprung Pictures GmbH/Willi Weber.

Wie können Filmproduzenten lernen, transmediale Projekte zu entwickeln?

Sessner: Es kommen viele Filmproduzenten zu uns, die auch transmedial und crossmedial erzählen wollen, weil es zunehmend gefragt ist. Diese Kompetenz muss man entweder selbst erwerben oder aber man holt sich jemanden dazu, der sich auf den verschiedenen Plattformen auskennt. Inzwischen gibt es in Deutschland immer mehr, die das können. Große Player wie die UFA oder auch die Tellux hier in München, haben mittlerweile eigene Experten, die sich innerhalb der Produktionsfirma um digitales Storytelling kümmern. Das ist eine Möglichkeit, die sich aber vor allem große Produktionsfirmen leisten können. Kleineren kann ich nur raten, sich Experten auf dem Markt zu suchen und sich beraten zu lassen. Ohne eine wirkliche Ahnung zu haben, ist es sehr schwer eine Geschichte zu erzählen, die sich am Ende auch für den Produzenten rentiert.

Filmausschnitt aus "Charleen macht Schluss". Charleen (Jasna Fritzi Bauer) und Linus (Sandro Lohmann) fordern das Schicksal heraus. Foto: BR/Imbissfilm/Bastian Fischer.

Filmausschnitt aus „Charleen macht Schluss“. Charleen (Jasna Fritzi Bauer) und Linus (Sandro Lohmann) fordern das Schicksal heraus. Foto: BR/Imbissfilm/Bastian Fischer.

Neben transmedialer Expertise brauchen die Produzenten aber auch das nötige Kleingeld, um ihre Projekte zu finanzieren. Könnten neue Möglichkeiten, wie Crowdfunding, die Lösung für das Finanzierungsproblem sein?

Sessner: Im Moment funktioniert Crowdfunding für den Film eher weniger. Es ist zwar schon so, dass es einige Filme gibt, die tatsächlich Crowdfunding betreiben und damit auch relevante Produktionsgelder sammeln, aber das ist eher die Ausnahme. Gleich das gesamte Transmedia-Projekt mit Crowdfunding zu finanzieren wäre natürlich ebenfalls sehr ambitioniert. Da muss das Thema oder ein Schauspieler schon sehr viele Fans haben. Aber man kann sich zum Beispiel mit anderen Produzenten zusammenschließen, die bereits ein funktionierendes Erlösmodell haben, beispielsweise aus der Musik- oder Gamesindustrie und gemeinsame Projekte machen, von denen am Ende dann beide profitieren.

Wir sind gespannt – welche Projekte planen Sie in der nächsten Zeit?

Sessner: Wir sind gerade dabei, drei Projekte zu entwickeln, die im nächsten oder übernächsten Jahr sichtbar werden. Das eine ist ein großes Projekt über Fluchtströme von Afrika nach Europa. Außerdem wird es ein Projekt über Tracking geben und ein Drittes, das bereits in Frankreich sehr erfolgreich lief und jetzt internationalisiert werden soll. Was auf alle Fälle schon im kommenden Jahr ansteht, ist ein Dreiteiler im Ersten zu den NSU-Prozessen, bei dem drei Landesrundfunkanstalten beteiligt sind und zu dem ein größeres multimediales Projekt geplant ist. Da ist also gerade einiges in Planung und es erreichen uns laufend viele, sehr spannende Projekte, die wir in den nächsten Jahren umsetzen wollen.

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