Zu Besuch bei Alexander Zacherl: Zachibert und die Indieklitsche

Es ist ja nicht so, als würde es der Gamingszene an schillernden Persönlichkeiten mangeln. Eine davon heißt Alexander Zacherl. Er lebt in München und verfolgt einen Traum: Einmal ein Online-Rollenspiel selbst entwickeln. Das Multitalent hat sein Leben entsprechend eingenordet und erntet jetzt erstes Loot: Sein Apokalypse-Abenteuer „Das Tal“ nimmt Gestalt an.

Alexander Zacherl, um seinen Traum zu verwirklichen, kam für ihn von Anfang an nur eigenverantwortliches Arbeiten in Frage.

Alexander Zacherl, um seinen Traum zu verwirklichen, kam für ihn von Anfang an nur eigenverantwortliches Arbeiten in Frage.

Bevor wir uns im Münchener Gründerzentrum WERK1 zusammensetzen, hat Alexander Zacherl eine Bitte: Er würde so gerne über Gamedesign sprechen, die Presse befrage ihn aber nie zu diesem Thema. Tut mir leid. Auch diesmal steht anderes auf der Agenda. Es soll um ihn gehen. Einen Menschen der seinen Jugendtraum verfolgt und jetzt drauf und dran ist, ihn in die Tat umzusetzen. Alex will ein MMORPG erschaffen, das ist Gamerjargon für ein Online-Rollenspiel mit mal wenigen, mal vielen hundert Teilnehmern. Sie alle beleben eine bespielbare Welt der Fantasie, verbünden und duellieren sich, sammeln Beute und kämpfen um ihr Überleben.

Ein Online-Rollenspiel soll es also werden. Was für ein Vorhaben. Die Branche kennt kein aufwendigeres Genre. Große Studios verbrennen millionschwere Entwicklungsbudgets an „World of Warcraft“ und Konsorten. [Quelle]

Und jetzt kommt hier Alex. Jemand der vor fünf Jahren keine Ahnung hatte von Gamedesign, Programmierung oder Unternehmensführung – das sagt er selbst über sich – will den Großen mit seinem postapokalyptischen Sandbox-Game „Das Tal“ in die Suppe spucken.

Der große Traum des Alexander Zacherl: "Das Tal" wird ein Online-Rollenspiel – genauer gesagt ein MMORPG, bei dem mehrere Spieler in einer postapokalyptischen Welt um ihr Überleben kämpfen. Foto: Fairytale Distillery

Der große Traum des Alexander Zacherl: „Das Tal“ wird ein Online-Rollenspiel – genauer gesagt ein MMORPG, bei dem mehrere Spieler in einer postapokalyptischen Welt um ihr Überleben kämpfen.
Foto: Fairytale Distillery

Band of Five

Ich lasse den Blick schweifen. Unser Treffpunkt: ein kleines Büro von vielleicht 18 Quadratmetern. So sieht also das Gamestudio eines Startups aus, das ein Medienbericht einmal als „Indieklitsche“ umschrieb. Fairytale Distillery heißt das Jungunternehmen, das Alex und Sebastian Dorda Anfang 2013 gründeten. Hier entsteht „Das Tal“.

Gamedesigner ohne Scheuklappen: Alexander Zacherl lässt sich auch mit Brettspielen ein. Im Hintergrund Sebastian Dorda, Mitbegründer des kleinen Münchner Game-Startups Fairytale Distillery. Foto: Hendrik Luehrsen

Gamedesigner ohne Scheuklappen: Alexander Zacherl lässt sich auch mit Brettspielen ein. Im Hintergrund Sebastian Dorda, Mitbegründer des kleinen Münchner Game-Startups Fairytale Distillery.
Foto: Robin Kocaurek

Durch die Fenster an einer Wand dringt eher diffuses Licht. Draußen regnet es in Strömen. Die sich daraus ergebende Abwesenheit von Helligkeit übertüncht das Alter der Einrichtung. Nein, zum Angeben taugt das Büro nicht. Die vier Schreibtische wirken abgearbeitet, die paar Flachbild-Monitore würde man eher auf einem Flohmarkt vermuten. Offensichtlich investieren hier Jungunternehmer ihr Geld nicht in Äußerlichkeiten. Hinten im Raum tut Sebastian, was man von einem Technical Director erwarten würde. Er hackt in seine Tastatur. Der Bildschirm reagiert mit kryptischen Servermeldungen. Alex und Sebastian bilden seit zwei Jahren ein Gespann, teilen sich diesen Raum. Kollegen wie Michail Mamaschew (Art Director), David Wells (Community Management) und Filippo Beck Peccoz (der gute Ton) erledigen ihre Jobs vorwiegend extern.

