„Am Ende ist alles Geschichten erzählen“

Es gibt wenig, was Matthias Leitner noch nicht gemacht hat. Radio, Performance, Filme – der Allround-Erzähler testet die unterschiedlichsten Plattformen aus, um seine Geschichten auf die bestmögliche Art zu erzählen – künftig auch mithilfe von Datenjournalismus. Er ist Stipendiat des MedienNetzwerk Bayern beim „Bootcamp für Journalisten – Datenjournalismus mit R“ der katholischen Journalistenschule ifp. Im Interview erzählt Matthias, was ein Plattformagnostiker ist, warum Daten für Journalisten so wichtig sind und was passiert, wenn Kurt Eisner Nachrichten im Messenger Dienst schickt.

Matthias, du hast bereits viele Medien genutzt, um Geschichten zu erzählen – warum bist du nie bei einem geblieben?

Matthias Leitner

Früher fehlte mir dazu die Begrifflichkeit, mittlerweile habe ich aber gelernt, dass ich jemand bin, der plattformagnostisch arbeitet. Heißt: Ich entwickle Themen oder Stoffe, von denen ich glaube, dass sie erzählt werden müssen. Dann suche ich mir die Zielgruppe und dann die Plattform, auf der alles stattfindet. Vom Theater zum Film, zum Radio, zu TV, zu digital – das klingt immer nach so viel, aber eigentlich ist am Ende doch alles Geschichten erzählen, Journalismus, Recherche.

Ich kann mich zum Beispiel erinnern, als ich vom Radio kam und zum ersten Mal ein Fernsehstück machen wollte, haben die Kolleg*innen gesagt: „Das ist aber kein Radio.“ Ich habe erwidert: „Das weiß ich, aber das lässt sich ja wohl lernen.“ Als ich vom Fernsehen wieder rüber zum Radio ging, das gleiche Spiel. Dabei geht es doch überall um Emotionen, die man erzählen will, um Fakten, die man aufarbeiten will, und um eine Rückmeldung vom Zielpublikum. Das lässt sich in jedem Bereich umsetzen, solange man die Instrumentarien und die Spitzfindigkeiten des Mediums lernt. Und ich lerne gern.

Die WhatsApp-Nachricht  aus der Vergangenheit

Gibt es eine Plattform, auf der du besonders gern erzählst?

Eine Plattform, auf der ich gerade vier Monate lang erzählt habe, sind die Messenger-Dienste Telegram, Insta und WhatsApp: Das Projekt hieß „Ich, Eisner!“ und setzte sich mit der Geschichte von Kurt Eisner, dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten und Revolutionsführer vom 7., 8. November 1918 auseinander. Das war eine sehr spannende Reise, die Geschichte aus dem Blickwinkel des Protagonisten in kleinen Nachrichten, Audio-Schnipseln, historischen Fotografien und Grafiken zu gestalten und direkt aufs Mobiltelefon zu bringen. Wie muss eine Geschichte aussehen, die dort stattfinden kann? Die den Leuten nicht nach einer bestimmten Zeit auf die Nerven geht, sondern sie zum Dranbleiben und zum Dialog anregt.

Im BR-Projekt „Ich, Eisner!“ testet Matthias Leitner das Erzählen im Messenger Dienst aus.

Dazu brauchten wir eine Figur, die eine ganz klare Dramaturgie hat, einen definierten Zeitrahmen. Kurt Eisner ist am 14. Oktober 1918 aus dem Gefängnis entlassen worden, hat im November die Revolution gestartet, hatte zwei Monate Zeit, um wirklich Politik zu machen, und ist im Februar 1919 erschossen worden. Mit der Beerdigung von Eisner war unser Projekt vorbei.

Wir, insgesamt drei Autorinnen und Autoren, haben auch einiges an Community Management betrieben. Es gab viel direkten Austausch mit den Leuten, die Nachrichten an Kurt Eisner zurückgeschrieben haben. Natürlich haben nicht alle mit uns interagiert, was typisch ist: 90 Prozent sehen zu, zehn Prozent agieren, davon ein Prozent richtig stark. Aber wir hatten Tage mit dabei, an denen ein paar tausend Kommunikationen auf uns zugekommen sind. Es gab zum Glück aber auch einen Chatbot im Hintergrund, der vieles abgefedert hat und den wir parallel immer etwas aufgeschlaut haben.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Hat sich das Ziel, das ihr euch gesteckt habt, erfüllt?

Wir hatten die These, dass Messenger Dienste ein wunderbares Medium sein können, um tiefere journalistische Inhalte zu erzählen – und das über Wochen und Monate. Das hat sich bewahrheitet. Das Projekt war weit erfolgreicher als wir uns erhofft hatten. Eine weitere These war, dass in diesem Rahmen eine andere Kommunikation stattfindet als beispielsweise auf Social-Media-Kanälen. Was ebenfalls stimmte. Auf Facebook oder Twitter kommt man relativ schnell in die Situation, dass Leute aufspringen, die das Ganze stören wollen, ohne sich für den Inhalt zu interessieren.

