For..Net Symposium 2019

Der wahre Bildungspakt: Lebenslang statt fürs Leben zu lernen

Wird jetzt alles gut? Oder wurden die richtigen Fragen noch gar nicht gestellt? Zwei Tage lang diskutierten Forscher und Praktiker auf Einladung der Universität Passau beim For..Net Symposium über „Digitale Bildung. Digitale Haltung“. Oder vielmehr über Bildung und Haltung in einer zunehmend digitalisierten Welt.

Von links: Ursula Münch, Ann Cathrin Riedel, Dirk Heckmann, Christin Schäfer und Mario Martini. Foto: Dorin Popa

Um die 135.000 Euro pro Schule, 500 Euro pro Schüler: dank des DigitalPakts Schule zwischen Bund und Ländern kann jetzt etwas Geld für Smartboards, Tablets, Hard- und Software fließen. Geld für eine zeitgemäße Bildung. Oder nur für eine zeitgemäße Infrastruktur? „Ich habe den Eindruck, dass mancher mit den Antworten schneller ist als mit den Fragen“, wundert sich Prof. Dr. Ursula Münch von der Akademie für politische Bildung Tutzing, für die die technische Ausstattung von Bildungsstätten nur eine Teilfrage darstellt. Denn es gehe nicht nur um den Einsatz digitaler Medien, sondern auch darum, zu lernen, welche Veränderungen die Digitalisierung auslöst und wie man ihr begegnet.

Mehr als nur Wischen und Tippen

Der Wandel darf sich nicht auf das Werkzeug in den Händen der Lehrer, Schüler und Studenten beschränken. Und das Lernen längst nicht mehr nur eine Frage von Schulzeit oder Studium darstellen. Darüber herrschte unter den Teilnehmern des 14. Internationalen For..Net Symposiums schnell Einigkeit. Der Wandel muss in den Köpfen stattfinden. Teilhabe und Mündigkeit fördern. Die gesamte Gesellschaft prägen. Und uns ein Leben lang begleiten – weshalb es kein Zufall ist, dass die Kulttagung der Forschungsstelle für IT-Recht und Netzpolitik der Universität Passau in den Redoutesälen des fürstbischöflichen Opernhauses erstmals gemeinsam mit dem Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation veranstaltet wurde.

Christin Schäfer. Foto: Dorin Popa

Im digitalen Zeitalter kann Bildung nicht mehr nur ein von Schulen und Universitäten geliefertes fertiges Produkt sein. Sie wird zum lebensbegleitenden, nie abgeschlossenen Prozess. Denn digitale Kompetenz, so Christin Schäfer, Unternehmerin und Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung, sei unverzichtbar, um Risiken zu minimieren und Chancen zu maximieren. Ersteres könne man, etwa in Fragen des Datenschutzes oder der Persönlichkeitsrechte, vielleicht an staatliche Institutionen, NGO und Verbände delegieren. Letzteres müsse man aber selbst wahrnehmen. Nur wer digitale Kompetenz besitzt und diese, etwa im Rahmen berufsbegleitender Maßnahmen, ständig fortbildet, könne am Leben selbstbestimmt teilhaben und seine Persönlichkeit entwickeln.

Es ist nie zu früh

Natürlich beginnt dieser Prozess, das Erlernen digitaler Kompetenz dort, wo man alle erreicht: in der Schule oder sogar bereits davor. Marina Weisband, Leiterin des Projekts „aula – Schule gemeinsam gestalten“, geht auch in Kindergärten, wo sie mit Vorschülern gemeinsam Piktogrammverträge erarbeitet. Denn man muss nicht bereits lesen und schreiben können, um mit Hilfe digitaler Instrumente selbst wirksam zu werden und Mitbestimmung zu erlernen.

Marina Weisband. Foto: Dorin Popa

Später, an den Schulen mag diese Mitwirkung anfangs scheinbar eher nur banale Probleme zu lösen. Wenn Weisband Jugendliche fragt, was sie an ihrer Schule ändern würden, kommt nahezu immer als erste Antwort: Mehr Klopapier. Aber das innovative Beteiligungskonzept über eine an der Schule implementierte Online-Plattform weckt nicht nur den Wunsch nach mehr Klopapier, sondern Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Ermöglicht so auch Schüchternen, sich einzubringen, stärkt erfahrungsgemäß die Zusammenarbeit zwischen Jüngeren und Älteren und vermittelt den Schülern, dass sie nicht hilflos einem autoritären System ausgeliefert sind, sondern sich äußern, aktiv einbringen, ihren Schulalltag mitgestalten können. Und später ihr Leben.

Die Verankerung digitaler Techniken in einer Zivilgesellschaft stand auch im Mittelpunkt des im Rahmen des Symposiums verliehene For..Net Award. Ausgezeichnet wurde heuer die Hamburgerin Valerie Mocker, die seit fünf Jahren für die britische Innovationsstiftung nesta weltweit Regierungen, Unternehmen und Organisationen bei der gemeinwohlorientierten Digitalisierung berät.