Ein Traum gewinnt an Gestalt

Fast Rewind ins Jahr 2001. Alexander Zacherl ist zarte 16 Jahre alt und – das sagt er heute – weiß bereits dass er einmal eine Firma leiten würde. Er spielt zu dieser Zeit das deutsche Fantasy-Rollenspiel „Gothic“ und findet bei der US-Produktion „Ultima Online“ Geschmack am Erkunden von Fantasiewelten gemeinsam mit online verbundenen Gleichgesinnten. So keimt der Traum, irgendwann selbst vergleichbare Welten zu erschaffen. „Mir war klar: Wenn ich meinen Traum vom eigenen MMORPG umsetzen würde, dann möchte ich eigenverantwortlich arbeiten wie mein Vater, ein freiberuflicher Programmierer. Aber ich bin nicht gut darin, Dinge allein zu erledigen und wollte deshalb unbedingt ein Team um mich haben.“

Netzwerken zählt zu den Leidenschaften des Herr Zacherl. Hier beim A MAZE 2014, einem Festival für Indiegames. (Der Herr in der Bildmitte im blauen Pullover) Foto: Julian Dasgupta

Netzwerken zählt zu den Leidenschaften des Herr Zacherl. Hier beim A MAZE 2014, einem Festival für Indiegames. (Der Herr in der Bildmitte im blauen Pullover)
Foto: Julian Dasgupta

Auf das Ende der gymnasialen Ausbildung folgte das Medienmanagement-Studium an der Münchener Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation. Hier lehren sie einen den Umgang mit Methodiken und Werkzeugen, die zum Aufbau und zur Führung eines Gamestudio notwendig sind. Danach: drei Jahre Medienagentur. Technisches Wissen erwerben, redaktionelles Handwerk erlernen. Aus ersten Kontakten mit Games-Entwicklern reift die Erkenntnis, dass sich die Gaming-Industrie in den letzten Jahren demokratisiert hat. Das nicht mehr nur Privilegierte Videospiele machen dürfen, sondern alle.

Müssen ja nicht immer Bits und Bytes sein. Gemeinsam mit Tom Wagner entwickelte Alex im November 2011 binnen 24 Stunden das Brettspiel "Zombies von Catan". Foto: Alexander Zacherl

Müssen ja nicht immer Bits und Bytes sein. Gemeinsam mit Tom Wagner entwickelte Alex im November 2011 binnen 24 Stunden das Brettspiel „Zombies von Catan“.
Foto: Alexander Zacherl

Demokratisiertes Gamedevelopment

Wir schreiben inzwischen das Jahr 2009. Längst hat sich der durch iTunes ausgelöste Demokratisierungs-Prozess durchgesetzt. Der Traum vom eigenen Online-Rollenspiel rückt ein Stück näher. „Das Problem war nur, dass ich nichts wusste und nichts konnte. Kein Stück. Also habe ich gelesen. Blogs und Bücher über Gamedesign, Produktion, Unternehmensführung. Ich habe nach Leuten gesucht, die programmieren und malen können. Weil ich das nämlich nicht konnte.“

Auf seiner Website verlinkt Alex Zacherl auf 22 kleine Spiele-Experimente, an denen er im Rahmen von Gamejams und ähnlichen Veranstaltungen mitwirken durfte. Der Geschicklichkeitstest "Pirate Bay" war nach 19 Stunden fertig entwickelt.

Auf seiner Website verlinkt Alex Zacherl auf 22 kleine Spiele-Experimente, an denen er im Rahmen von Gamejams und ähnlichen Veranstaltungen mitwirken durfte. Der Geschicklichkeitstest „Pirate Bay“ war nach 19 Stunden fertig entwickelt. Foto: Alexander Zacherl

Eine Auftragsarbeit von Alex Zacherl und der Bit Barons für Ravensburger Digital: Die Kartenspiel-Umsetzung "San Juan" basiert auf dem erfolgreichen Strategie-Brettspiel "Puerto Rico". Foto: Ravensburger Digital

Eine Auftragsarbeit von Alex Zacherl und der Bit Barons für Ravensburger Digital: Die Kartenspiel-Umsetzung „San Juan“ basiert auf dem erfolgreichen Strategie-Brettspiel „Puerto Rico“.
Foto: Ravensburger Digital

Am 17. August 2009 fruchtet die Suche. Auf der Videospiele-Fachmesse Gamescom in Köln kreuzen sich Alex´ Wege mit denen von Alex Widl und Sergej Klementinovski, zwei Gamedesign-Studenten der Münchner Mediadesign Hochschule. Gemeinsam gründen sie ein kleines Entwicklungs-Studio: die Bit Barons. Alexander Zacherl legt den Traum vom eigenen Online-Rollenspiel erst einmal beiseite. Kleinere Projekte haben Vorrang. Solche die mit einem kleinen Team mit kleiner Erfahrung realistisch umsetzbar sind. So entsteht „Astroslugs“. Einer programmiert, der andere zeichnet, Alex kümmert sich um Geschäftliches und Vernetzung. Wann immer ein GameJam, eine Unity Usergroup oder ein Design Dojo in München Station macht, ist der Zacherl als Geburtshelfer oder Mitorganisator zur Stelle. Er macht und tut, hält Vorträge, knüpft Kontakte.

