Tom Orzikowski

Der Medieninnovator aus dem Dorfidyll

Dass man nicht in einer großen Metropole sitzen muss, um mit seinem Start-up internationale Erfolge zu feiern, zeigt Tom Orzikowski mit eyecandylab. Das MedienNetzwerk Bayern hat den Gründer einen Tag in seinem Leben zwischen AR-Revolutionen, Maibaum schlagen und großen Visionen begleitet.

Tom Orzikowski in seiner Heimat Veitsbuch. Foto: Dorin Popa

Die Zukunft des Bewegtbilds, ob lineares Fernsehen oder Video-on-Demand, ob Unterhaltung, Journalismus oder Produktpräsentationen, liegt möglicherweise vor den Toren Münchens, in Unterföhring. Nicht etwa dort, wo Sender wie Sky und ProSiebenSat.1 Media residieren, sondern mehr in Richtung Heizkraftwerk, in einem unscheinbaren Businesscenter mit recht unterschiedlichen Mietern wie einem Sicherheitsunternehmen oder anderen klassischen Dienstleistern. Wo nicht einmal die Klingel funktioniert. Aber die Werkstatt der Zukunft, das eyecandylab, kennt auch keinen Publikumsverkehr.

Die Werkstatt bräuchte nicht einmal unbedingt eine feste Stätte. Die neun Arbeitsplätze im zweiten Stock sind oft recht verwaist. Wie es nun einmal so ist, wenn eine Handvoll internationaler Experten von überall her an der Grenze zwischen virtueller und realer Welt, augmen.tv, arbeitet. Zu immer neuen Start-up-Acceleratoren zwischen Austin und Paris eingeladen wird. Und weltweit bei Kunden wie Nickelodeon, Softbank, NBC Universal, Cartoon Network oder ProSieben gefragt ist.

Augmented Reality für alle

Entsteht hier die Zukunft des Bewegtbildes? Foto: Dorin Popa

Der Kern ihrer Arbeit ist simpel wie genial. Bewegtbilder von Fernsehen und Internetkanälen im Auftrag ihrer Produzenten oder Sender erkennen, als Augmented Reality mit zusätzlichen Inhalten synchron anreichern, den Zuschauer mit diesem Fernseh- oder Videoprogramm interagieren lassen und dabei sein Medienverhalten analysieren. Heutzutage, indem man einfach sein Smartphone oder Tablet vor den Bildschirm hält. Künftig mit Datenbrillen. Und nicht mehr nur für große Sender oder Marken. Sondern wohl noch in diesem Jahr technisch so weit heruntergebrochen, dass jeder YouTuber oder sonstige Schöpfer bewegter Inhalte den Service einsetzen kann.

Dafür mußte nur eine Lösung dafür gefunden werden. Tom Orzikowski (31), Mitbegründer von eyecandylab, hat das mit seinem Team geschafft. Dabei ist er alles andere als ein Nerd. Sein Traumjob wäre Pilot gewesen, doch beim Eignungstest ist er krachend am Kopfrechnen gescheitert. Stattdessen kam dann eine solide Ausbildung zum Fachinformatiker und ein Studium in Medienmanagement und Markenkommunikation.

Augmen.TV liefert interaktive 3D-Inhalte zum TV- oder Online-Video-Inhalt. Foto: Dorin Popa

Mit seinem Kommilitonen Robin Sho Moser suchte er sich 2017 eine simple wie große Herausforderung für die unternehmerische Zukunft: „Lass uns etwas machen, bei dem jeder mitmachen kann. Indem die Leute das benutzen, was sie millionenfach zu Hause liegen haben.“ Die Lösung war Augmented Reality. Fürs Fernsehen. Mit dem Smartphone. Und die innovationsfreudige „Galileo“-Redaktion bei ProSieben gab den beiden in einem sehr frühen Stadium eine erste Chance, „wenn ihr das hinkriegt“.

Haben sie. „So schwer kann das nicht sein“, dachten sie sich. Sprachen mit Experten in aller Welt, bis sie sowohl ein Team, als auch einen konkreten Plan hatten. Keine zwei Jahre später operiert eyecandylab international. Die Company hat einen Firmensitz in Los Angeles. Weltkonzerne nutzen Lizenzen ihrer Technik. Zehn Wochen im Jahr ist Orzikowski auf Reisen. Sein Lebensmittelpunkt ist schon seit Jahren nicht mehr die Münchner Metropolregion, wo er zwischen Dachau, Freising und Landshut aufgewachsen ist.

Kein Empfang, aber schnelles Internet

Veitsbuch – Kein Handynetz, aber schnelles Internet. Foto: Dorin Popa

Er ist ein paar Kilometer weiter nordöstlich, in Veitsbuch, einem 100-Seelen-Dorf, aus dem seine Ehefrau stammt. Wo allein das Brennholz, das Orzikowski in einem von ihm bewirtschafteten Stück Wald selber schlägt, hinter seinem Wohnhaus länger als zwei Jahre trocknen muss, bevor er es bei sich daheim verheizen oder den Schweinsbraten darauf zubereiten kann. Ein niederbayerisches Dorf, wo man keinen Handyempfang hat, aber immerhin schnelles Internet. Und damit „ keinen Grund, meinen Lebensmittelpunkt in die USA zu versetzen, ich kann die Firma auch von hier aufbauen.“

Das Leben geht in Veitsbuch noch seinen traditionellen Gang. Im Winter Eisstockschießen auf dem Löschweiher. Im Frühjahr geht man gemeinsam den Maibaum schlagen und aufrichten. Und nach einem Sturm, oder wenn der Borkenkäfer zuschlägt, ist das halbe Dorf im Wald, um gemeinsam der Katastrophe zu trotzen.  „Ich wäre definitiv ein ganz anderer, wenn ich in München oder L.A. lebte. Hier in Veitsbuch muss man nichts gelten oder beweisen. Natürlich hat jeder sein Packerl zu tragen. Aber man wird respektiert, ohne etwas reißen zu müssen. Das ist für mich richtiger Luxus.“

Ein nachhaltiges Miteinander schaffen

Ein Bauerndorf, das sich selbst versorgen könnte. Und das Orzikowskis Blick auf vieles justiert. Beim Spaziergang mit seinem Hund Finn ist schnell nicht mehr die Rede von Venture Capital, Fundraising oder dem Delaware Flip, der Umwandlung eines Start-ups in eine Holding nach amerikanischem Recht. Sondern von dem, was ihn umgibt und wirklich zählt. Die Natur.

Nicht im Sinne traditioneller Landwirtschaft, die von Nutztieren und Nutzpflanzen spricht, über die der Mensch sich erhebt. Orzikowski glaubt an einen Paradigmenwechsel, bei dem der Darwinismus und die Ausbeutung der Natur, die Trennung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt endet und von einem nachhaltigen Miteinander abgelöst wird. „Die Welt beschäftigt sich mit First-World-Problemen, man will zum Mars statt sich mit der eigenen Erde zu beschäftigen, ihrem Zustand und ihrer Zukunft.“ Vielleicht wird er irgendwann auch für den Planeten Lösungen suchen, bei denen jeder mitmachen kann. Ansätze, die die Gesellschaft radikal verändern und die Zukunft der Erde gestalten.