Bei Eisner war das zum Beispiel eine Gefahr, weil er ein jüdischer Protagonist ist, der in rechten Kreisen bis heute als Feindbild gesehen wird Wir haben uns darauf vorbereitet, dass es Nutzer gibt, die das Projekt deshalb negativ kommentieren und runterziehen wollen. Die haben aber auf Messenger-Diensten kein Forum. Durch die Eins-zu-Eins-Kommunikation sprechen wir direkt mit unserem Publikum und streuen die Geschichte nicht einfach in die Welt.

„Wir brauchen das Wissen, wie Daten erhoben und dargestellt werden“

Im Datenjournalismus-Bootcamp möchtest du dich nun mit Datenjournalismus auseinandersetzen. Was reizt dich daran?

Das Big Data Thema ist in den letzten Jahren sehr groß geworden, auch im journalistischen Bereich. Ich bin bislang immer ein bisschen daran vorbeigetänzelt, allerdings holt es mich jetzt ein. Eine Daten-Kompetenz braucht heutzutage jeder, der sich in einem Rahmen bewegt, in dem die ganze Zeit über Daten gesprochen wird. Wie viel da falsch erzählt werden kann, bekommt man immer wieder mit. Zum Beispiel, wenn wieder über die neuen Veröffentlichungen der Polizeistatistik gesprochen wird, oder beispielsweise über Daten zum Thema Migration. Sogar bei Themen, von denen man meint, dass sie perfekt analysiert sind, gibt es scheinbar immer Interpretationsspielräume und hitzige Diskurse.

In einer Zeit, in der viel in einem Bauchgefühl-Rahmen stattfindet, brauchten wir unbedingt das Wissen, wie Daten erhoben und dargestellt werden und wo die möglichen Fallstricke liegen. Welche Geschichten kann ich damit erzählen und wo muss ich aufpassen, um nicht vorher schon in fünf Fettnäpfchen zu steigen, die etwas komplett Krummes herauskommen lassen.

Hast du schon eine Vorstellung, was du vom Datenjournalismus-Bootcamp mitnehmen willst?

Coding da Vinci – ein Hackathon für offene Kulturdaten.

Ich gehe mit zwei Projekten im Hinterkopf in das Bootcamp. Zum einen bin ich mit involviert in Coding da Vinci, einen großen Hackathon, dessen Auftaktveranstaltung ich moderieren darf. Da werden Kulturdaten von Archiven und Museen so nutzbar gemacht, dass die Hacker daraus Projekte bauen können. Das andere Projekt geht um das Thema „#zukunftschule“, ein Projekt über das Bildungssystem in Deutschland. Die Frage hier ist: Was erzählen unsere Bildungsdaten und die Daten, die im Bildungsbereich oder anderen Teilbereichen erhoben werden? Was sagen sie über den Zustand und die Zukunftsfähigkeit des Bildungssystems in Deutschland, speziell in Bayern?

Für mich ist das Bootcamp eine ideale Gelegenheit, von den Experten vor Ort durch die reine Schule des Datenjournalismus geschleift zu werden und dann selber Hand anzulegen. Ich finde es superspannend, mithilfe einer Programmiersprache, die ich derzeit nur vom Hörensagen kenne, ein Gefühl für die Materie zu entwickeln.

Was glaubst du, macht den Medienschaffenden der Zukunft aus?

Offenheit. Eine Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen und anderen Standpunkten. Eine gute Kenntnis der eigenen Beschränkungen in den verschiedensten Bereichen. Man muss immer reflektieren, wo die Grenzen der eigenen Wahrnehmung sind und wo man sich selber von neuen Blickwinkeln überzeugen lassen muss. Es ist super, in einem bestimmten Bereich Experte zu sein, es ist aber auch gut, in vielen Bereichen kommunikationsfähig zu sein und sich ein passendes Team zusammenzustellen, das die eigenen Unzulänglichkeiten ausgleicht.

Dazu gehört auch die Transparenz der eigenen Arbeitsmethoden. Und wenn man in einem Projekt mal einen Fehler gemacht hat, dann sollte man offen darüber sprechen. Das ist für mich ebenso eine Grundeigenschaft von Journalisten.


Über Matthias Leitner

Matthias Leitner ist Digital Storyteller. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet und 2012 zu den Top 30 bis 30-Nachwuchsjournalisten Deutschlands gewählt. Er ist Mitbegründer des Journalistenkollektives Affe im Kopf, leitet seit 2015 das Storytelling Lab web : first und entwickelt journalistische Programminnovationen wie den #callforpodcast oder das Messenger-Projekt #icheisner. Im März 2016 ist das Buch “story : now – Ein Handbuch für digitales Erzählen” erschienen. Von der Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes wurde er 2017 zum Fellow ernannt.