"Astroslugs": Das erste kommerziell verwertbare Game, das Alexander Zacherl als Gamedesigner und Produzent aus der Taufe heben durfte. Foto: Head Games

„Astroslugs“: Das erste kommerziell verwertbare Game, das Alexander Zacherl als Gamedesigner und Produzent aus der Taufe heben durfte.
Foto: Head Games

So geht das bis Ende 2012. Dann meldet sich der alte Traum vom MMORPG zurück. Alex verlässt die Bit Baron. Sebastian Dorda – Neuzugang bei den Bit Barons – geht das Wagnis mit ein. Zu zweit ziehen sie Anfang 2013 bei den Bit Barons aus und im WERK1 ein.

Der Monitor als Motivations-Katalysator

Und da sind wir wieder, im Jetzt und Hier. In einer Ecke des Studios, direkt hinter der Eingangstür, zeigt ein Monitor Zahlen und Balkendiagramme. Eines der Balkendiagramme hat steigende Tendenz. Die Zahl 2081 steht da zu lesen. „So viele User haben sich inzwischen für den Newsletter von „Das Tal“ angemeldet“, erzählt Alexander Zacherl. Dieser Bildschirm ist immer in Betrieb. Er ist ein Spiegel von Erfolgen und Misserfolgen und belegt Alex´ Vorliebe für Zahlen und Daten. „Der Monitor zeigt wichtige Kennzahlen. Ein gängiges Tool bei vielen Startup-Unternehmen. Denn es ist wichtig, sich Ziele zu setzen. Aber noch wichtiger, diese Ziele überprüfbar zu machen“, erzählt Alex. Eine andere Zahl zeigt die 165. „So viele Tage reicht unser Geld noch“.

Dass der Fairytale Distillery überhaupt 165 Tage bleiben, hat sie unter anderem den Fördergeldern aus dem FilmFernsehFonds Bayern zu verdanken. Der Freistaat unterstützt die Entstehung von „Das Tal“ mit 80.000 Euro. Geldmittel auftreiben, das ist eine der Aufgaben, die sich Alex selbst zugeteilt hat. „Wenn du dein eigenes Gamedesign durchziehen möchtest, dann musst du dich um tausend Dinge kümmerst die nichts mit Gamedesign zu tun haben.“ Wenn die FFF-Gelder verbraucht sind, wird „Das Tal“ noch lange nicht vollendet sein. „Ich denke, Ende 2015 haben wir ein verkaufsreifes Produkt mit dem wir Geld verdienen“, sagt Zacherl.

Das Tal: Anders als bei gängigen MMORPGs haben die Teilnehmer nur begrenzt Zeit bis zum Ende einer Partie. Die Flucht aus dem Tal muss binnen 72 Stunden gelingen, sonst…Game Over. Foto: Fairytale Distillery

Das Tal: Anders als bei gängigen MMORPGs haben die Teilnehmer nur begrenzt Zeit bis zum Ende einer Partie. Die Flucht aus dem Tal muss binnen 72 Stunden gelingen, sonst…Game Over.
Foto: Fairytale Distillery

Das Tal: Die Heldenfiguren entwickeln sich im Verlauf einer Partie und zeigen das auch. Hier sind verschiedene Iterationsstufen eines magisch begabten Helden skizziert. Foto: Fairytale Distillery

Das Tal: Die Heldenfiguren entwickeln sich im Verlauf einer Partie und zeigen das auch. Hier sind verschiedene Iterationsstufen eines magisch begabten Helden skizziert.
Foto: Fairytale Distillery

Alpha-Test: Teilnehmer gesucht

Es müssen also weitere Kapitalgeber zur Zwischenfinanzierung gefunden werden. „Wir denken über mehrere Wege nach. Download einer kostenpflichtigen Beta-Spielversion über unsere Website. Oder Crowdfunding via Kickstarter. Ein Erfolg ist ziemlich realistisch für Nischenprodukte wie unseres. Es gibt viele Idealisten da draußen.“ Einige davon sind bereits im Tal zugange, als Abenteurer auf Probe sozusagen. Seit 26. Juli läuft die Testphase, ausgewählte Interessenten können die Alphaversion hier downloaden und ausprobieren. Die positiven Rückmeldungen sind Alex´ Belohnung, seine Beute für die bisher investierten anderthalb Jahre an Entwicklungszeit – sein „Loot“ würden eingefleischte Rollenspieler wohl eher sagen.